Der Filmproduzent Harvey Weinstein mit Gehhilfe neben seiner Anwältin Donna Rotunno am Montag auf dem Weg ins Gerichtsgebäude in New York.  
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New YorkDas ist der neue Klassiker der Beschwichtigungsästhetik: Der rückenoperierte Harvey Weinstein, wie er auf eine Gehhilfe gestützt das New Yorker Gerichtsgebäude betritt, in dem seit Montag verhandelt wird, ob und in wie vielen Fällen er sich der sexuellen Nötigung schuldig gemacht hat. In keinem, wenn es nach ihm geht. In seiner Darstellung waren alle sexuellen Beziehungen, die er hatte, „einvernehmlich“. Mehr als 80 Frauen werfen ihm indessen Übergriffe vor, bislang zwei Fälle werden verhandelt.   

Der Begriff der „Einvernehmlichkeit“ ist ein weites Feld, wie spätestens Kirsten Roupenians Erzählung „Cat Person“ vor zwei Jahren deutlich gemacht hat. Die Geschichte, in der eine Studentin mit einem deutlich älteren Mann Sex hat, ohne das zu wollen, aber auch ohne „Nein“ gesagt zu haben, wurde im Netz millionenfach geteilt. Nicht nur „Nein“ heißt „Nein“ im Reich des Machtgefälles und der Schweigespiralen. Sondern auch ein fehlendes „Ja“.

„Einvernehmen“ transportiert etwas Gezwungenes mit

Das deutsche „Einvernehmen“ ist dabei ein noch viel fragwürdigerer Begriff als das englische „consensual“, das von Konsens im Sinne von Übereinstimmung, Zustimmung kommt. „Einvernehmen“ transportiert etwas Gezwungenes schon mit, Zeugen werden „einvernommen“ im Sinne von verhört. Dass „im Einvernehmen“ nicht automatisch positiv ist, merkt man auch daran, dass das „gute Einvernehmen“ meist extra betont wird. Zurück zum gebeugten, greise wirkenden Weinstein. Hinter ihm ragt seine Anwältin Donna Rotunno auf, die sagt, dass Menschen „in diesem wunderbaren Land“ so lange als unschuldig gälten, bis sie verurteilt würden.

Die starke, gerechte Frau und der erbarmungswürdig erledigte Herrscher – produziert hätte Weinstein eine solche Schnulze wohl nicht. Daher weiß er auch nicht, dass zum guten Kitsch in diesem Fall unbedingt etwas Reue gehören würde. Gerne auch echt empfundene.