Maren Eggert in "Hasta la Westler, Baby!" im Marlene-Dietrich-Gedächtnismantel.
Foto: Arno Declair

Berlin Hat sich viel verändert in 30 Jahren Einheit? Jürgen Kuttner verzieht sein smartes Moderatorengesicht und legt seinen noblen Frack in Falten, als durchzöge ein kleiner Schmerz die linke Flanke. Ein bisschen hat sich schon geändert, wippt er hin und her, heute behauptet ja wirklich niemand mehr, alles hätte so wunderbar, „hundertprozentig gut“ geklappt mit der Vereinigung. Was dafür heute in beängstigender Weise passiert – und Kuttner kommt wieder in Fahrt – ist, dass alle plötzlich die „ostdeutschen Lebensleistungen“ liebevoll anerkennen wollen. Wo ist deine Lebensleistung? Lass mich sie anerkennen! Wenn er das höre, gehe es ihm wie dem Autor Alexander Osang, der gegen diese Lebensleistungsanerkennungs-Manie nur die letzte „Notwehrmaßnahme“ zu ergreifen wisse: Flucht. 

Der bunte DT-Abend mit dem leicht martialischen Terminator-Titel „Hasta la Westler, Baby!“ ist nun auf Kuttner’sche Art eine solche Notwehrmaßnahme: ein Notwehrtheater sozusagen, gegen die akut ausgebrochene Gefühligkeit zwischen Ost und West – als ob psychotherapeutische Freundlichkeit die fehlerhafte Statik des Gebäudes beseitigen könnte. Warum das nicht geht, versteht man schon, bevor der Abend richtig beginnt. Denn während die Zuschauer noch ihre Plätze suchen, fließen die kalten Fakten der Vereinigungsjahre als projizierter Textvorspann über den Eisernen Vorhang: Die Deutsche Bank feiert 1990 das beste Gewinnjahr ihrer Geschichte, im Osten springt die Arbeitslosenzahl von Null auf über vier Millionen. Die Gehaltsdivergenz zwischen Ost und West betrage bis zu 1 000 Euro, und 80 Prozent der Ost-Führungsposten besetzen bis heute Westler.

Im größten Respekt werden die dümmsten Vorurteile gesagt 

Minutenlang rollt die Vereinigungsgeschichte so ab, bis Maren Eggert und Peter René Lüdicke auf die Vorderbühne treten, jeder mit einem Stuhl, sich einander gegenüber setzten und -– Achtung Lebensleistung! – sehr achtsam und freundlich beginnen, „das Abenteuer“ ihrer Begegnung paartherapeutisch aufzuarbeiten. Was fühlte sie, als sie das erste Mal in den Osten fuhr – und er in den Westen? Sie: Ekel, er: Kränkung. Und langsam bekommt der Kuttner’sche Witz seinen zwiebelnden Drall, denn beide spulen in dieser Achtsamkeitsstunde nun die dümmsten Ressentiments und Vorurteile übereinander ab, auch wenn sie sie in größtem Respekt sagen. Das Paartherapiegespräch endet, wie es gezielter nicht enden könnte, in Heiner Müllers Kurztext „Herzstück“. Die behauptete Liebesgabe des Herzens ist das Herausoperieren eines Ziegelsteins, während das Ost-West-Paar sich in Krampf-Umarmung drückt.

Zugegeben bekommt diese kleine Szene erst in der Distanz so richtig Schärfe, was sie mit vielem teilt, dass Kuttner, sein Kompagnon Tom Kühnel und der fantastische Allround-Musiker Matthias Trippner an diesem bunten Szenenschnipsel-Zweistünder aus „Quatsch und Reflexion“ (Kuttner) in den Kammerspielen zusammenrühren. Auch die historische Glücksspielnummer namens „Einigungsvertrag“, dessen Welturaufführung Kuttner wenig später als „postdramatisch zirzensisches Reenactment“ ankündigt, gehört dazu. Zauberartistin Eggert und ihr Assistent Bozidar Kocevski führen dafür eines der üblicherweise betrügerischen Straßen-Hütchenspiele auf, in dem Kocevski als bauchredender Springteufel unter den wechselnden Hütchen auftaucht und dabei die bizarrsten historischen O-Töne der damals Verantwortlichen zum Besten gibt.

Die Einflechtung der DT-eigenen Wendegschichte funktioniert nicht

Das sind dann aber auch schon die Highlights einer im Rückwärtsgang steckenbleibenden Show, in der die freundlichen Ostler wieder mal die Indianer spielen, denen der Cowboy aus dem Westen das Verkaufssprech einhämmert. Und alle – Katrin Klein ist die Vierte im Bund – dann die Ost-West-Konkurrenzen in kultig glitzernden Popsong-Potpourris ausleben. Eines funktioniert gar nicht: die sporadische Einflechtung der DT-eigenen Wendegeschichte selbst. Kuttner lässt dafür die Tagebuchnotizen des damaligen Chefdramaturgen Michael Eberth als kleine Aliennummern aus dem All einfliegen. Anfang der 90er-Jahre sollte Eberth als Import aus dem Westen dem ostdeutschen Flaggschiff DT unter Thomas Langhoff etwas „Westblick“ einimpfen, was im Umkehrverfahren zur großen Geschichte quasi scheiterte, so Eberth. Misstrauen und falsche Vorstellungen überall, und die Bühne dreht und dreht sich: hier vor allem um sich selbst.

Hasta la Westler, Baby!, wieder 28. 1., 20 Uhr, Deutsches Theater, Schumannstr. 13 a