Von Versteckspielen handeln diese beiden Wettbewerbsbeiträge, „Hedi“ aus Tunesien und „Midnight Special“ aus USA. Ihre Hauptfiguren tragen Geheimnisse mit sich, die einen freien Umgang mit der Welt nicht erlauben. Hedi ist ein junger Mann, das Sorgenkind der Familie. Während der große Bruder zum Studium nach Paris gegangen ist und dort einen Job als Ingenieur gefunden hat, glaubt die Mutter, dass sie Hedi alles vorschreiben muss, vom Beruf im Autohaus bis zur traditionellen Verheiratung.

Die Hochzeit steht unmittelbar bevor, als Hedi beruflich aus der Stadt geschickt wird. Im Hotel lernt er eine Animateurin kennen und verliebt sich in sie. Und weil er zum Kennenlernen einen komischen Auftritt hinlegt mit einer völlig übertriebenen und überflüssigen Entschuldigung für sein Flunkern beim Smalltalk, findet sie ihn auch ganz süß, aber nicht nur, sie nimmt ihn auch ernst: Wenn er Comics zeichnen wolle, sei das „kein Traum, sondern ein Plan“. In der Blase des Hotels ist ihre Beziehung kein Problem – aber als Hedi zwei Tage vor der angesetzten Hochzeit nach Hause muss, kommt es erwartungsgemäß zu Problemen, Vorwürfen, Ausbrüchen.

Gesellschaftsmetapher

Der Regisseur Mohamed Ben Attia versteht seinen Liebesfilm als Metapher auf die tunesische Gesellschaft zwischen Tradition und Moderne. Als Bewohner der traditionsentkernten nordwestlichen Welt sieht man mit Rührung, wie einfach sich Emanzipationsfragen dort noch behandeln lassen. Wartet nur, bis ihr frei seid! Das ist auch nicht lustig. Hedi weiß immerhin, welche Gestalt sein Leben haben soll, und muss sich lediglich seiner starren Fesseln entledigen. Hier wissen wir, dass damit die Probleme erst anfangen und sich in den Widersprüchen zwischen zahllosen Optionen vervielfältigen. Schon versucht man, die verfluchte Freiheit wieder einzuschränken, indem man traditionelle Werte und Bindungen wie Familie wieder hochhält.

In den USA ist die Familienzusammenführung seit Steven Spielberg der zentrale Topos des Mainstream-Kinos. In gebrochener Form handelt auch „Midnight Special“ davon. Ein geheimnisvoll begabter Achtjähriger wird von seinem Vater aus den Fängen einer Sekte entführt, mit der Hilfe eines alten Freundes des Vaters suchen sie die Mutter auf, und der Sohn wiederum stellt fest, dass er eigentlich – nunja – in eine andere Welt gehört.

Jeff Nichols hat als Autor und Regisseur von Filmen wie „Take Shelter“ oder „Mud“ das Talent gezeigt, riesige, existenzielle Geschichten in einer kleinen Welt anzusiedeln. Diese Qualität zeigt auch „Midnight Special“. In engsten Verhältnissen beginnt der Film, in einem Motelzimmer, dessen Fenster mit Pappe verklebt sind, in einem Auto geht es weiter. Zugleich fliegen Nachrichten ein: Die Meldung, dass ein Achtjähriger entführt worden sei, über den Polizeifunk empfangen die Flüchtigen, dass sie verfolgt werden. Nach und nach werden Altons eigenartige Begabungen enthüllt: Er empfängt Radiowellen, er kann Satelliten abstürzen lassen, aus seinen Augen dringen gleißende Strahlen mit psychedelischer bis landschaftsverändernder Wirkung.

Auf der anderen Seite steht die kleine Sekte, die bei einer ihrer Versammlungen vom FBI verhaftet und vom NSA verhört wird. Woher kommen die ganzen Zahlen in den Predigten des Gurus? Der Achtjährige hat sie aufgeschnappt – und sie enthalten Staatsgeheimnisse, während der Sektenguru sie als Vorhersage des Jüngsten Gerichts interpretiert. Sowohl Sekte als auch FBI sind nun hinter diesem eigenartigen Kind her.

Klischeeverzicht

Das ist als Geschichte von Flucht und Heimlichkeit so kunstvoll und packend erzählt und unter souveränem Verzicht auf Klischees inszeniert, dass man sich ein bisschen unwillig mit der Frage beschäftigt, was denn das alles eigentlich zu bedeuten hat. Auch „Take Shelter“ handelte von einem außerordentlich begabten Mann – einem Bauarbeiter, der, gepackt von der Angst vor einer Katastrophe, einen Bunker zu bauen beginnt. Aber in diesem Film blieb offen, ob es sich wirklich um eine Begabung oder um eine Psychose handelt; damit stellte er die alte Frage, was wahr ist und was Einbildung. In „Midnight Special“ ist das Besondere des Kindes sehr bald eine Realität, die doch ein wenig krude wirkt, wenn plötzlich flackernde Blasen über der Landschaft entstehen.

Soll man nun annehmen, dass „Midnight Special“ lediglich davon handelt, dass Kinder ihren Eltern irgendwann fremd werden, aber dennoch deren bedingungslose Unterstützung verdienen? Sicher beruht darauf die emotionale Wirkung des Films, die Nichols zwischen den Figuren ungemein taktvoll und diskret darstellt. Aber auf der anderen Seite wirkt der Rahmen dieser Geschichte wiederum eigentümlich bombastisch: Muss man für dieses intime Thema wirklich Satelliten abstürzen und ein halbes Dutzend FBI-Hubschrauber aufsteigen lassen?

Inhebbek Hedi: 13.2.: 9.30 Uhr, Friedrichstadt-Palast, sowie 18 Uhr, Friedrichstadt-Palast; 14. 2.: 21.30 Uhr, Toni & Tonino; 21. 2.: 12.30 Uhr, Haus der Berliner Festspiele

Midnight Special: Dieser Film läuft ab 18. 2. regulär in den Kinos. 112 Minuten. FSK ab 12 Jahre.