Ins Netz gegangen: Der Schauspieler Paul Maximilian Boche 
Foto: hausderstatistik.org

Berlin Keine Frage, man hätte sich am vergangenen Freitag einen freundlicheren Juniabend gewünscht für den ersten echten Theaterauftritt nach der dreimonatigen Zwangspause. Dunkle Wolken schoben den Regen vor sich her und der Wind heulte, doch so zog man sich eben noch einmal den Wintermantel an und ließ sich den Frühling um die Ohren wehen, während vier tapfere Schauspieler der Theaterformation „Die dramatische Republik“ das bizarr-charmante Erinnerungsstück „Der Koffer“ von Malgorzata Sikorska-Miszczuk im Innenhof des Hauses der Statistik aufführten. 

Nein, Klagen über die so lange vermissten äußeren Widerstände, die jeden Theaterbesuch gerade auch zu einem besonderen machen, soll es hier nicht geben. Erst recht nicht, wenn der Ort, den der Zufall dafür auswählte, passender nicht hätte sein können. Denn es gibt derzeit wohl keinen zweiten Platz in Berlin, der eine vielversprechendere, innovativere Zukunft in sich birgt, als das knapp 50.000 Quadratmeter umfassende Areal am Alexanderplatz mit dem ruinösen Gespensterblock namens „Haus der Statistik“ mittendrin.

Nach wie vor pfeift hier der Wind durch Hunderte entglaster Fenster, aber seitdem das Land Berlin den seit zwölf Jahren leerstehenden 60er-Jahre Koloss vom Staat gekauft hat und zusammen mit der impulsgebenden Künstler- und Bürgerinitiative „Haus der Statistik“ seine gemeinwohlorientierte und Nutzungsvielfalt garantierende Zukunft beschlossen hat, bevölkern diverse soziale und künstlerische Pioniernutzer und Allround-Aktivisten die erdnahen Geschosse.

Sie wollen vorbereiten, was in einigen Jahren dort entstehen soll: ein einzigartiges, nicht kommerziell beherrschtes Quartier, das günstiges Wohnen, Stadtteilverwaltung, (inter)kulturelles, migrantisches, sozial und ökologisch nachhaltiges Leben vereint. Ein Stadtmodell der Zukunft also, an dem auch „Die dramatische Republik“ um den Autor und Regisseur Rolf Kemnitzer seit September 2019 mitwirkt, indem sie allmonatlich ein Stück Gegenwartsdramatik in die Räume bringt.

Diesmal ist aus bekannten Hygienegründen der aushäusige Autoscooter dran, der vor eineinhalb Jahren als divers nutzbare Nachbarschaftsbühne in den Hof gebaut wurde. Schön für das Drama, das sich so ausbreiten kann, auch wenn man sich die versponnen surreale Erzählung über den traurigen Fransoua, der durch Paris schleicht und „die Wahrheit sucht“, gut als bloßen Traum vorstellen kann. „Die Wahrheit“ - das ist für Fransoua der Verbleib seines Vaters, den er mit drei Jahren verlor, worüber die greise Mutter eisern schweigt.

Bis Fransoua die Suche beginnt, haben die beiden eigentlichen Protagonisten der Geschichte – der Erzähler und seine Kumpanin, die inkarnierte Anrufbeantworterstimme Fransouas – den reflektierenden Drive des Ganzen aber schon abgesteckt: es geht um das Erzählenkönnen und das Erinnern, und wie beides erst Leben bedingt.

Dass sich das einfacher anhört, als es ist, lernt Fransoua in einem „Museum für Vernichtung“, das mit Lebensbeweisen vom Lebensverlust berichten will und auch Fransoua plötzlich in einen absurden Glücksmoment stößt: Er entdeckt den Koffer seines Vater und damit erstmals den Vater selbst. Er wurde in Auschwitz ermordet. Wie in all ihren Stücken bohrt Sikorska-Miszczuk auch hier in den unauflöslichen Widersprüchen von persönlicher und gesellschaftlicher Geschichte, die jeden zwingen, einen nie klaren, eigenen Weg zu finden zwischen toten Dokumenten und lebendiger Aneignung.

Vor der starken Realkulisse des Trümmerhauses erforderte das aber entweder eine besondere Transparenz des Spiels zum Ort hin oder umgekehrt eine doppelt kraftvolle Spielenergie dagegen. Leider fehlt dem behäbigen Abend das eine wie das andere. Zwar turnt das Erzählerpaar munter über den ganzen Autoscooter weg, doch fehlt ihm die groteske Schärfe, der Witz, auch die Dringlichkeit. Ein Anfang aber ist gemacht.

Haus der Statistik, Otto-Braun-Str. 70-72, Termine: 6., 12., 13., 19., 20.6., 20 Uhr, Reservierung: 33842219