Hass im Cassiopeia, Slaves im Lido und ein Rest Deep Purple im Admiralspalast: Konzerte in Berlin

Ärgerliche weiße Männer mit schlechten Jobaussichten! Früher war ja vor allem die SPD für sie zuständig, aber in unserer aus den Fugen geratenen Welt nehmen sich immer mehr gefährliche Scharlatane ihrer an. Daher ist es meiner Meinung nach an anderen, weniger gefährlichen Scharlatanen, sich um sie zu kümmern und ihnen ein wenig Identifikationsfläche und Hoffnung zu bieten. Nach einem Blick in die Konzertlisten unserer Stadt für die kommenden Tage bieten sich mir für diese Aufgabe spontan „ärgerliche weiße“ Punkrocker an.

„Sie haben noch nicht mal Abitur/das reicht nicht mal für die Müllabfuhr“ dröhnte etwa die altgediente Deutsch-Punk-Band Hass in ihrem Lied „Arbeitsamt“. Zusammen mit anderen Deutsch-Punk-Bands wie Kotzreiz, Pestpocken oder Pleite werden Hass am Freitagabend das Cassiopeia im Friedrichshain beim Aggropunk Fest 2018 bespielen – und keine einzige Frau wird dabei auf der Bühne stehen! Im Deutsch-Punk haben sich die in der britischen und amerikanischen Punkbewegung gelegentlich aufflackernden emanzipatorischen Bestrebungen nie festsetzen können.

Dieser traurige Umstand kann nun in etwas Positives umgesetzt werden: „Kein Bock auf Nazis, Bull’n oder andere Arschlöcher“ singen etwa Pleite. Ganz richtig! Hab ich auch keinen Bock drauf! Hoffen wir also, dass im Anschluss an das Punk-Festival in der Metropole der Weltoffenheit namens Friedrichshain diese ärgerlichen weißen Männer wieder Hass, Kotzreiz,

Pestpocken und Pleite über unsere Provinzen bringen und dort andere ärgerliche weiße Männer dazu inspirieren, künftig nicht mehr so einen rechtsradikalen Quatsch zu machen.

Slaves im Lido

Auch in Großbritannien hat der ärgerliche weiße Mann mit schlechten Aussichten in Reaktion auf seine Marginalisierung einigen Schaden angerichtet – allerdings auch, wie das dort Tradition ist, sehr gute popmusikalische Gegenreaktionen hervorgebracht.

Insbesondere das Format des männlich ärgerlichen Post-Punk-Duos ist in den letzten Jahren zu neuer Hochform aufgelaufen – natürlich in erster Linie in Form der allseits bejubelten Schimpfwort-Poeten Sleaford Mods.

Aber auch jüngere Männer drängen nach, so etwa die Band Slaves (zu deutsch: Sklaven) aus der an sich sehr reichen Kleinstadt Tunbridge Wells, die seit einiger Zeit eine beachtliche Welle macht. Ein Mann steht an rudimentärem Schlagzeug, der andere kracht auf einer Gitarre herum, und dazu wird laut gebrüllt! Wie man sich seit einigen Jahren bei größeren Festivals und in kleineren Hallen der uns bald verlassenden Insel überzeugen konnte, sind Slaves-Auftritte erstaunlich energische Angelegenheiten, auf deren Basis die Band ihre Popularität soweit steigern konnte, dass ihr aktuelles Album „Acts of Fear and Love“ auf Platz acht der britischen Album-Charts eingestiegen ist!

Am Sonntagabend spielen Slaves im Lido; der Ticketpreis von 26 Euro reflektiert zwar wohl eher die Herkunftsstadt der Band als ein fein kalibriertes Gespür für die Lebensrealitäten von Menschen mit schlechten Jobaussichten, aber es wird bestimmt ein schönes Konzert!

Einstiger Deep-Purple-Bassist Glenn Hughes im Admiralspalast

Bevor es Punk gab, hörte der ärgerliche weiße Mann Deep Purple, und einige ärgerliche weiße Männer hören auch heute noch Deep Purple. Da diese Rock-Dinosaurier im vergangenen Jahr ankündigten, sie wüssten nicht, ob sie noch einmal auf Tour gehen, springt nun ihr einstiger Bassist Glenn Hughes (aus der, wie jeder Deep-Purple-Experte weiß, minderwertigen Besetzung mit Sänger David „Whitesnake“ Coverdale) ein und spielt Deep-Purple-Klassiker im Admiralspalast!

Sicher haben auch Sie, liebe Leserinnen und Leser, beim Autofahren oder Bügeln die Radiowerbung für dieses Event mitbekommen, darauf hört man Hughes zu eingespielten Arena-Appläusen „Smoke On The Water“ singen wie ein Huhn mit Erkältung. Seit Monaten verfolgt uns dieses unintendiert modernistische Geräusch nun schon; diese Woche ist es endlich soweit, wir sind erlöst! Ob Hughes seiner fragilen Singperformance sein früher durchaus solides Bassspiel entgegenhält, müssen Sie selbst herausfinden. Wird es toller Rock ’n’ Roll gewesen sein? Oder doch eher Brechreiz?