Business statt Punk: Hartwig Masuch ist seit 2008 Chef der Bertelsmann-Tochter BMG Rights.
Foto: BMG

BerlinAls Hartwig Masuch seinen ersten Plattenvertrag unterschrieb, war er Anfang 20. Damals war er Sänger der Hagener Punk-Band „The Ramblers“, später Produzent von Extrabreit. Heute nimmt er selbst Musiker unter Vertrag. Der 65-Jährige ist Chef von BMG. 

Das Musikunternehmen, das unter anderem Seed, Iggy Pop, Lenny Kravitz und die Rolling Stones im Portfolio hat, ist nach Universal, Warner und Sony Music die Nummer vier im weltweiten Musikgeschäft. Masuchs Büro befindet sich in der fünften Etage eines Gebäudes am Gendarmenmarkt. Es gibt ein paar Fotos, die den BMG-Chef mit Promis aus der Branche zeigen. Neben seinem Schreibtisch stehen ein Gitarrenverstärker und eine rote Fender Stratocaster. Auf dem Fensterbrett liegt ein Koffer mit einer Stratocaster, die ihm Ron Wood von den Rolling Stones einmal geschenkt hat.

Herr Masuch, spielen Sie auf den Gitarren auch?

Nur auf der roten. Auf der von Ronnie Wood muss ich noch das Autogramm und die Widmung fixieren. Wäre schade, wenn ich sie beim Spielen abzuwischen würde.

Sie sagen Ronnie?

Wir treffen uns regelmäßig. Er hat kürzlich eine tolle neue Platte mit uns veröffentlicht. Die Strat hat er mir zum Geburtstag geschenkt.

Dann spielen Sie sicher auch Stones-Songs?

Spielen wäre übertrieben. Ich übe gerade „Sweet Virginia“. Es ist ein schönes Gefühl, wenn es Stück für Stück immer besser läuft.

Das lässt sich auch vom Musikgeschäft sagen. Nach einer langen Talfahrt legen die Umsätze wieder kräftig zu. Auch BMG wächst zweistellig. Der Job macht wieder Spaß, oder?

Mir hat das Musikgeschäft immer Spaß gemacht. Man kann alles als Problem oder als Herausforderung begreifen. Ich gehöre zu den Letzteren. Ich mag Musik, und ich mag vor allem die Menschen, die sie machen.

Das klingt heute sehr gelassen. Tatsächlich war das Tonträgergeschäft brutal zusammengebrochen. In den 20 Jahren nach Mitte der Neunziger hatten sich die Umsätze der Musikindustrie nahezu halbiert.

Das ist richtig. Allerdings muss man auch einfach mal feststellen, dass in tiefsten Krisenzeiten allein im Geschäft mit Musikaufnahmen im Jahr noch immer rund 15 Milliarden US-Dollar weltweit bewegt wurden. Es gibt Industrien, die deutlich geringere Umsätze erzielen und trotzdem überaus fröhliche Menschen beschäftigen.

Ein für die Branche beispielloser Einbruch war es trotzdem.

Sicher. Die Branche musste sich endlich tiefgehend damit befassen, wie und für wen das Musikgeschäft betrieben werden soll. Die Welt hatte sich weiterentwickelt, und die Musikindustrie tat so, als wären wir noch in den 50er-Jahren. Es kamen MTV und Viva, dann kamen Raubkopien und schließlich war das Live-Geschäft dominierend für das Einkommen eines Künstlers. Die vermeintlich festen Punkte einer ganzen Industrie hatten sich verschoben. Man musste auf den Markt reagieren. Das ist schlichtweg Unternehmertum.

Die größten Umsatzzuwächse werden inzwischen über Streaming-Kanäle erzielt, die es ohne das Internet nicht geben würde. Ist der einstige Totengräber der Musikindustrie nun ihr Retter?

Der Totengräber war ja nicht das Internet, sondern die Starrheit der Musikindustrie. Wenn ich feststelle, dass sich die Konsumenten abwenden, kann ich natürlich sagen, dass die Konsumenten böse sind und das Internet sowieso. Fakt war aber, dass die Musikindustrie etwas zu einem Preis anbot, den die potenzielle Kundschaft nicht zu zahlen bereit war. Punkt. Streaming ist ein Produkt, das der Konsument wirklich haben will.

Die CD war schuld?

Nicht das Format selbst, sondern das, was die Industrie damit gemacht hat. Man musste 16 Titel kaufen, von denen man bestenfalls sechs oder acht wirklich hören wollte. Dafür wollten immer weniger Leute Geld ausgeben. Außerdem wurden Optik und Haptik auf dem Weg von der Schallplatte zur CD getötet.

Der Mann und die Firma

Hartwig Masuch, Jahrgang 54, ist gebürtiger Hagener. Nach einem Wirtschaftsstudium gründete er mit Mitte 20 einen eigenen Musikverlag. Nena war seinerzeit die erste Künstlerin, die er unter Vertrag nahm. 1985 wechselte er zu Warner Music, sechs Jahre später zu Bertelsmann. Seit 2008 ist er Chef von BMG.

BMG ist ein Musikverlag und Plattenlabel mit Hauptsitz am Berliner Gendarmenmarkt. Das  Tochterunternehmen des Bertelsmann-Konzerns vertritt die Rechte von Songwritern wie Mick Jagger, Keith Richards, Nena, Roger Waters, Cat Stevens, Kings of Leon, Johnny Cash oder Robbie Williams. Insgesamt sind es über drei Millionen Titel und Aufnahmen. BMG beschäftigt mehr als 800 Mitarbeiter.  Im ersten Halbjahr lag der Umsatz bei 269 Millionen Euro. 

Streaming verzichtet darauf komplett und macht Musik zunehmend zu einem Begleitgeräusch. Das Hörerlebnis scheint zu verkommen.

Das ist so. Allerdings bin ich hoffnungsvoll. Plattenspieler erfreuen sich weltweit wachsender Nachfrage. Ich bin mir sicher, dass der Plattenspieler in absehbarer Zeit wieder zur Grundausstattung eines jeden Mittelstandshaushalts gehören wird. Solch ein Gerät ist ja mehr als Musikversorgung, sondern ein Statement dafür, wie ich zur Kultur stehe.

Wie hören Sie eigentlich Musik?

Auf allen Kanälen. Streaming, Vinyl, auch CD. Ich treffe mich regelmäßig mit Freuden nur zum Musikhören.

Mit CDs wurden 2018 in Deutschland noch knapp 600 Millionen Euro umgesetzt. Würde sich hierzulande etwa jeder zehnte Bürger für ein Streaming-Abo für monatlich 9,99 Euro entscheiden, würde sich das auf einen Umsatz von einer Milliarde Euro summieren. Was erwarten Sie?

Eher doppelt so viel. Es gibt Marktuntersuchungen, die weltweit Jahresumsätze von 30 bis 40 Milliarden US-Dollar erwarten. Bisher lag der höchste Jahresumsatz in der Musikbranche bei 25 Milliarden Dollar. Die Entwicklungen sind unfassbar dynamisch. Man muss auch bedenken, dass viele Länder in Asien, Afrika und Südamerika mit dem Streaming für das Musikgeschäft im großen Maßstab überhaupt erst erschlossen werden.

BMG profitiert kräftig davon. Zuletzt wuchs der Gewinn sogar schneller als der Umsatz. Was haben die Künstler davon?

Bei uns mehr als anderswo. Der Prozentsatz des Umsatzes, den wir an den Künstler auszahlen, ist bei uns der mit Abstand der höchste von allen Industrieteilnehmern.

Nämlich?

In der digitalen Welt sollte eine Fifty-fifty-Aufteilung der Umsätze die Mindestanforderung  für neue Verträge sein. Früher war eine wahnsinnig teure Infrastruktur nötig, um ein Album von A nach B zu liefern. Der Vertrieb verschlang fast drei Viertel der Einnahmen. Wenn in diesem Prozess nun die Kosten quasi gegen null gehen, ist es natürlich mehr als fair, auch den Anteil für die Künstler deutlich anzuheben. Wir wollen nicht die kreativsten im Markt sein, sondern die effizienteste Organisation, und wir geben den größten Teil der Einnahmen an die Künstler weiter.

Streaming die lukrativste Vergütung seit Erfindung der Musikindustrie.

Dabei galt Streaming jahrelang als Ursache für ein neues Prekariat im Musikgeschäft. Viele machen die Erfahrung, dass Streaming ihre Existenz gefährdet.

Daran sind nicht die Streaming-Dienste schuld, sondern die Verträge zwischen Künstler und Plattenfirma. Es gibt in der Tat noch etliche Verträge, nach denen Künstler auch für digitale Transaktionen noch immer fünf Prozent bekommen. Tatsächlich aber ist Streaming die lukrativste Vergütung seit Erfindung der Musikindustrie. Im besten Fall für den Künstler.

Der könnte seine Musik allerdings auch allein vermarkten. Dienstleister machen das für zehn Prozent vom Umsatz.

Stimmt. Allerdings ist das Musikgeschäft breit ausgestellt. Wir bringen Musik in Filmen und in der Werbung unter. Um weltweit eine lückenlose Wahrnehmung der Rechte zu gewährleisten braucht es schon einen Dienstleister von einer gewissen Größe. Der kann dann auch neue Märkte in Bewegung setzen.

Wie und wo sucht BMG nach neuen Künstlern?

Wir sind immer an spannenden Künstlern interessiert, aber nicht so sehr darauf fixiert, das nächste große Ding zu finden, wie andere Unternehmen.

Warum nicht?

Vor zwanzig Jahren war es noch überlebenswichtig, ständig neue Musiker zu finden, weil Umsätze nur möglich waren, wenn dem Markt etwas Neues angeboten wurde. Allerdings hatte damals auch niemand etwas davon, wenn sich zu Hause jemand „Dark Side Of The Moon“ auf den Plattenteller legte. Mit Streaming hat sich das geändert. Die gesamte Statik des Geschäftsmodells hat sich verschoben. Wir generieren heute 80 Prozent unserer Musikumsätze mit schon bestehendem Repertoire.

Sie leben also vor allem vom Recycling?

Ich würde eher sagen, wie ein guter Wirt von seinen hervorragenden Weinbeständen. Allerdings produzieren wir etwa mit Lenny Kravitz, Keith Richards, den Simple Minds oder Marianne Faithfull natürlich auch neue Alben.

Schauen Sie sich Casting-Shows an.

Nein. Das ist Fernsehgeschäft, keine Musikgeschäft.

Sie glauben also nicht, dass dort gute Musiker zu entdecken wären.

Ich kenne zwar keine genauen Zahlen, bin mir aber sicher, dass beteiligte Musikunternehmen mit diesen Formaten eine Menge Geld verloren haben. Von den weltweit etwa 1000 Gewinnern in den letzten zwei Jahrzehnten dürften es höchstens 20 Interpreten wenigstens ansatzweise zu einer kommerziellen Relevanz gebracht haben. Was in diesem Geschäft langfristig wirklich zählt, hat mit Kultur zu tun.

Nicht mit Hits?

Wenn man die 20 wichtigsten Umsatzträger der Musikindustrie über einen langen Zeitraum betrachtet, Led Zeppelin, Pink Floyd, Neil Young oder Bob Dylan, die hatten Hits, aber das war nicht ihre Daseinsberechtigung. U2 hatte schon lange keinen großen Hit mehr, füllt aber nach wie vor Stadien, weil es hier um kulturelle Relevanz geht.

Was meinen Sie damit?

Diese Bands und Musiker wollten immer mehr, als ein bisschen Musik für Radio zu liefern. Die haben sich auch getraut, mal was zu machen, mit dem keiner gerechnet hat.

Aber gerade dafür ist das Streaming-Modell  eher untauglich. Ein Song muss mit den ersten Takten verfangen und den Konsumenten wenigstens bis zur 30-Sekunden-Marke führen, ab der der Titel kostenpflichtig wird. Filigrane Intros sind dabei tödlich, lange Titel unternehmerisch nutzlos. Die logische Folge wären Zweieinhalb-Minuten-Kompositionen per Algorithmus.

Die Sorge habe ich nicht. Die meisten Radiosender funktionieren nach dem gleichen Modell, um die Hörer auf ihrer Frequenz zu halten. Zugegebenermaßen bedienen einige Produzenten dieses System durchaus mit Erfolg, doch definiert es nicht den weltweiten Musikkonsum und die Relevanz von neuen Künstlern. Es gibt etliche Musiker, die nicht wegen ihrer Fähigkeit berühmt und erfolgreich geworden sind, in 30 Sekunden Eindruck zu machen, sondern mit einer breiten künstlerischen Präsentation.

Herr Masuch, Sie kommen aus Hagen, sind dort als Student Taxi gefahren, während Nena in der Taxizentrale Touren vermittelte. Auch die Humpe-Schwestern und Extrabreit kommen aus Hagen. Haben Sie eine Erklärung für die ungewöhnliche Häufung musikalischer Talente in der westfälischen Provinz?

Am Anfang stand, glaube ich, einfach der Zufall. Dann half sicher die Überschaubarkeit der Szene. Man lief sich ständig über den Weg, und man half sich gegeneinander. Unsere Band hatte einen Plattenvertrag, einen Proberaum und bald ein eigenes Studio. Wir sind damit immer sehr großzügig umgegangen. Wenn einer eine gute Idee hatte, haben wir versucht, was zusammen zu machen. Andere Bands konnten bei uns im Vorprogramm auftreten. Menschen können unfassbar mit der Erfahrung motiviert werden, dass man es von Null zu etwas bringen kann.

Mit dieser Hoffnung kommen auch viele junge Menschen nach Berlin. Was halten Sie von der Stadt?

Berlin ist eine wahnsinnig spannende Stadt mit dynamischen und kreativen Menschen. Allerdings hätte es eine Stadt mit diesem Potenzial und diesen Möglichkeiten durchaus verdient, so gemanagt zu werden, dass sie auf Dauer besser funktioniert und die Berliner stolz darauf sind, hier zu leben.

Die Techno-DJs aus Detroit sind nach Berlin gekommen, weil sich in den USA kein Mensch für sie interessiert hat.

Wie sehen Sie Berlin als Musikstadt?

Gerade als solche global galaktisch spannend und relevant.

Relevant?

Natürlich. Techno, einer der treibendsten Faktoren der modernen Musikkultur, ging Anfang der 90er-Jahre von hieraus in die Welt. Damals sind die Techno-DJs aus Detroit nach Berlin gekommen, weil sich in den USA kein Mensch für sie interessiert hat. Eine ganze Bewegung kam in Gang – getrieben nicht von Mainstream-Plattenfirmen, sondern kleinen Indie-Labels. Es kam aus der Stadt heraus.

Das ist 30 Jahre her. Die Techno-Clubs aus jener Zeit gibt es nicht mehr, nachgewachsene Clubs müssen schließen, und jungen Bands fehlen die Proberäume.

Das ist leider so. Musik muss man wollen und sie braucht politische Unterstützung. Künstler benötigen die richtigen Tools, um erfolgreich zu sein, sei es im Studio oder im Live-Bereich. Das ist heutzutage nicht so einfach.

Dabei wäre dringend ein neuer Sound nötig. Ungerechtigkeiten, Unsicherheit, Wut und Spannungen in der Gesellschaft schreien geradezu nach fetten Gitarrenriffs.

Das Interesse ist da, da bin ich sicher. Noch ist es für junge Bands schwer, Katalysatoren zu finden. Aber es werden viele neue Labels für Gitarrenmusik entstehen, die auch einen neuen kulturellen Output kreieren werden.

Woher nehmen Sie diese Überzeugung?

Die neuen Vertriebskanäle machen es möglich. Ton Steine Scherben und BAP haben ihr erstes Publikum nicht im Radio, sondern mit Live-Auftritten gefunden, weil die traditionellen Musiklabel seinerzeit vor allem an Kommerzialisierung durch Mainstreamradio dachten und folglich nicht interessiert waren. Mit den neuen Vertriebskanälen können Musiker ihr Publikum nun direkt ansprechen.

Fridays for Future“ zeigt, dass junge Menschen heute alles andere als apolitisch sind, sondern überaus rebellisch sein können. Wird sich das auch in der Musik niederschlagen?

Hundertprozentig. Dies wird mit zu einer deutlich politischeren Haltung in der Musik beitragen, und das wird auch unbedingt Zeit. Denn sonst wird Musik gesellschaftlich völlig irrelevant und erzeugt weiter nette Partymusik, die sich nach zwei Alben erledigt hat.