Etwas überrascht ist man am Ende der ersten zwei Festivaltage schon: Keine heiß gelaufenen Köpfe, verstörte Mienen oder politisch erregte Satzfetzen schwirren durchs Foyer des HAU 2. Vielmehr schlendern locker lächelnde Gesichter aus dem Theater − vielleicht noch mit der Popversion der Doors-Hymne „Riders on the storm“ im Kopf, die soeben das parodistische Klinik-Theater „Dementia, or the day of my great happiness“ von Kornél Mundruczó ausklingen ließ. Nicht, dass dieses Stück über die Abwicklung einer Budapester Nervenklinik durch einen fiesen Großkapitalisten nicht böse wäre, also politisch. Im Gegenteil. Nur zeigt sich dieses Politische hier wie auch in den anderen Gastspielen des ersten Tags eben unerwartet heiter.

Eine willkommene Heiterkeit ist das, die aller Alarmstimmung und Pauschalkritik entgegensteuert. Sie ist der überlegten Programmierung durch Aenne Quiñones zu verdanken, die mit dieser Schau aktueller Produktionen aus der freien Theaterszene Budapests etwas anderes sucht, als nur die selbstverständliche Kritik am rechtsnationalen Orbán-Staat − bei den kommenden Wahlen im April wird er seine Macht wohl bestätigt finden. Viel mehr noch soll ein hin und her wandernder Blick sich bilden, der das nationalistische Ungarn nicht einfach als aus der Welt gefallen begreift, sondern auch als Produkt einer kritikwürdigen, internationalen Gegenwartspolitik.

Nach einer wahren Begebenheit

Dass kein Missverständnis entsteht: Die Drift Ungarns in die demokratieskeptische Rechtslage seit dem Wahlsieg der Fidesz-Partei 2010 ist auch hier Thema. Mehr noch aber will man das sich ideologisierende Land als Brennglas betrachten für eine Markt-Politik, die in abgeschwächter Form viele EU-Länder vor ähnliche Verwerfungen stellt: Die Ausdünnung berechenbarer Kulturförderung zum Beispiel stellt Off-Theater nicht nur in Ungarn grundlegend in Frage.

Kornel Mundruczós Stück „Dementia“ liefert dafür eine passende Geschichte, leider auch eine sehr schablonenhafte. Den Fall der Budapester Nervenklinik, um die es geht, gab es wirklich: Ein millionenschwerer Käufer heimste den bröckelnden Prachtbau ein und setzte die profithemmenden Langzeitpatienten kurzerhand auf die Straße. Mundruczó, der mit seinem 2009 gegründeten Proton Theater neben Árpád Schilling und Bélar Pintér (dessen neues Stück „Our Secrets“ am Freitag im HAU2 gastiert) zu den bekanntesten Vertretern der freien Szene gehört, hat daraus ein schräges Ausstattungstheater gemacht, das in der morbiden Detailgenauigkeit einer aufgebauten Klinik an Alvis Hermanis erinnert, in seiner kabarettistischen Nummernhaftigkeit aber vor allem Musical ist: viel schwarzer Humor, tolle Schauspieler, aber wenig Inhaltliches. Gedächtnisverlust ist die Krankheit der Stunde. Mehr noch als die vier schrulligen Patienten des Stücks erweist sich daher die kalte Profitgier des Käufers als Musterbild dafür.

Soziale Taubheit und zwischenmenschliche Narkotisierung bestimmen auch die beiden anderen Gastspiele des Beginns, wobei die Fantasie und formale Geschicklichkeit auffällt, mit der beide dieser Narkotisierung schon durch ihren frischen Umgang mit den Zuschauern entgegenwirken. Der langhaarige Prophet in Peter Karpatis „Act of the Pitbull“ beginnt schon im Foyer des HAU3 zu predigen und nimmt uns dann mit auf seine Mission in den Bühnenraum. Detailreich ist auch dort eine kleine Wohnung gebaut, in der alle zusammen Platz nehmen. Die überrumpelten Einwohner sind empört, doch bald beeindruckt der aufdringliche Prediger sie durch Hartnäckigkeit und indiskrete Fragen zu ihren Leben. Und langsam merken beide, wie passiv, ja gedankenlos sie bisher funktionierten. Der zwielichtige, machtbesessene Agitator wird zum schmerzlich absurden Katalysator der Selbstfindung – und man blickt durch ihn auf die Realität wie durch einen Spiegel.

Diese greifbare, schnörkellose Lebendigkeit hat auch der beachtliche „Korijolánusz“ (nach Shakespeares „Corolianus“) des erst 32-jährigen Csaba Polgár. Den ganzen, herrlichen Zuschauerraum des Hebbel-Theaters macht er dafür zum Spielraum und setzt die Zuschauer auf eine Tribüne vor der Bühne. Schon dieser Wechsel gibt dem Spiel besten Schub ins Gegenwärtige. Auch die armen Römer leiden hier zunächst an gewisser Sozialvergessenheit (es interessiert nur, was billig ist), die populistischen Volkstribunen aber noch viel mehr: Beliebig belügen sie ihre Wähler und intrigieren gegen den störrischen Herrn Korijolánusz, der auf der Kühltruhe sitzt und sich für was Besseres hält. Polgárs gelungene Aktualisierung macht aus dem Brecht-Shakespeare-Mix auch ein Stück über die Überwindung des Egoismus. Und man sitzt da und staunt.

Leaving is not an option? bis 16.3. im HAU, Infos: www.hebbel-am-ufer.de