Berlin - Nein, nicht Banksy steckt hinter diesem Wandbild. Jenes geheimnisvolle Street-Art-Phänomen malt ganz anders, zarter, poetischer. Auf dieser bis vor kurzem noch nackten Hauswand sind Pop Art und Expressionismus eher grob gekreuzt. Es war jemand anderes, der, irgendwann während der Corona-Sperren, Lockerungen und der abermaligen Vollbremsung des öffentlichen Lebens, derartige Farben und Formen an die Werkstatt-Seite gekracht hat. Was da unter den leeren Fensterhöhlen des ruinösen Hauses der Statistik nahe dem Alexanderplatz in die Augen sticht, wurde signiert von „E. Schrödinger“. Der Name gehört einer Physiker-Legende. Dem mit der untoten Katze in der Kiste.

Sie ist da, die Katze! Und sie lebt, guckt mit großem Schattenwurf aus dem Bild, schwarz mit weißer Fellmusterung. Sie hockt neben dem grellbunten Porträt des Wiener Forschers Erwin Schrödinger: hohe Denkerstirn, Eulenaugen mit runder Brille, riesige neugierige Forschernase. Er stieß die Wissenschaft auf die Quantenmechanik und bekam dafür 1933, in jenem schicksalsdüsteren ersten NS-Jahr für Deutschland und die Welt, den Nobelpreis für Physik.

Die Nachwelt verdankt ihm die Revolutionierung der Physik, als er bewies, dass Elektronen Eigenschaften von Wellen oder Teilchen haben können – jedoch weder das eine noch das andere sind. Bei „Schrödingers Katze“ handelt es sich um ein Gedankenexperiment: Eine Kiste, darin die Katze und ein instabiler Atomkern. Der Zerfall wird die Katze nach allen Erkenntnissen der Wissenschaft töten. Schrödinger argumentierte jedoch, dass – wenn die Quantenphysik auf makroskopische Systeme anwendbar wäre – nicht nur der Atomkern, sondern auch die Katze in einen Zustand der Überlagerung geraten müsste. Diese Überlagerung würde erst beendet, wenn jemand den Kasten öffne und den Zustand der Katze überprüfe, also entweder das Ergebnis „tot“ oder „lebendig“ feststelle. Bis dahin wäre die Katze also lebendig und zugleich tot. Fazit: ein unlösbarer – naturwissenschaftlicher wie philosophischer – Widerspruch.

Rechts der Werkstatt-Pavillonseite des 1968 bis 1970 erbauten einstigen Sitzes der Zentralverwaltung der DDR-Statistik schaue ich also halb ratlos, halb amüsiert auf ein vielfarbiges Paradoxon, das mir wie eine Metapher vorkommt: Ist das ehrgeizige Kunst&Leben-Projekt der alternativen Berliner Kulturszene, diese Beuys’sche „soziale Plastik“ einer Gemeinschaft von Künstlern, Migranten, Kreativen, Mietern aller Couleur, Gewerbetreibenden sowie Mitarbeitern des Rathauses Mitte, nun tot oder lebendig? Oder beides gleichzeitig, weil das Land Berlin wegen der Pandemie-Situation und der horrenden Staatsausgaben erstens die gewaltige Geldsumme für Sanierung, Um- und Ausbau und zweitens die baufachlichen Kräfte für die hochfliegenden Pläne mit dem ruinösen Areal gar nicht mehr zur Verfügung hat? Weil das Ganze nicht wie gedacht in den nächsten zehn Jahren realisiert wird, sondern eine große Utopie für irgendwann in diesem Jahrhundert oder gar Sankt Nimmerlein bleibt?

Deutlich kann ich rechts im Wandbild, in einem grünen Oval, diese Schrift lesen: „Wenn Du sie nicht öffnest, wirst Du auch nicht enttäuscht sein.“ Schrödingers Kiste mit der toten oder lebendigen Katze steht also auch für den riesigen Bau in Stahlbetonskelettbauweise der DDR-Moderne. Seit 13 Jahren starren einen leere Fensterhöhlen an. Rotweiße Absperrbänder markieren Betretungsverbote der teils schon entkernten Räume und der Abriss-Schuttberge im Hof, wo einsam eine Open-Air-Theaterbühne im Lockdown-Koma siecht. Vor Corona gab es noch Veranstaltungen. Ausstellungen, Podien. Es arbeiteten Bauleute. Jetzt dräut über dem Geländekomplex nur die vage Frage: Wann und wie geht’s weiter? Oder aber nicht?

Im entkernten Konferenzsaal der Statistiker befand sich einst das riesige Wandbild „Lob des Kommunismus“ des Malers Ronald Paris, zum Glück nicht zerstört, sondern 2010 ins DDR-Museum am Dom-Aquarée umgesetzt. Wie ein hoffnungsvoller, zugleich ketzerischer Kommentar auf die gründlich gescheiterte Utopie einer klassenlosen Gesellschaft, die alle Bedürfnisse befriedigt, wirkt Schrödingers untote schwarze Katze an der Wand der kistenartigen Werkstattgalerie unter der Ruine. Für das Gedankenexperiment des 1961 gestorbenen Wissenschaftlers gibt es bis heute zig Interpretationen, die allen möglichen Zuständen („Katze tot“ und „Katze lebendig“) gleichermaßen physikalische Realität zusprechen. Ein pandemiehygienisch korrekter Spaziergang zu diesem seltsamen, anonymen und paradoxen Wandbild bringt sehr wahrscheinlich auch keine Antwort. Also lesen wir das Motiv als surreales Gleichnis.