Heilige Johanna der Schlachthöfe: Wer könnte was für die Launen des Marktes?

Atmet auf, der Markt muss nun gesunden/ Der tote Punkt ist wieder überwunden“ reimt der Makler Swift, der hier eine Maklerin ist, fröhlich in die Runde. Man schäkert miteinander, prostet sich zu und gruppiert sich zum Foto, das, wer unter den Zuschauern über ein fotofähiges Handy verfügt, ungeniert schießen darf. Man trifft ja nicht oft alle großen Fleischbosse auf einen Haufen: Mauler und Cridle, Lennox, Graham und Meyers.

Sie haben es wieder mal geschafft − wie immer. Die fatale Krise ist überwunden − niemand konnte ja was dafür, der Markt hat eben seine Launen − nun können sie die Schlachthöfe wieder öffnen und ihre wutschnaubenden Arbeiter zurück an die Kadaver lassen. Natürlich nicht die gleiche Menge an Arbeitern und auch nicht zum gleichen Lohn − das versteht sich ja von selbst: zwei Drittel von allem müssen jetzt reichen, das sieht doch jeder Vernünftige ein: „wir müssen den Gürtel enger schnallen“ nickt jemand besonders Vernünftiger dazu. Und all diese Agenda-Sätze klingen ja sowieso schon so vertraut, als gäbe es gar keine andere „Vernunft“ als die der Verengung.

Wir sitzen aber nicht vor den Fernsehnachrichten, sondern im Studio der Schaubühne in den letzten Szenen der „Heilgen Johanna der Schlachthöfe“. Bert Brecht schrieb sie um 1930, und immer noch brennt sie im Kopf, als wäre es gestern. Um die Dauerbrisanz dieses Stücks klein zu kriegen, müsste ein Regisseur schon viel falsch machen und natürlich hat der Regie-Professor Peter Kleinert, der sich mit dieser „Johanna“ wieder einmal in die Praxis aufmachte, nichts falsch gemacht. Aber mehr als eine sorgfältig am Text entlang arbeitende, etwas jugendkultig rappende, größere Wagnisse oder interpretierende Freiheiten meidende Schularbeit ist sie nicht geworden. Sollte sie wohl auch nicht, denn es geht hier weniger um den professoralen Regisseur, als um eine Talentprobe der jungen Nachwuchsschauspieler des 3. Jahrgangs der Ernst-Busch Schule, für die der Abend gemacht ist.

Und dafür ist er gut gemacht, auch wenn er manchen Heißsporn zwischendurch mal hätte zurückpfeifen und andere wiederum hätte puschen müssen. Erstes gilt für die beiden Fabrikantendarsteller Graham und Cridle, denen ihre Börsenboss-Karikaturen leicht durchgehen.

Zweites gilt für die Johanna selbst, der Mariananda Schempp zwar eine schön fremdelnde Sprödigkeit gibt (Johanna ist hier eine Art Guerillera der Befreiungstheologie mit starkem Latino-Akzent), die aber doch zu versteckt bleibt. Dennoch merkt man dem Abend erfreulich an, wie er mit- und füreinander entstanden ist. Ein „Lehrstück“ im Brecht-Sinne, das vor allem diejenigen weiter bringt, die es selbst spielen, die jede Rolle und also auch jeden Standpunkt einmal durchdenken, weil sie ihn selbst einnehmen. Es wechselt also fröhlich hin und her: Wer eben noch gegelter Manager war, muss sich im nächsten Moment unter Schutzhelm im Arbeiterchor zurecht finden. Und man merkt: sie finden.

Vorstellungen am 21., 27., 28.12.; 7.−9.1., Schaubühne, Studio, T.: 890023