Ein Kater weiß alles, möchte aber dennoch informiert werden.
Foto: Jean-Michel Labat

BerlinDer Kater war nicht im Urlaub. Die Familie schon. Bereits in der Nacht vor der Abreise seiner gewohnten Bezugsgruppe hatte er keine Ruhe gefunden. Ratlos war er zwischen den vollen, aber noch geöffneten Koffern Patrouille gelaufen und hatte seine Fragen kehlig ins Dunkel hinausgemaunzt. Am Morgen fanden sich Katzenhaare auf den Kleiderstapeln und der Kater saß erwartungsvoll in seiner Transportbox. Er war wohl zu dem Schluss gekommen, dass man ihn informiert hätte, wenn Gravierendes geschehen würde, und mag sich an die Winterferien erinnert haben, in denen er die Familie nach Mecklenburg begleiten durfte.

Diesmal aber sollte die Reise ohne ihn losgehen. Und als wir bereits unsere Schuhe anzogen, ohne dass die Katzentoilette inzwischen zum Gepäck gehört hätte, verstand der Kater das schließlich auch. Er setzte sich auf die Schwelle zum Wohnzimmer und drehte uns den Rücken zu. Sie werden vielleicht sagen: So ein Quatsch, das denkt sie sich aus! Dann frage ich Sie: Haben Sie Katzen?

Die Versorgung war natürlich gewährleistet. In den ersten beiden Tagen schickte eine im gleichen Haus lebende Freundin meiner Tochter über WhatsApp quasi stündlich Bulletins zum Gemütszustand des Katers und führte in der Wohnung handschriftlich Tagebuch über sein Schnurr- und Fressverhalten. Danach zog unsere ältere Tochter ein und stabilisierte die Pflege auf üblichem Niveau.

Ich persönlich habe die beiden Wochen ohne Haustier insbesondere in der Tiefschlafphase gegen Morgen sehr genossen. Die mitgereiste Tochter aber tat sich schwerer, erschrak in unbeschwerten Momenten darüber, einige Minuten nicht an den Kater gedacht zu haben und ließ sich von ihrer Schwester dann ein Update schicken. Oder sie sah Katzen auf den fremden Straßen, denen sie sich nicht ohne Schuldgefühle hingebungsvoll widmete. Denn einerseits leistete sie durch diese Zuwendung zwar stellvertretende Abbitte für ihren urlaubenden Alleingang am gesamten Katzengeschlecht. Andererseits war die gestreichelte Katze unabweisbar nicht die eigene, zurückgelassene und wurde dann wenigstens mit dieser verglichen.

Ohnehin war die Frage, ob und wenn ja wie gut genau es dem Kater an diesem Strand oder in jenem Garten gefallen würde, der Maßstab für die Beurteilung jeglicher Verhältnisse in den Ferien. Um mit der Tochter im Gespräch zu bleiben, übernahmen wir Eltern diese Parameter unwillkürlich, und Leute, die uns von den Nebentischen her vielleicht zuhörten, mussten den Eindruck gewinnen, wir planten eine Überraschungsparty für ein hochgestelltes Familienmitglied („Guck mal, DAS würde Henry bestimmt Spaß machen!“).

Bei der Zugfahrt nach Hause nahmen wir schon mal spielerisch vorweg, wie sich der Kater über unsere Rückkehr freuen würde, und die für ihn bestimmten Geschenke wurden griffbereit in der Tasche platziert. So näherten wir uns voller Huldigungen der Wohnung, und als man ihn hinter der Tür maunzen hörte, war der Höhepunkt des Urlaubs erreicht. Der Kater wirkte etwas misstrauisch und hatte mindestens zwei Pfund abgenommen, was ihm ausgezeichnet stand. Pflichtgemäß rollte er sich zur Begrüßung auf dem Boden herum, und die Tochter war glücklich. Beim nächsten Mal, entschied ich, als ich meinen Koffer abstellte, muss er mit. Ohne ihn hat man vor ihm einfach keine Ruhe.