Es geht die Legende, dass, wenn man im Berlin der 1920er Jahre Rat in Sachen Liebe und Lebensführung suchte, man zum Lützowplatz ging und einen Mann aufsuchte, den einige achtungsvoll den „Chinesen“ nannten. Damen wurden dort gesehen, die diesem zierlichen Mann zum Abschied die geneigte Stirn küssten.

Die Rede ist vom Spaziergänger Franz Hessel, jenem Meister der kleinen Form, den sein Freund und Miterkunder Berlins Walter Benjamin einst den „Chinesen“ vom Lützowplatz nannte. Benjamin bescheinigte Hessel, dass er, dieser „gelehrte Mandarin“, „alles Verborgene ablesen“ könne, was die „Berliner Steine zu sagen haben“. Wie Hessel im Pflaster las, so verstand er es auch, in den Herzen seines wohlsituierten Publikums zu lesen.

Von alledem ist am heutigen Lützowplatz wenig zu spüren. Kaum ein Stein liegt mehr auf dem anderen. Doch Hessel kannte auch den grausamen Satz von der Stadt, die schneller als ein Menschenherz schlägt. Nachzulesen ist dies in Hessels zauberhaftem Roman „Heimliches Berlin“, jenem „Märchenbuch der Großstadt“, wie es bei der Premiere 1927 tituliert wurde, das jetzt in einer Neuauflage im Lilienfeld Verlag erschienen ist.

Der Düsseldorfer Verlag macht sich seit einigen Jahren um die Neuedition von Hessels Romanen verdient, nachdem das Werk des Autors über Jahrzehnte in der Obhut des Berliner Arsenal Verlags war. Hinweise dafür, dass es derzeit zu einer zarten Hessel-Renaissance kommt, zeigen erste englische Übersetzungen – etwa seines Klassikers „Spazieren in Berlin“ –, den der Londoner Guardian jüngst zur Gegenprüfung des heutigen Berlin mit dem Berlin der 1920er Jahre empfahl.

Wer Hessel liest, muss sich gleichwohl darauf gefasst machen, nicht so sehr mit mitreißenden Geschichten, als mit präzisen wie einfühlsamen Beobachtungen belohnt zu werden. So auch in „Heimliches Berlin“. Das Buch über die Bohème der 1920er Jahre hat mehr mit einem Sittengemälde im Stil des „Decamerone“ von Boccaccio zu tun als mit dem „Berlin Alexanderplatz“ seines Zeitgenossen Alfred Döblin.

Die Stärke dieses kleinen Romans liegt im imposanten Figurenreigen, den Hessel an den Augen seiner Leser vorbeiziehen lässt. Da wäre zunächst der Protagonist des Romans, der junge Adelige Wendelin von Domrau, der auf der Suche nach einer Erziehung des Herzens und mit den Augen des Flaneurs durch Berlin streift und eine Liaison mit der Frau eines befreundeten Dozenten beginnt. Hier entspinnt sich die zentrale Dreiecksgeschichte des Romans.

Aber das Buch erzählt zugleich die Geschichte epochaler Umbrüche. So muss sich die einstige Aristokratie in Zeiten von Inflation und sozialen Umwälzungen mit Haut und Haar an die neue Zeit verkaufen. Diese tritt in der Gestalt des Nabob und Lebemann E.I. Eißner auf, der wie ein „Bibeltyrann“ die Szenerie bestimmt und stets interveniert, wenn sich die Liebesgeschichten zu entwickeln scheinen. Auch ein kriegstraumatisierter Balte tritt auf, der sich nichts so sehr ersehnt wie den nächsten Krieg.

Oder die junge Elenka, ein „Sowjet-Apostel“, „die die schrecklichen politischen Abkürzungen sprach, als wären es Verse Hölderlins.“ Und eine weitere gefallene Aristokratin, die beim Film unterzukommen versucht, in den Spelunken des nördlichen Berlin das Leben studieren möchte – und nichts so sehr verachtet wie „gebildete, frisierte Fressen“. Auf sie geht eines der Bonmots des Romans zurück, wenn sie in heiterer Weisheit, die nichts von ihrer Gültigkeit verloren hat, verkündet: „Wir Berliner bauen uns unsern Bedarf an Altertümern funkelnagelneu mit Zentralheizung und Lift“.

Eine Weisheit anderer Art tut sich in den Gesprächen zwischen dem Dozenten Kestner und Wendelin auf: „Titel, Aufschriften, Abkürzungen, da hast du ja das ganze Gegenwartsleben, ablesen kannst du es im Vorbeigehn“. Hier äußert sich Hessels Einsicht in die Vergänglichkeit des städtischen Lebens. Denn „alles Gegebene“ sei „schon Erinnerung“. Hessels Quintessenz:

Die Stadt schlägt schneller als ein Menschenherz. Was für Inseln jener „vulkanischen Zeit“, wie es im Roman heißt, noch im Stadtbild zu finden sind, lässt sich kaum so gut wie an Hessel studieren. Wie diese Zeit fühlte, lässt sich nirgends so gut erahnen, wie in diesem Kleinod.

Franz Hessel: Heimliches Berlin
160 Seiten, Lilienfeld Verlag,
Düsseldorf 2017, 18,90 Euro