Georg Wilhelm Friedrich Hegel, 1770–1831.
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Immer wieder wird betont, wie wichtig die Französische Revolution für Hegel und seine Generation gewesen sei. Aber ebenso wichtig war, was ihr folgte. Am 14. Juli, dem Jahrestag des Sturms auf die Bastille, soll Hegel bis an sein Ende mit Champagner an den Beginn der Französischen Revolution, „den herrlichen Sonnenaufgang der Freiheit“ erinnert haben.

Die Französische Revolution war ihm der Versuch, die Welt auf den Kopf zu stellen, sie also einzurichten nach dem, was man für richtig erkannt hatte. Das war ein ungeheurer Schritt in der Entwicklung der Menschheit. Aber er führte zum „Terreur“. Wie Kohlköpfe fielen unter der Guillotine die Köpfe der Gegner der Jakobiner. Die Freiheit aller, wie sie in der Erklärung der Menschenrechte proklamiert worden war, kulminierte in der Freiheit eines Einzelnen, der sich halb Europa unterwarf.

Hegel hatte dagegen zunächst nicht allzu viel einzuwenden. Am 13. Oktober 1806 schrieb er an seinen Freund Niethammer: „Den Kaiser – diese Weltseele – sah ich durch die Stadt zum Rekognoszieren hinausreiten. – Es ist in der Tat eine wunderbare Empfindung, ein solches Individuum zu sehen, das hier auf einen Punkt konzentriert, auf einem Pferde sitzend, über die Welt übergreift und sie beherrscht.“ Die Formel von Napoleon als Weltgeist zu Pferde hat Hegel niemals verwendet. Sie wurde geprägt, um ihn als Franzosenfreund zu diskreditieren.

Nichts geschieht, bei dem nicht Einzelne ihre Befriedigung finden

Dennoch berührt sie einen zentralen Punkt des Hegel’schen Weltverständnisses. Der Weltgeist entfaltet sich durch das Selbstbewusstsein der Einzelnen hindurch. Nichts geschieht, bei dem nicht Einzelne ihre Befriedigung finden. Die Geschichte ist die „Schlachtbank, auf welcher das Glück der Völker, die Weisheit der Staaten und die Tugend der Individuen zum Opfer gebracht werden“. Das arbeitet Hegel in aller Schärfe heraus. Aber gerade dahindurch entfaltet sich das Bewusstsein der Freiheit. Die List, mittels derer die Vernunft sich durchsetzt, ist blutbesudelt. Ganze Kontinente versinken in die Bedeutungslosigkeit, ganze Völker werden ausgelöscht. Das gehört zum Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit.

Für Hegels Generation ist das nicht nur eine geschichtsphilosophische Einsicht. Es ist eine Lebenserfahrung. Als Hegel 1831 starb, waren in der Julirevolution von 1830 die Bourbonen, die nach Revolution und Kaiserreich wieder den Thron bestiegen hatten, gestürzt worden. Frankreich war eine konstitutionelle Monarchie geworden. Die Julirevolution hatte vielerorts zu Aufständen oder Verfassungsänderungen geführt. Berlin erlebte den schnell niedergeschlagenen sogenannten Schneideraufruhr, in dem mehr Freiheit, mehr Gleichheit gefordert wurde. Je deutlicher die Unvernunft, um nicht zu sagen: der Wahnsinn der Geschichte, wurde, desto wichtiger wurde es für Hegel, die Vernunft in ihr zu zeigen. Die ältesten Einrichtungen Mitteleuropas waren zerschlagen und wieder restauriert worden mit Millionen Toten. Der Ruf nach Freiheit war einmal der nach dem Code Napoleon und dann wieder der nach dem Sturz Napoleons.

Hegels Reichtum liegt darin, dass diese Erfahrungen eingegangen sind in seine Philosophie. Die Erfahrung des Zusammenhangs von absoluter Freiheit und Terrorismus hat ihn seinen Freiheitsbegriff in ein ständig zu reflektierendes Verhältnis zur Vernunft und zum Staat setzen lassen. Letzterer ist die „vollständige Realisierung des Geistes im Dasein“.

Hegel war kein Demokrat, er war nicht einmal Republikaner

Das sagt nichts über die Staatsverfassung, über die doch heftig gestritten wurde. Hegel war kein Demokrat, nicht einmal Republikaner. Kurz vor seinem Tod war der preußische Kronprinz, der spätere König Friedrich Wilhelm IV., an ihn herangetreten, er möge selbst über Rechtsphilosophie lesen, denn sein Schüler Eduard Gans vertrete in seiner Rechtsvorlesung antimonarchische Auffassungen. Hegel tat, was der Kronprinz ihm sagte. Aber nur vier, fünf Studenten kamen zu ihm. Beim liberalen Gans hatten sich mehrere Hundert eingefunden. „Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“ war einer der zentralen Sätze von Hegels Philosophie. Bei den Berliner Studenten war das „Bewusstsein der Freiheit“ inzwischen deutlich über das Hegels hinweggeschritten.

Geist und Vernunft treten für Hegel nicht erst mit dem Menschen in die Welt. Sie sind von Anfang an da. Das Absolute entfaltet sich durch sie hindurch. Die Natur gehört mit in die Selbstentfaltung des Geistes. Sie ist ein Abschnitt seiner Entwicklung. Der einzige Gegenstand und Inhalt der Philosophie ist die absolute Idee. In all ihren Erscheinungsformen vom Granit bis zu Napoleon. Die Natur selbst ist Geist. Der ist die treibende Kraft. Hegels Idealismus leugnet nicht die Materie, sondern er betrachtet sie als Geist, der noch außer sich, noch nicht zu sich selbst gekommen ist. Das „noch nicht“ ist falsch. Der Geist, das Absolute drückt sich gleichzeitig in allem aus. Die Stufen folgen nicht aufeinander, sondern immer der inneren, der den Grund der Natur ausmachenden Idee.

Wir sind, das ist nicht zu übersehen, bei Gott. Die Hegel’sche Philosophie ist ganz wesentlich Theologie. Sie bietet Gott nicht nur ein Plätzchen an in der Reflexion, sondern sie macht ihn unter immer wieder wechselnden Namen zur zentralen Figur von Natur- und Weltgeschichte.

Für Hegel ist Gott keine Hypothese, derer er nicht bedurfte. Die sich in der Weltgeschichte ausdrückende Vernunft ist ihm so etwas wie ein Gottesbeweis. „Unsere Betrachtung“, erklärt er in den „Vorlesungen über Geschichte“, „ist insofern eine Theodizee, eine Rechtfertigung Gottes.“ Es ist reizvoll zu sehen, wie Hegel über viele Seiten von Vernunft, Geist, vom Absoluten spricht und dann plötzlich von Gott und davon, wie er sich darin zeige und wie er darin wirke. Gott ist immer da. In tausend Gestalten.

Hegel mag am Ende sich eingefunden haben in die preußische Monarchie und die Vorlesungen gehalten haben, die dem Kronprinzen gefielen, aber er hatte etwas angeschoben, dessen er nicht Herr bleiben konnte. Das Pindar’sche „Werde, der du bist“, das bei ihm stehen könnte als Selbstanfeuerung des Absoluten, wird von Nietzsche – trotz seiner Warnung, die Parole sei „immer nur bei wenigen Menschen erlaubt“ – „demokratisiert“. „Werde, der du bist“ gilt nicht mehr nur vom Absoluten, sondern soll für jeden von uns gelten. Die Parole Pindars aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert ist heute integraler Bestandteil aller Selbstverbesserungsprogramme der Lebenshilfe-Industrie.

In Corona-Zeiten sei daran erinnert, dass der Philosoph am 14. November 1831 in Berlin an der Cholera starb. Sie war aus Bengalen gekommen, hatte im Mai 1831 Preußen erreicht. Hegel hatte, wie alle anderen Zeitgenossen auch, über Wochen beobachtet, wie die Cholera sich Berlin näherte. Im August verließ er seine Wohnung am Kupfergraben und zog in sein Gartenhaus am Halleschen Tor. Er hoffte so, den Ausdünstungen der Cholera zu entgehen. Am 29. August gab es in Berlin den ersten Choleratoten. Am Donnerstag den 10. November hält Hegel seine Vorlesung zur Rechtsphilosophie, am Freitag die zur Geschichte der Philosophie. Am Sonnabend nimmt er Prüfungen ab. Dazu fährt er jedes Mal zurück in die Stadt. Erst am Sonntag ist ihm unwohl, er erbricht, hat Gallenfluss, kann nicht urinieren, hat Krämpfe. Am Montag, den 14. November 1831, gegen 17 Uhr 15, stirbt Hegel. Er sei sanft entschlafen, heißt es.

Der Mensch sterbe, hatte Hegel geschrieben, weil er am Ende zurücksinke aus seiner Individualität, die nichts mehr beitragen könne zum Fortgang der Dinge, in die Allgemeinheit, aus der er gekommen.