Kamasi Washington.
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Der traut sich was! Mit wunderbarem Großkitsch saust Kamasi Washington in sein neues Opus „Heaven & Earth“. Die zehnminütige Eröffnungsnummer heißt „Fists of Fury“ und klaubt die Hörer genau dort auf, wo sie vor drei Jahren geplättet, erschöpft und beseelt nach dem Vorgänger „The Epic“ liegengeblieben waren: Mit einer unwahrscheinlich dynamischen Larger-Than-Life-Bewegung aus wortlosem Chor und Orchester, mit splitternden Klavier- und Saxofonsoli sowie einer männlichen und weiblichen Gesangsstimme, die mit dem Pathos einer großen Pekingoper mit taktischem Geschick die Jazzgeschichte stürmen.

Tatsächlich ist Washington noch ein bisschen mutiger: Er hat sich das Thema von Joseph Koo ausgeliehen, einem legendären chinesischen Film-Komponisten, der damit 1972 einen Bruce-Lee-Kung-Fu-Klassiker untermalte. Kamasi Washington zieht hier mit anderen Worten eine selbstbewusste und spannungsreiche Linie vom saturnischen Big-Band-Jazz eines Sun Ra zu den spirituellen Furchtlosigkeiten im Souljazz der späten 60er- und frühen 70er-Jahre – und weiter bis zu den samplefreudigen Martial-Arts-Fans des HipHop zwischen Compton, L.A., wo Washington zu Hause ist, und Shaolin, New York, wo der Wu Tang Clan den modernen HipHop erfunden hat.

Mit rund 150 Minuten ist „Heaven & Earth“ zwar ein wenig kürzer als der Vorgänger; und als Hörer ist man natürlich beim nunmehr zweiten Mal besser für den atemberaubenden Punch dieser unbändigen Musik gewappnet.

Versiertheit und Vertrautheit

Doch scheint der 37-jährige Washington die verschiedenen Ausflüge in die Stile und Geschichte der afroamerikanischen Musik noch besser zu verweben und zu integrieren. An entsprechend ausgestellten Einflüssen hat es ja auch vorher nicht gefehlt. Wie sollte es auch? Die acht festen und ein paar lose assoziierte Musiker, die Washingtons Kollektiv West Coast Get Down bilden, wuchsen zwar weitgehend unter Ausschluss der digitalen Pop-Öffentlichkeit heran, aber sie kennen sich meist schon seit der frühen Jugend im Problembezirk South Central; sie spielten in Schulbands zusammen und trafen sich zu regelmäßigen Sessions in einer Bar in Hollywood.

Aber ihr Geld verdienten sie als Studiomusiker und Tourbegleiter von Jazzstars wie George Duke und Herbie Hancock, von R&B-Künstlern wie Erykah Badu oder bei HipHoppern wie Snoop Dogg. Kein Wunder also, dass man sie 2015 auch auf Kendrick Lamars „To Pimp a Butterfly“ hörte, ein Einsatz, der nicht nur Kamasi Washington einen ordentlichen Imageschub verpasste: „The Epic“ war nur das erste Ergebnis einer 30 Tage dauernden Sessionorgie, die – eine vom Wu Tang Clan bekannte Strategie – für Soli von mittlerweile fast allen Kernmitgliedern der Band gereicht hat. Dies alles, die Versiertheit, die Vertrautheit, den Blick hinaus, hört man nun auch wieder auf „Heaven & Earth“.

Großartige Soulstimmen

Zunächst mag der Retroeindruck des Spiritual Jazz dominieren, der Ton eines Pharoah Sanders und John Coltrane, die kosmischen Ideen eines Lonnie Liston Smith, auch eine entsprechende Rhetorik – dies war schon zuletzt ein Grund für Puristen, die Nase zu rümpfen. Sie witterten einen Hype, weil ausgerechnet die Popwelt den Saxofonisten zum Retter des Jazz erklärte. Kamasi Washington hat dabei sehr wohl Sinn für den Effekt, nicht nur in den opulenten Arrangements, sondern auch den unverstellt gefühlsbeladenen Stimmen und den haltlosen Soli – er spielt die Überwältigungskarte genüsslich aus wie ein Wagner auf Jazz.

Eine vor allem dramatische Geste scheint auch die vorgebliche Zweiteilung des Albums zu sein, sie klingt schick und konzeptuell, aber der von Washington erklärte Unterschied als „Blick auf die äußere Welt“ in „Earth“ sowie die Introspektion von „Heaven“ lässt sich beim Hören so deutlich nicht nachvollziehen. Schaut man sich wiederum das Coverfoto an – er kann auf dem Wasser gehen – darf man dahinter wohl eine gewisse Ironie gegenüber so manchem an ihn herangetragenen Superlativ vermuten.

Was andererseits die Richtung der Musik bestimmt, das ist der entschlossene Zug zur Fusion. Gern benutzen die Musiker afrokubanische Beats, auch HipHop und Funk, es gibt gniedlige Synthie-Soli, Wahwah-Einsätze und auch mal – selten – freie Saxophonausbrüche, dazu immer wieder die retrofuturistischen Chor- und Orchesternummern zwischen „Star Trek“ und „Hair“ – und großartige Soulstimmen.

Diese weite Umarmung gilt indes nicht nur der Ästhetik. Washington ballt zwar zu Beginn die Fäuste der Wut, aber in erster Linie, um die positiven Kräfte zu sammeln, aus der Geschichte wie der Gegenwart. Und so gerüstet richtet sich Washingtons Musik nicht gegen die herrschende Dummheit, Grobheit und Stumpfheit – sie brandet und säuselt, rauscht und wirbelt einfach darüber hinweg. Kamasi Washington – Heaven & Earth
(Young Turks/XL/Beggars)