„Heilige Anna“ und Athos-Mönche: Wie der Ukrainekrieg orthodoxe Klöster spaltet

Früher besuchten Russen und Ukrainer gemeinsam die orthodoxe Mönchsrepublik Athos im griechischen Zentralmakedonien. Heute sieht die Welt dort ganz anders aus.

Treppen des Heiligen Kinot-Gebäudes in der Stadt Karyes - der Hauptstadt des Autonomen Mönchsstaates des Heiligen Berges Athos.
Treppen des Heiligen Kinot-Gebäudes in der Stadt Karyes - der Hauptstadt des Autonomen Mönchsstaates des Heiligen Berges Athos.imago/Vladimir Fedorenko

Früher kamen sie gemeinsam, die Russen, die Ukrainer, um die „Heilige Anna“, das ein wenig nach Seelenfänger ausschauende Fährschiff der Athos-Mönche zu erklimmen. Frühmorgens, nachdem das Visum in einem Schuppen am Hafen ausgeteilt wurde. Im Rucksack ein paar Dinge, die das Fasten erträglich machten, und am Smartphone für die Lieben daheim, so lange es Empfang gab: mit Videos von der zweistündigen Überfahrt aus Ouranoupoli in die Mönchsrepublik, begleitet von Seemöwen und kindlich beseelt, sobald Delphine aus dem Wasser sprangen.

Jetzt kommen keine Ukrainer mehr, weil die meisten von ihnen ihr Land verteidigen. Die Russen kommen nur noch in geführten Gruppen, schirmen sich ab und steigen stets an demselben Kloster aus. Ihr Flug geht über Istanbul, danach reisen sie im Bus. Dabei war der Athos gerade für sie in den letzten beiden Jahrzehnten zu einer Art christlicher Hadj geworden: Zumindest einmal im Leben wollte man dort gewesen sein, wo die Griechen regelmäßig Kraft tanken, wie sie sagen.

In der Mönchsrepublik auf einer Halbinsel in Makedonien, die landschaftlich so schön ist, dass die Gottesmutter Maria befohlen haben soll, sie möge einzig ihr unterstehen. Alle anderen Frauen mussten fort, selbst die weiblichen Tiere. Falls es mit rechten Dingen zugeht, hat seit dem 11. Jahrhundert keine Frau mehr das Gebiet betreten. Geschützt wird es heute vom griechischen Zoll, ein Coronatest muss unmittelbar vor Einreise im „normalen“ Griechenland absolviert werden, wobei die Helfer so grob vorgehen, dass man daran erinnert wird, dass Pilgern auch Büßen heißt.

Kloster Zografou - Moni Zografou
Kloster Zografou - Moni Zografouimago/Andreas Neumeier

Im von Bulgaren geführten Kloster Zografou erbat man sich Bedenkzeit

Die zwanzig Klöster auf dem Athos unterstehen Bartholomäus, dem Patriarchen von Konstantinopel und Oberhaupt der Ostkirchen. Das ist eine Tradition der allgemeinen, sich auf Byzanz berufenden Orthodoxie. Herausgefordert wird sie durch den Kreml, der sich seit Putin als Erbe der byzantinischen Schutzherrn sieht. Aus diesem Grund kam es bereits vor Jahren zu Zwistigkeiten mit Moskaus Patriarchen Kyrill.

Im Jahr 2018, als die ukrainische Kirche sich spaltete und ein Teil „autokephal“, also selbständig wurde, drohte er allen Gläubigen die Exkommunikation an, die mit den Vertretern der Ukrainer gemeinsame Sache machten. Bartholomäus’ Anerkennung der Autokephalie zwang den ganzen Athos in einen Konflikt, der sich nicht mehr verbergen ließ, als der neue ukrainische Patriarch in den Klöstern empfangen werden sollte.

Es waren dabei gerade die griechisch geprägten Klöster, die dem Wunsch nachkamen und gemeinsam Messen feierten, während andere mit dem Verweis auf die Erhaltung der Orthodoxie jeder schismatischen Bewegung auswichen. Im besonders pittoresken, von Zyprioten und libanesischen Mönchen belebten Kloster von Simon Petras etwa überreichte man dem neuen Würdenträger Reliquien, aber ließ ihn keine Messe feiern, im von Bulgaren geführten Kloster Zografou erbat man sich Bedenkzeit, andernorts öffnete man einfach nicht die Tür.

Eine Frau bekreuzigt sich in der St. Panteleimon-Kathedrale, die zum 1875 gegründeten Neuen Athos-Kloster (St. Simon der Kanaanäer) am Fuße des Berges Athos gehört.
Eine Frau bekreuzigt sich in der St. Panteleimon-Kathedrale, die zum 1875 gegründeten Neuen Athos-Kloster (St. Simon der Kanaanäer) am Fuße des Berges Athos gehört.imago/ITAR-TASS

Nicht nur die russischen Pilger reagierten empört

Für das Kloster Panteleimon, genannt „Rossikon“ (russisch), ist die Situation besonders heikel. Formell erkennt es Bartholomäus an, praktisch aber hat es mehrere Versuche der orthodoxen russischen Kirche und Wladimir Putins gegeben, es als Einfallstor für die Interessen Moskaus in die Mönchsrepublik zu nutzen. Der größte Teil der Mönche dürfte indes aus der russischsprachigen Ukraine stammen, wo die Loslösung Kiews zu besonderem Unmut führte. Seit diesem Frühjahr hat sich das Kloster, das eine eigene Klosterschule besitzt, eine besondere Stille auferlegt. Obgleich es einen ausgesprochen stattlichen Gästetrakt unterhält, lehnt es Aufenthaltsbitten nichtorthodoxer, nichtrussischer Gäste rundweg ab. Seine Pforten bleiben, anders als die der übrigen Klöster, auch tagsüber geschlossen.

Vor einigen Jahren begegnete man auf den Booten, die von Panteleimon abfuhren oder dort anlangten, noch häufig jungen Klosterschülern. Im Gespräch mit russischsprachigen Pilgern übten sie, ihre gerade gewachsenen Bartzotteln – ein Mönch lässt die Haare wachsen, so lange es Gott gefällt – nach Art der Großen zu streichen, huldvoll die Hand zu bewegen und bedächtig Antwort zu geben. Manchmal aber gerieten sie aus dem Takt: Immer dann, wenn es um die Frage nach dem Schisma von Kiew ging. Sie erzählten dann, dass die Schismatiker die Kirchen der Nichtschismatiker beschmierten und Kult- sowie Reliquiengegenstände stahlen, ja dass ihnen selbst in der Heimat, wenn sie sich als Klosterschüler zu erkennen gaben, Prügel und Schlimmeres drohten. Nicht nur die russischen Pilger reagierten empört.

Im Abendlicht streichelten sie Katzen und teilten Äpfel

Im Bulgarenkloster Zografou bat damals ein deutsch sprechender Mönch, der für die Pilger zuständig war, den deutschen Gast, zwischen einer Gruppe dreier befreundeter Ukrainer aus Dnipro, darunter ein Pope, sowie einem ethnisch russischen Vater und seinem Sohn aus Donezk zu nächtigen. Die drei Ukrainer zogen die Russen auf, diese lächelten gequält. Mit dem Gast aus Deutschland hatten sie keine Schwierigkeiten – obwohl er als Nichtorthodoxer von den religiösen Zeremonien ausgeschlossen werden sollte, nahm sich der Pope aus Dnipro seiner an und zelebrierte eine Messe in kleiner Runde.

Nachher zeigte man Familienbilder und sprach über die Landesverteidigung im Donbass, die damals noch für viele Ukrainer eine Art Wochenendbeschäftigung war. Beim gemeinsamen Essen und während ein Mönch aus den heiligen Büchern las, erinnerte man sich der Toten und weinte still. Die beiden Russen hingegen hatten kürzlich die Ehefrau und Mutter verloren, sie befanden sich lebensgeschichtlich in der Defensive, genau wie im Donbass oder jetzt im Kloster. Ob sie anti- oder proseparatistisch eingestellt waren, verrieten sie aus naheliegenden Gründen nicht. Im Abendlicht streichelten sie Katzen und teilten Äpfel, die Stimmen gesenkt.

Der Berg Athos, seit byzantinischer Zeit meist Agion Oros, Heiliger Berg  ist eine orthodoxe Mönchsrepublik mit autonomem Status unter griechischer Souveränität in Griechenland. Im Bild: Mönch auf einem Balkon des Klosters Esfigmenou griechisch Moni Esfigmenou, einem griechisch-orthodoxen Kloster im Nordwesten der Halbinsel Athos, direkt an der Küste, gegründet im 10. Jahrhundert.
Der Berg Athos, seit byzantinischer Zeit meist Agion Oros, Heiliger Berg ist eine orthodoxe Mönchsrepublik mit autonomem Status unter griechischer Souveränität in Griechenland. Im Bild: Mönch auf einem Balkon des Klosters Esfigmenou griechisch Moni Esfigmenou, einem griechisch-orthodoxen Kloster im Nordwesten der Halbinsel Athos, direkt an der Küste, gegründet im 10. Jahrhundert.imago/Andreas Neumeier

Putin kam 2016 zum letzten Mal

Seither sind ein paar Jahre vergangen, auf dem Athos wurde Pilgern der Zutritt aufgrund von Covid vorübergehend verwehrt. Einige Klöster renovierten in der Zwischenzeit, über einem der nur von Pickups befahrbaren Wege entsteht eine asphaltierte Straße. Doch noch bevor die Sperre aufgehoben wurde, begann Putin mit der Invasion in der Ukraine. Die Geschäftspraktiken einiger Oligarchen rund um den Berg kamen ans Licht.

Von Grundstücks- und Immobilienkäufen, von Wellness-Oasen im Naturschutzgebiet von Chalkidiki bis hin zum verdeckten Sponsoring war die Rede. Das war nicht für alle Klöster angenehm, denn Geld aus Moskau oder Sankt Petersburg war reichlich geflossen – am sichtbarsten strahlt es von den grünen Kuppeln und goldenen Kreuzen des Panteleimon-Klosters. Putin hielt sich dort wohl 2016 zum letzten Mal auf. Der in Istanbul ansässige Patriarch besuchte mehrmals die geheiligte Halbinsel – man darf annehmen, um seinen Beitrag für eine Friedensmission auszuloten, doch die Glaubensbrüder vom russische Patriarchat blieben verstockt.

„Unsere Worte sind nutzlos ohne die Worte Gottes.“

Der Abt des griechischen Pantokrator-Klosters, für den der Name Theofilos (der Gottliebende) gewählt wurde, spricht, wie alle auf dem Athos, ungerne über Politik. Die jüngeren Mönche meinen, darüber redeten die Alten untereinander im Konvent von Karies, dem vom Wald geschützten Zentrum der Mönchsrepublik, wo eine Art Parlament gehalten wird, in dem jedes Kloster nach Maßgabe seiner Ehrwürdigkeit zu Wort kommt. Theofilos gibt schon viel preis, wenn er, der eigentlich nur spirituellen Rat geben sollte, sagt: „Nach Covid wurde alles wieder normal, aber jetzt leidet die Welt. Gott muss sprechen. Aber wir müssen ihn hören wollen. Unsere Worte sind nutzlos ohne die Worte Gottes.“

Das sind keine Worthülsen, sondern für jemanden, der nach innen und außen integrieren muss und daher die Medien meidet, Diplomatie. Spricht Gott durch Kyrill, der Putins Waffen segnet? Oder will Kyrill, vor allem Kyrill, Gott nicht hören? Theofilos hat auch in Rom studiert, bei den Katholiken, für ihn gehört Interkulturalität zur Theologie. Zur Amtseinsetzung des autokephalen Patriarchen in Kiew hat er eine Delegation entsandt – als eines von vier Athos-Klöstern.

Die Mönche scheinen in diesen Tagen der Zeit voraus

Mit der Macht haben die Klöster keine gute Erfahrung gemacht. Sie weichen ihr aus. Im frühen Mittelalter wurden sie von katalanischen Katholiken heimgesucht, später, unter dem Aufstieg der Osmanen, waren sie ungeschützt gegen Sarazenenangriffe. Im Eingangsbereich der Klosterkirchen von Karies, von Zografou, aber auch in den Vorhallen vieler anderer Kirchen auf dem Athos sieht man Szenen aus der Apokalypse dargestellt.

Oft hat man es mit einer ganzen Enzyklopädie der Folterung und Tötung von Heiligen zu tun. Dann wartet, an der Mauer oberhalb der Innentür, das Jüngste Gericht: Feuer und Blutströme beleben die Wände, aber auch die Prozession der Erlösten. Erst im Inneren erscheinen die Heiligen im überirdischen Glanz. Jeden Tag überzeugen sich die Mönche beim Betrachten dieser Bilder, dass sie am Rand der Zeit leben.

Aber zugleich dort, wo sie anfängt: Ihr Gott ist der Herr des Kosmos, der ihnen aufträgt, Licht und Dunkel in ausführlichen Zeremonien zu beschwören. Die Mönche scheinen in diesen Tagen der Zeit voraus, selbst dort, wo sie ihr hoffnungslos hinterherhängen. Auch Theofilos, der leise Abt, der erste Diener seines Klosters, scheint es so zu meinen: Das Schlimmste, und stünde es uns noch bevor, haben wir bereits überstanden. Der Herbst ist noch nicht kühl, aber man riecht ihn. Und stürmisch ist es an der Nordostküste der Halbinsel. Man sieht es an den Föhren, die wie vom Meer aus geworfene Speere landeinwärts wachsen.

Feier zum Tag der Christianisierung. Ukrainische orthodoxe Gläubige, Priester und Mönche nehmen an einem Religionsmarsch teil, der von der ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats in Kiew, Ukraine, am 27. Juli 2016 organisiert wird.
Feier zum Tag der Christianisierung. Ukrainische orthodoxe Gläubige, Priester und Mönche nehmen an einem Religionsmarsch teil, der von der ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats in Kiew, Ukraine, am 27. Juli 2016 organisiert wird.imago/Pacific Press Agency

Die Neigung der Griechen zu den Ukrainern

Wie wird die äußere Geschichte dieser Klöster weitergehen? Für das „Russikon“ ist sie delikat, manchen Griechen bietet sie eine Chance. Besonders jenen, die sich wie das Pantokrator-Kloster in der Kontinuität nicht nur mit dem alten Byzanz, sondern mit der griechischen Nation sehen. Wie diese formuliert wird, kann man im Herzen Thessaliens, in der Meteora entdecken. Dort war aus Eremitagen in den Höhlen unterhalb bizarrer Sandsteinformationen ein Kultort für erweiterte „Säulenheilige“ entstanden, mit verwinkelten Klöstern, die manchmal wie „Howls Moving Castle“ aus den Wolken schauen.

Am Hauptkloster findet sich ein Fresko, das die griechische Sprache als Medium Gottes feiert – von der „Metaphysik“ des Aristoteles bis zur Orthodoxie. Griechisch sei die Sprache der Evangelien, der Verbreitung der christlichen Lehre, liest man dort. Und im Griechischen werde bewahrt, was an den Antiken überlieferungswert ist. Man könnte sagen, im Griechischen träume das Göttliche sich selbst. Deshalb scheint es wichtig, unmittelbar neben dem Fresko an die Unabhängigkeitskämpfe Griechenlands zu erinnern: gegen die Türken 1912/13 , an die man die Siedlungen außerhalb des Stammlands verlor, aber auch 1941 gegen Italien und Deutschland, die das kleine, von Partisanen und von ausländischen Kämpfern – besonders aus dem philhellenistischen England – unterstützte Land für viele überraschend gewann.

Beim Blick auf die ausgestellten Karikaturen, auf denen die Angreifer verlacht werden, weil sie den hünenhaften Olympowalachen sprichwörtlich nicht den „Bart stutzen“ können, denkt man an den scharfen Humor, den die Ukrainer gegen ihre Invasoren wenden. Auch aus der eigenen historischen Erfahrung, oder besser: Aus den überall abrufbaren Bildern dieser Erfahrung speist sich die spürbare Neigung der Griechen zu den Ukrainern. Der Athos als spirituelles Zentrum der orthodoxen Welt kann davon nicht unberührt bleiben.

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