Böse, sehr böse blickt er auf die Welt, der französische Arzt und Autor Louis-Ferdinand Céline in Frank Castorfs Münchner Inszenierung von Célines gefeiertem, autobiografischem Debütroman „Reise ans Ende der Nacht“. Von einem goldgerahmten Schwarz-weiß-Porträt schaut er zu, was das Theater aus dem „erbarmungslosesten Roman des 20. Jahrhunderts“ macht.

Er wusste, wovon er schrieb, der wütende, brandschatzende Autor. Von Céline bleibt sein schriftstellerisches Werk, das den Roman revolutioniert hat in Sprache und Form. Er bleibt auch in Erinnerung als glühender Anhänger des Faschismus, Verfasser von antisemitischen Pamphleten, Rassist. Eine, sagen wir, irritierende Figur.

Castorf nähert sich ihr mit Aleksandar Denić (Bühne) und Adriana Braga Peretzki (Kostüme), seinem bewährten Bayreuther Ring-Team, dazu kommt das gestählte Ensemble des Residenztheaters. Die Theaterreise dauert knapp fünf Stunden. Am Ende steht eine vom Publikum umjubelte Aufführung, umjubelt von denen, die geblieben sind: Nicht wenige Zuschauer sind in der Pause gegangen.

Für Castorf bedeutet die Wahl des 1932 veröffentlichten, damals schockerenden Werks ein Heimspiel. Die zahlreichen, kunstvollen Handlungs- und Stilbrüche des Autors weidet er genüsslich aus: Castorf fragmentiert das Werk mit sicher geführtem Skalpell und setzt die extrahierten Teile dann mit seinen Theatermitteln wieder zusammen. Die über der Bühne mitlaufenden Live-Videobilder, das multifunktionale Setting, das Durch-, Über- und Miteinander und den Klamauk der Akteure kennt man ja.

Hinzu tritt an diesem Abend die fast völlige Aufgabe der Rollenverteilung oder zumindest das radikale Spiel damit: Fast alle Schauspieler sind Ferdinand Bardamu, traumatisierter und zynischer Antiheld und Ich-Erzähler des Stücks, sind auch ein wenig Léon Robinson, dessen böser Doppelgänger. Das Abschneiden der Handlungsstränge und die in Teilen undurchschaubare Zuordnung von Schauspielern und Rollen ergeben eine Zuschauerüberforderung, die man annehmen oder vor der man flüchten kann.

Schonungslos sich selbst und dem Publikum gegenüber

Die Handlungsorte werden hier mehrfach überschrieben. Die Drehbühne ist eine Ansammlung von ineinander verschachtelten Mikroräumen, zumeist aus Holz und Wellblech, mit Plastikplanen überdeckt. Man erkennt eine WG-Küche aus den 1980er-Jahren, einen verrosteten, ausrangierten Rettungstransporter, einen schäbigen Salon mit ungestimmtem Klavier. Das alles dient als durchgeknallte, verfallene amerikanische Ponderosa, als Flüchtlingslager, als Wohnzimmer einer großbürgerlichen Pariser Wohnung, aber vor allem als informelle afrikanische Armensiedlung, als Shack.

Die verschiedenen Stationen des rasenden Romans werden mit hoher Geschwindigkeit durchdekliniert: Bardamu als Soldat im Ersten Weltkrieg, Bardamu als Industriearbeiter in Amerika, Bardamu als Gestrandeter in Afrika und Armenarzt in Frankreich. Afrika ist das Zentrum der Inszenierung. Nicht das Afrika der Tania Blixen mit ihrer dunkel lockenden Welt, sondern eher das post-koloniale Afrika des zynisch lachenden Kongo-Müller, des ehemaligen Wehrmachtsoffziers, der in den 1960er-Jahren als weißer Söldner nach eigener Aussage zur Verteidigung von „Liberté, Fraternité und so etwas“ auf „Negerjagd“ ging.

Schonungslos sich selbst und dem Publikum gegenüber agieren die Schauspieler: Bibiana Beglau als androgynes Zwitterwesen, voller Angst und Anklage, eine Heldin und ein Held der Verzweiflung. Franz Pätzold ein zärtlicher, verlorener Verrückter inmitten eines Meeres der Haltlosigkeit. Als Objekt der erotischen Gelüste des Helden und als sein einziger Antrieb eine naive, gefallene Britta Hammelstein. Und Aurel Manthei mit Berliner Jargon als Franz Biberkopf.

An den langsamen Stellen des Abends, in den Dialogen zwischen Bardamu/Robinson und seinen Frauen Lola/Molly/Madelon, blitzt die ganze großartige Poesie Célines hervor, zu der Castorf nach zögerndem Beginn Vertrauen findet: „Mein Gefühl war wie ein Haus, das nur in den Ferien bewohnt wird.“

Den Kommentar zur Inszenierung liefert Castorf im stets sichtbaren Torbogen, der das gesamte Bühnengeschehen rahmt. Nachgeahmt wird hier der Schriftzug am Eingang des Stammlagers in Auschwitz, doch statt „Arbeit macht frei“ steht hier „Liberté, Egalité, Fraternité“. Die Reise ans Ende der Nacht führt in Konzentrationslager.