Runter mit der Augenbinde, raus aus der Rolle des schweigenden Opfers: Frauen erheben ihre Stimme und zeigen sich vor dem State Supreme Court in New York, wo Harvey Weinstein vor dem Richter steht. 
Foto: Getty Images/Stephanie Keith

Berlin„In diesem Prozess geht es nicht um die MeToo-Bewegung. Es geht nicht um sexuelle Belästigung im Allgemeinen. Es geht nicht um die Rechte der Frauen.“ Das hatte James Burke, Vorsitzender des New Yorker Gerichts, das sich derzeit mit zwei Sexualstrafklagen gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein befasst, zu den potenziellen Geschworenen gesagt, bevor die endgültige Auswahl getroffen wurde. Und er hatte damit sicher recht.

Tatsächlich wird in dem voraussichtlich bis März andauernden Prozess unter Umständen nicht einmal die Frage hinreichend beantwortet werden, ob Harvey Weinstein ein Sexualstraftäter ist. Es geht lediglich darum, ob die Klagen in den beiden Fällen, die in New York stattgefunden haben und noch nicht verjährt sind, der Vorwurf der ehemaligen Produktionsassistentin Mimi Haleyi, Weinstein habe von ihr im Jahr 2006 Oralsex erzwungen, und der Vorwurf der Schauspielerin Jessica Mann, Weinstein habe sie im Jahr 2013 vergewaltigt, juristisch Bestand haben.

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Zwei Klägerinnen, mehr als 80 Betroffene

Wenn ja, droht dem 67-Jährigen eine lange Gefängnisstrafe. Wenn nein, kann er ins Filmgeschäft zurückkehren, falls seine Rückenverletzung und seine derzeit offenbar tägliche Therapie wegen Sexsucht das zulassen. Die Vorwürfe der mehr als 80 anderen Frauen, die in den letzten beiden Jahren gegen Weinstein laut geworden sind, darunter von Schauspielerinnen wie Angelina Jolie, Uma Thurman oder Salma Hayek, spielen in diesem Prozess für die Verteidigung wie die Staatsanwaltschaft höchstens als Illustration ihrer jeweiligen Strategien eine Rolle.

Harvey Weinstein mit seinen Anwälten.
Foto :AP Photo/Richard Drew

Gleichzeitig geht es in diesem Prozess in moralischer und emotionaler Hinsicht natürlich unbedingt um die MeToo-Bewegung. Mit der Offenlegung vieler Beschwerden und der Schilderung etlicher Fälle von sexuellen Übergriffen durch Weinstein in der New York Times und im New Yorker im Oktober 2017 war die Schweigespirale bezüglich sexueller Übergriffe und Machtmissbrauchs in der Kultur- und Politikszene mit weltweiter Wirkung durchbrochen worden.

Entfesselte Symbolkraft

Der Hashtag MeToo wurde aktiviert und zum Zeichen, unter dem Frauen, die teilweise jahrzehntelang ein Opfertum in sich verborgen hatten, zu Anklägerinnen. Und diese Berichte machten wieder anderen Frauen oft überhaupt erst bewusst, dass ihre eigenen Erlebnisse keine notwendig zu ertragenden Übel, sondern Übergriffe gewesen waren. Wenn man in Radioberichten jetzt die wütenden Sprechchöre von Frauen vor dem New Yorker Gerichtsgebäude hört, dieses „Stoppt die Gewalt, stoppt die Vergewaltigung“, dann gibt es wenig Zweifel daran, dass der Fall von Harvey Weinstein eine Symbolkraft bekommen hat, der auf Indizienebene nicht mehr beizukommen ist.

Aber: Wenn der Produzent verurteilt wird, werden auch Frauen jubeln, die ihn auf einem Foto gar nicht erkennen würden. Und wenn er freigesprochen wird, wird das als pauschaler Angriff in einem Geschlechterkampf gelten, der inzwischen in jedem dritten Büro schwelt. Es wird den Anschein haben, dass – im Schritt nach vorne oder zurück – Klarheit geschaffen wurde. Dabei ist das Bezeichnende und Vertrackte an vielen MeToo-Fällen doch gerade, dass sie von der herrschenden Gerichtsbarkeit nicht erfasst werden können. Sie finden vielmehr in einem System statt, das es Höhergestellten erlaubt, es für ein Ja zu halten, wenn das Gegenüber nicht Nein sagt, und das (nicht nur, aber insbesondere) weibliche Wesen von klein auf zurichtet, sich den Projektionen anderer zur Verfügung zu stellen.

„Alle wussten es.“

Die Strafverteidigung von Harvey Weinstein setzt durchweg auf die Behauptung einer Einvernehmlichkeit der sexuellen Kontakte. Das würden zahlreiche freundliche E-Mails belegen, die einige der Frauen Weinstein auch nach den Vorfällen geschrieben hätten. Und in dem Umstand, dass viele Frauen mit ihm weitergearbeitet haben, sieht Weinsteins Chefverteidigerin Donna Rotunno eine Vorteilnahme der Frauen gegeben. Sie seien den Kontakt in der Absicht eingegangen, ihre Karrieren zu befördern, und hätten damit sogar umgekehrt den Produzenten ausgenutzt.

Die Staatsanwaltschaft hingegen schildert Weinstein als Serienstraftäter, der jahrzehntelang seine Macht ausgenutzt habe, um junge Frauen zu verführen und sexuell zu missbrauchen. Folgt man der Darstellung des Journalisten Ronan Farrow, der für seine Enthüllungen im New Yorker den Pulitzerpreis bekommen hat, herrschte im ehemaligen Weinstein-Imperium ein geradezu institutionalisierter Umgang mit den sexuellen Übergriffen des Chefs: von der Zuführung von Frauen über die anschließende Reinigung der Hotelzimmer bis zu geradezu routinemäßigen Schweigegeldzahlungen an die Betroffenen, wenn sie drohten, die Sache öffentlich zu machen. In seinem Buch „Durchbruch. Der Weinstein-Skandal, Trump und die Folgen“ zitiert Farrow die Produzentin Dede Nickerson mit den schlichten Worten: „Alle wussten es.“ Und niemand wollte Weinstein am Zeug flicken, bis hin zu Hillary Clinton offenbar, deren Wahlkampf er unterstützte.

Die Tat verjährt, der seelische Schaden bleibt

Eine Hand auf dem Knie? – Ist doch nett gemeint! Auf dem Po? Naja, muss man vielleicht einen Schritt beiseite gehen. Ein Kuss? Hat noch niemandem geschadet. Erzwungener Sex im Hotelzimmer? Wärst du eben nicht mit nach oben gegangen.

Immer wieder haben Frauen in den letzten beiden Jahren geschildert, wie sie in Situationen geraten sind, die sie nicht wollten, aus denen zu befreien sie sich aber außerstande sahen. Teils als Minderjährige. Dass Dinge juristisch verjähren, heißt nicht, dass auch seelischer Schaden automatisch verblasst. Die Wut der Frauen vor dem New Yorker Gerichtsgebäude ist älter als der Weinstein-Skandal. Es ist die Wut über Gewalt von außen, aber auch über die eigene Ohnmacht. Eine Ohnmacht, die jeder kennt, der sich als Kind für Geschenke bedanken musste, die ihm nicht gefielen. Der höflich sein musste zu Erwachsenen, die ihn tätschelten. Der mit der Angst aufwuchs, seine Eltern enttäuschen zu können. Dessen Interessen nie für so wichtig gehalten wurden wie das Bild, das sich andere von ihm machen sollten. Dem körperliche Eigenheiten als Defizite vorgehalten wurden. Es soll tatsächlich Menschen geben, die von alldem frei sind. Das sind meistens Männer.

Zwischen sich und anderen unterscheiden

„Männer haben Körper, Frauen ein Problem“ – dieser simple Defätismus beschreibt eine Ideologie, die sich kulturell in jedem Bereich niederschlägt, von der Mode bis zum Essverhalten. Mehr als eine Industrie lebt davon. Wer die Erfahrung nicht hat, schon im Alltag täglich gegen die eigene Natur zu kämpfen, wird natürlich zurückschlagen oder aus dem Zimmer stürmen und die Polizei rufen, wenn sich ihm jemand auf unerwünschte Weise nähert, egal, wer es ist. Wer diese Erfahrung aber hat, denkt unter Umständen so lange darüber nach, wie er den anderen sein Gesicht wahren lassen kann, insbesondere wenn es jemand Höhergestelltes ist, bis es zu spät ist.

Mit vier bis fünf Jahren sollte ein Kind in der Lage sein, zwischen sich und anderen zu unterscheiden und sich dessen bewusst zu sein, dass diese, also die anderen, unter Umständen nicht das Gleiche denken und fühlen und wissen wie man selbst. Jeder, der annimmt, dass das eigene Begehren Maßstab des Begehrens des anderen ist oder dass eine gutgemeinte Geste niemals etwas Schlechtes bewirken kann, hat diesen Schritt nicht gründlich genug vollzogen.

Erwachsen werden

„Es ist an der Zeit, den Auswüchsen der MeToo-Inquisition entgegenzutreten“, schrieb ein Leser der Berliner Zeitung nach der Berichterstattung über den Protest gegen einen Auftritt des Sängers Plácido Domingo an der Staatsoper vergangene Woche. Ein anderer urteilte, dass Frauen, die einen Übergriff erst nach Jahren öffentlich machen, den Anschein erweckten, „Geldvorteile“ anzustreben und nicht zu bedauern, sondern vielmehr aufgefordert seien, sich wie „erwachsene Persönlichkeiten“ zu verhalten.

Ja, Erwachsenwerden in dem Sinne, eine vollständig integrierte und auch wehrhafte Persönlichkeit zu werden, ist allen zu wünschen, die glauben, eine Hand auf der Brust ertragen zu müssen. Noch dringender hinsichtlich des Verursacherprinzips wäre aber das Erwachsenwerden der Grapscher, die glauben, die kleine Gefälligkeit des Stillhaltens würden andere ihnen doch gerne erweisen. Denn das ist nicht der Fall.

Was heißt das nun für den Weinstein-Prozess? Wie auch immer er ausgeht – dass er stattfindet, ist der gesellschaftliche Fortschritt, auf den es ankommt. Dass das Kartell dadurch durchbrochen wurde, dass genug Frauen gesagt haben: Es reicht! Diese Inspiration braucht weder ein symbolisches Opfer aufseiten der Täter, noch kann sie einem je genommen werden. Aber das mag jede und jeder natürlich anders sehen.