Lässt sich die Zeit zurückdrehen? Man kann es ja mal probieren, zumindest im Theater, da geht es leichter als im wahren Leben. Und so hat man nun im Schiller-Theater, seit Herbst die temporäre Spielstätte der Ku’damm-Bühnen, die bekanntlich nach langen Auseinandersetzungen ihre alten Häuser verlassen mussten, „Hase Hase“ von Coline Serreau herausgebracht. Dieses Stück aus dem Jahr 1986 feierte hier 1992 in der Regie ihres damaligen Lebensgefährten Benno Besson seine triumphale deutschsprachige Erstaufführung.

Familie in prekären Verhältnissen

Die Leute rannten zuhauf in die Vorstellungen, die, wie es heißt, allesamt ausverkauft waren. Zur Dernière am 4. Juli 1993 sollen sich draußen 1000 potenzielle Besucher versammelt haben, die, obwohl ohne Karten, Einlass begehrten. Aber ihre „Macht das Tor auf!“-Rufe verhallten erfolglos. Es waren die letzten Jahre, in denen es der Bundesrepublik und dem bestens subventionierten West-Berlin noch ziemlich gut ging und in denen man im Osten von den Verheißungen des Kapitalismus träumte. Hartz IV gab es noch nicht.

Im September letzten Jahres hingegen wurden in Deutschland knapp 3,1 Millionen Hartz-IV-Haushalte gezählt. Das bedeutet, dass im Schnitt 9,4 Prozent aller Haushalte auf Hartz IV angewiesen waren, im Westen 8,5 Prozent, im Osten 12,8 Prozent.

Mag das auch wie eine Spaßbremse wirken, kann man derlei Daten bei einem solchen Stück nicht einfach ausblenden. Denn im Mittelpunkt der Geschichte steht eine Familie in höchst prekären Verhältnissen. Die Eltern müssen vier erwachsene Kinder und einen Nachzügler durchfüttern, und es kommen immer wieder ein paar hungrige Gastmäuler dazu. Als der Vater seinen Job verliert, ist keiner mehr in Lohn und Brot. Mit einer Handvoll Euro richtet die Mutter einmal für neun Personen ein Abendessen her. Wie sie das wohl hinkriegt?

Katharina Thalbach spielt das fidel-verrückte Ausrufezeichen in dieser Aufführung

Coline Serreau, geboren 1947 in Paris, Autorin, Schauspielerin und Filmemacherin („Drei Männer und ein Baby“), hat ihr Stück, das – warum eigentlich? – als Komödie gilt, diesmal selbst inszeniert. Es sind alle möglichen Angehörigen beteiligt, deren verwandtschaftliche Verwicklungen aufzudröseln zu weit führen würde. Nur so viel: Benno Besson hatte von vier Frauen mindestens sechs Kinder, alle scheinen sich samt Anhängen zu mögen und gern miteinander zu arbeiten, und deshalb macht jetzt eine Theaterfamilie vergnügt Familientheater.

Einige von ihnen waren schon in Bessons Inszenierung dabei und besonders für Katharina Thalbach muss die Rückkehr bizarr sein. Sie spielte damals das außerirdische Wesen namens Hase Hase, das zufällig in die Familie unter der Armutsgrenze gerät und sich da furchtbar wohlfühlt.

Als das Schiller Theater geschlossen wurde, fand sie eine neue Heimat bei den Ku’damm-Bühnen, die nun ausgerechnet dorthin ausweichen, wo sie einst vertrieben wurde. Niemand käme übrigens auf die Idee, dass „Kathi“, wie alle Welt sie nennt, vor wenigen Tagen 65 Jahre alt wurde. Wie ein putzmunteres Häschen hüpft sie in Stoffschuhen und Latzhose und mit karottenfarbenem Haarschopf umher – ungefähr wie vor knapp 30 Jahren! Sie ist das fidel-verrückte Ausrufezeichen in dieser Aufführung, in der Pierre Besson die fürsorglich-dominante Übermutter gibt: Die kann keiner unterbuttern, die hält unter allen Umständen durch. 

Appelle und Parolen

Doch als sie erfährt, dass Hase vom Gymnasium geflogen ist und ihr Mann entlassen wurde, reißt sie den Mund zu einem stummen Schrei auf, der schier nicht enden will. Überhaupt könnte dem Publikum das Lachen an diesem Abend öfter mal im Halse stecken bleiben, denn das Elend der Familie Hase ist aussichtslos. Ihre Durchhalteparolen und die Appelle an das Zusammengehörigkeitsgefühl sind völlig absurd.

Leider kann sich die Regisseurin weder zu erkennbarer Sozialkritik noch zu überzeichneter Satire entschließen. Das Tempo ist gemächlich, die Spielweise sehr spätbrechtianisch. Im Bühnenbild von Momme Röhrbein, einem zusammengeknautschten Wohnwürfel, und in den faden heutigen Alltagskostümen von Jenny Schall hört sich das Hohelied auf die Familie – in der freilich niemand wirklich viel vom anderen weiß – äußerst abgedroschen und peinlich folkloristisch verbrämt an.

Die Story klingt unglaubwürdig, das Ensemble ist trotzdem sympathisch, allerdings unterfordert. Erst am Schluss, wenn alle vor einer weißen Wand tanzen, „Hurra! Hurra! Hurra!“ singen und ein utopisches Happy End beschwören, kriegt die Aufführung doch noch Schwung und Pep und etwas vom Charme, den Bessons Inszenierung gehabt haben muss. Aber die Zeit lässt sich eben auch im Theater nicht zurückdrehen.

Hase Hase bis 24.2., Komödie im Schiller Theater, Tel. 88 59 11 88