Es gibt eine Stelle in diesem Roman, in der sich alles kristallisiert. Die Protagonistin Leah kehrt nach ihrem Studium in den USA zurück nach Shanghai, die Stadt, in der sie als Kind gelebt hat. Leah ist Amerikanerin, in ihren Shanghaier Jahren hat sie nicht einmal gelernt, die Stäbchen richtig zu handhaben. Sie war stattdessen damit beschäftigt, sich in ihre Klasse an der amerikanischen Schule einzuleben. Jetzt sitzt sie im Taxi und als der Fahrer sie fragt, woher sie kommt, antwortet sie: „Von hier.“ Der Fahrer lacht, so als habe sie einen Witz gemacht.

Heimweh nach Shanghai

Es ist eine herzzerreißende Begegebenheit, sie drückt die Sehnsucht aus, von irgendwo zu kommen, es aber nicht zu tun. Und sie hat tatsächlich stattgefunden „Ich habe mich dem ausgesetzt“, sagt Brittani Sonnenberg. „Ich habe mich dieser Ablehnung geöffnet.“ Sie wusste, sie würde kommen. Brittani Sonnenberg ist die Autorin von „Heimflug“, sie ist diese junge Frau, Leah. Wir treffen uns in einem Café in Kreuzberg nicht weit vom Landwehrkanal. Sie ist eine zarte junge Frau, 33 Jahre alt, mit rotblondem Haar und einem Gesicht voller Sommersprossen. Alles andere als eine Chinesin. In ihrem Buch schreibt sie, sie habe ihre Sehnsucht nach Shanghai mit Heimweh verwechselt.

„Heimflug“ ist Brittani Sonnenbergs Romandebüt. Das Buch handelt von dem Nomadenleben einer US-amerikanischen Familie, ihrer Familie. Es handelt von der Klasse der Expats, die für internationale Konzerne oder Hilfsorganisationen arbeiten, alle paar Jahre das Land, den Kontinent wechseln und im Gastland oft in einer Blase unter ihresgleichen leben. Es fragt, was Heimat ist, und was mit einem passiert, wenn man keine hat. Es blickt unter die glamouröse Oberfläche der Expat-Welt.

Der Vater Chris Kriegstein ist CEO bei einem internationalen Unternehmen, erst geht er nach Hamburg, dann zurück in die USA. Es folgen die Stationen Shanghai und Singapur. Im Schlepptau hat er die Familie, seine Frau Elise, die Töchter Leah und Sophie. Die Eltern sind froh, ihre provinzielle Herkunft und teilweise schwierige Familienverhältnisse hinter sich zu lassen. Ihr Leben im Ausland wirkt anfangs wie eine Flucht.

Vor „Heimflug“ hat Brittani Sonnenberg Kurzgeschichten geschrieben. Eine handelt von einer Chinesin während der Kulturrevolution, eine von einem malaiischen Transvestiten. „Und dann habe ich den Drang verspürt, mich mir selbst zu nähern“, sagt sie. Auch dem Tod ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester, die mit 13 starb. Damals lebten sie in Singapur und die Familie zerbrach.

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