Eine Blüte des postdramatischen Theaters: Forced Entertainment. Mit ihrem sechsstündigen Quizmarathon sind sie beim Jubiläumsprogramm im HAU.
David Schalliol

BerlinEs ist eigentlich kurios, was dieses kleine Wort schon alles auf dem Buckel hat. Dabei gehört es mit seinen zwanzig Jahren zu den jüngeren der Begriffsgeschichte: die Postdramatik. Möglicherweise winkt auch jetzt schon wieder der ein oder andere ab – diese Modeworte mit „post“!

Heiner Müller antwortete auf die Bezeichnung „postmodern“ trocken, dass er überhaupt nur einen Autor dieser Art kenne: August Stramm von der Post. Dabei hat die kleine lateinische Silbe mit der schillernden Bedeutung „nach“ den wunderbaren Vorteil, sich gleichzeitig auf etwas beziehen und doch kritisch davon absetzten zu können. Und schon ist man mittendrin in der nie stillzustellenden Denk- und Erfahrungsbewegung, die auch die „Postdramatik“ auszeichnet.

Wobei das mit den zwanzig Jahren − so viel Genauigkeit muss sein − gemogelt ist, denn natürlich geisterte der Begriff auch schon vor 1999 durch aufgeweckte Diskussionskreise über das, was sich seit den 1960er-Jahren auf und neben den Bühnen der Welt verschob.

Apparate statt Augen

Und das hatte viel mit den technischen Veränderungen von Wahrnehmung zu tun. Damit, dass Apparate immer wichtiger für das Sehen, Handeln und Urteilen wurden als die bloßen Augen selbst. Zuerst nur der gute alte Fernseher, der die Aufmerksamkeitsökonomien langsam verschob, auch die flinken Handkameras in den Händen vieler Väter. Schließlich aber tauschten die immer ausgefuchster und schneller werdenden multimedialen Digitaltechniken in Handys und Computern die geduldigen Augen eines stringent hinsehenden Betrachters gegen das viel schnellere, fragmentierte Wechselspiel vieler Bild- und Informationsquellen aus.

Wäre es nur dabei geblieben, wäre die Postdramatik nicht viel mehr als ein medienevolutionäres Ereignis. Sehr bald aber richtete sich das Geschehen in der Welt selbst immer weniger nach je eigenen Logiken, als nach denen der medialen Beobachtung aus. Und das seit Shakespeares Zeiten natürlich nicht unbekannte Spiel zwischen Schein und Sein bekam eine ganz neue, manipulative Undurchschaubarkeit.

Als einer der ersten erkannte der Theaterwissenschaftler Andrej Wirth, wie auch das Theater von seinen Rändern her darauf reagierte. Wie etwa das Living Theatre seine Spielweisen und Kontakte mit dem Publikum nun in demonstrativer Ferne zur Kunst direkt auf den Straßen New Yorks suchte. Oder wie umgekehrt die Wooster Group die Filmtechnik offensiv in eigenen, kritischen Gebrauch nahm. Sie alle schubsten das Theater aus dem klar strukturierten Dramenkorsett der Jahrhunderte ins Offene, Disparate, wofür Wirth 1982 auch das Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen gründete.  

Erst 17 Jahre später aber, als Hans-Thies Lehmann der ersten umfassenden Studie über diese neuen Spielformen den Titel „Das postdramatische Theater“ verpasste, horchten die Granden der Theaterkritik plötzlich auf.

Ein Präfix sprengt die Hierarchie

Auf einmal hatten nicht nur die Drama verweigernden Dramen eines Heiner Müller und einer Elfriede Jelinek einen Gattungsnamen, sondern auch die nur als „Event“ oder „Happening“ behandelten, handlungslosen Spielrituale eines Robert Wilson. Mit dem Namen kam auch ein Status, und unversehens schlugen die Torhüter und Lordsiegelbewahrer der klassischen Kunst Alarm. Denn plötzlich schien das kleine Präfix der ehernen Hierarchie der Dramatik, in der das feste Gefüge aus Handlung und Rollenspiel die Spitze bildete, den Krieg anzusagen.

Dabei zielt Postdramatisches am allerwenigsten auf kämpferische Abschaffung von dramatischen Mitteln, als vielmehr auf deren radikale Bewusstmachung, Ausweitung, Veruneindeutigung, in jedem Fall: auf immer neuen, nie fixierten Gebrauch. Dass mancher, der bis dahin glaubte, die dramatische Kunst durch und durch verstanden zu haben, sich dadurch angegriffen fühlte, ist unvermeidlich. Und so läutete Lehmanns Buch kurz vor der Jahrtausendwende tatsächlich auch eine kleine Zeitenwende in und um das Sehen und Sprechen von Theater ein.  

Dass in dieser Woche nun nicht nur das Hebbel am Ufer (HAU) als einer der wichtigsten Förderer und zugleich selbst Kind dieses neunen Methodenbegriffs ein zehntägiges Performance-Programm startet, sondern auch die Akademie der Künste ein eigenes Symposium einberuft, ist da nur angemessen. Denn seltsamerweise kämpft das so theoriekritische Theorem, das angetreten ist, das Theater zu verlebendigen, Raum, Material, Licht, Text, Bewegung, auch die Zuschauer aus ihrer nur dienenden, nur schauenden Rolle zu befreien, bis heute mit dem Ruf, etwas besonders Theaterfeindliches zu sein.

Zu ernst, zu real, zu unverständlich, zu viele Performer auf den Bühnen, die keine Rollen mehr spielen, nur sich selbst präsentierten und sich damit um die Kraft der welthaltigen Kritik brächten, lautet die Kritik. Und so rief vor zehn Jahren schon der Dramaturg Bernd Stegemann die Postphase der Postdramatik aus. Fast möchte man meinen, er hätte nie einen Abend von Forced Entertainment oder She She Pop gesehen. Truppen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, die aber beide, ganz postdramatisch, ihr Theater zuallererst aus der Kritik der eigenen Mittel entwickeln, diese Desillusionierung aber im zweiten, dritten Schritt immer wieder in ein Spiel mit Illusionen verwickeln.

Auf Messers Schneide zwischen Kunst und Leben

In den nächsten Tagen wird das im HAU zu sehen sein. Drei Clowns werden in Forced Entertainments Quiz-Farce „Quizoola“ sechs Stunden lang mit annähernd 2000 Fragen und Antworten die Welt zu erklären versuchen. Wobei sich im Verlauf dieses unmöglichen Bühnenduells selbstredend alles andere entwickelt als eine Welterklärung.

Langsam wird die Zeit zum Regisseur des Abends werden und die Fitness der Spieler, ihre Improvisations- und Provokationslust, ihr Hang zum Machtkampf, zum Witz, zur Verstellung die Spielregeln stauchen und dehnen. Immer auf Messers Schneide zwischen Kunst und Leben, Sinngebung und Sinnflucht aus, wird das unmögliche Bühnenquiz zur Modellstudie des Gesellschaftswesen „Mensch“ an sich.

Ein Performer, viele Selbste

Ja es stimmt, postdramatisches Spielen ist immer selbstbezüglich, aber kein Performer ist darin je nur er selbst, sondern zusammengesetzt aus vielen Selbsten. Einige Meisterschaft haben die Rechercheure von She She Pop darin erlangt, die zum Geburtstag eine Art postdramatischen „Kanon“ entwickeln wollen, der sich auf Zuruf aus dem Publikum jeden Abend neu ergibt.

Szenen der beeindruckensten Theatererfahrungen sollen, je nachdem, einfach nachgespielt, erzählt, ertanzt werden, und allein schon in der sich auftuenden Lücke zwischen Original, Erinnerung und Nacherzählung wird die kreative Kraft des Postdramatischen sichtbar. She She Pop spielen nicht, wie Tim Etchells Truppe, sie zeigen − und an diesem Abend zeigen sie Theater als Gedächtnisraum, das im besten Fall immer „post“, weil nie einfach da ist, sondern im Verlauf gesucht werden muss, wie Heiner Müller schreibt: „zwischen Blick und Blick“.

Informationen zu den Jubiläumsprogrammen: www.adk.de und www.hebbel-am-ufer.de