Heile Familienwelt: Die Simpsons versammeln sich vor der Flimmerkiste.
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BerlinEinen Grund zum Feiern gibt es immer. Jetzt aber einen richtig guten: Am 17. Dezember 1989 wurde die erste Folge der „Simpsons“ im US-Fernsehsender Fox ausgestrahlt, eine keineswegs betuliche Serie über eine fünfköpfige Familie in dem fiktiven Ort Springfield. Das Personal ist mittlerweile – 31 Staffeln und über 650 Episoden später – weltbekannt, die Simpsons, das sind der Duff-Bier und Donuts vertilgende, nicht sonderlich schlaue, eher faule Vater Homer, die herzensgute, turmfrisurenschöne Mutter Marge, der seinem Vater nachstrebende Flegel Bart, die neunmalkluge Weltverbesserin Lisa und die ewig schnullernuckelnden Maggie.

Die Simpsons sind trotz ihrer auffällig gelben Hautfarbe immer als kongeniales Abbild des viel beschworenen „White Trash“ verstanden worden, auch als kaum übertriebene Darstellung der Wählerschaft von US-Präsident Donald Trump. Tatsächlich läuft die Serie bis heute auf dem Trump-freundlichen Sender Fox – was aber nicht viel besagt, schließlich waren die Gelblinge lange vor dem Orangeling im Weißen Haus da. Politisch bieten die „Simpsons“ ohnehin ein Kontrastprogramm zum chauvinistisch-rassistischen Irrsinn des Präsidenten und seiner Lautsprecher: Die Serie ist eine rasante Mischung aus Sitcom, Musical und Arthouse – und sie ist prallvoll mit subversivem, zynischem Humor.

Unpatriotische und antikapitalistische Spaßtreiber

Wegen ihrer robust-inkorrekten, nicht unbedingt staatstragenden, in jedem Fall aber moralisch unzuverlässigen Art weckte die Familie aus Springfield bereits früh Argwohn. Der damalige US-Präsident George H. W. Bush glaubte tatsächlich, seinen Landsleuten den Rat erteilen zu müssen, sich besser die kreuzbraven „Waltons“ zum Vorbild zu nehmen statt sich an dem heimtückischen Witz der „Simpsons“ zu ergötzen. Überhaupt war die Serie von ihrem intellektuellen Zuschnitt so gar nicht White Trash, zielte sie mit ihren zahlreichen popkulturellen Referenzen und der eindringlichen Kritik am besinnungslosen, umweltzerstörerischen Konsumismus doch eher auf die liberalen Bildungsstände.

Das alles ist hinreichend bekannt und schon zigfach beschrieben worden. Viel interessanter ist daher die bereits erwähnte, beinahe ironische Liaison zwischen dem ultrakonservativen Sender Fox des schwerreichen Medienunternehmers Rupert Murdoch und den um Matt Groening versammelten „Simpson“-Machern, den allem Anschein nach anarchischen, unpatriotischen und antikapitalistischen Spaßtreibern, die sich mit großer Verve gegen ökologische Unvernunft, religiöse Bigotterie und überhaupt gegen die aggressive Einfalt des American Way of Life wenden. Was haben diese Querulanten bei diesem Sender eigentlich zu suchen?

Die Simpsons, hier Homer im Hintergrund, und Doanld Trump kennen sich.
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Mit der Figur des etwas zurückgebliebenen, grenzhysterischen, bisweilen böswilligen, in der Hauptsache aber gutmütigen Homer Simpson ist ein seltenes Kunststück gelungen. Matt Groening schuf ein entfernt an den cholerischen Enterich Donald Duck erinnerndes, vornehmlich triebgesteuertes Stehaufmännchen, das tapfer und deshalb auch sympathieheischend durch die Widrigkeiten des Lebens berserkert. Kurzum, Homer Simpson ist ein universaler, in alle Richtung anschlussfähiger Charakter: Seine slapstickhafte Tollpatschigkeit erfreut Kinder ebenso wie seine genusssüchtige Blindwütigkeit den Älteren ein ins Groteske gesteigertes, allemal unterhaltsames Spiegelbild vorhält.

Homer Simpson ist der dauerversagende Jedermann

Gern wird die Bedeutung der anderen Simpson-Figuren hervorgehoben, insbesondere der naseweisen Nervensäge Lisa, die wie eine ultrapräzise Vorwegnahme Greta Thunbergs erscheint und die Matt Groening geradezu prophetisch in einer Folge – „Barts Blick in die Zukunft“ (2000) – als US-Präsidentin die Nachfolge Donald Trumps antreten ließ: „Wie Sie wissen, hat uns Präsident Trump leere Kassen hinterlassen.“ All das ändert aber nichts an der zentralen Bedeutung des peinlichen Familienpatriarchen: Ohne Homer blieben alle anderen Figuren langweilig. Homer Simpson ist der Loser in uns allen, der dauerversagende Jedermann. Erst mit ihm werden die „Simpsons“ lebendig.

Der Mann wird so auch zur Schaltstelle für den Sender Fox: Die in der vielschichtigen Figur Homers gründende Beliebtheit der Serie lässt sich bestens vermarkten. Gerade das Lizenzgeschäft ist für den Sender sehr einträglich. Auch randständige Figuren wie Bart Simpson helfen da mit: Der Junge machte zwischen 1990 bis 2001 Werbung für Nestlés Butterfinger – ein in den Vereinigten Staaten beliebter Schokoriegel. Weitere Werbedeals bestanden mit Burger King, Domino’s oder Kentucky Fried Chicken. Das Merchandising versorgt uns ohnehin mit allem Notwendigen: „Simpsons“-Tassen, -Tücher, -Uhren, -Bücher, -Mützen, -T-Shirts, Bettwäsche, Schulsachen, Süßigkeiten, Computerspiele …

Gar nicht schön: Bier und Rassismus

Fox hat sich zahlreiche Markenrechte eintragen lassen. Bekanntlich trinkt Homer bevorzugt das Bier der Marke „Duff“ – offenbar ein wertvoller Markenname, „duff“ bedeutet eigentlich wertlos und prangt an vielen Fan-Artikeln. Nachdem Fox in den 90ern einer australischen Brauerei untersagte, ein „Duff Beer“ auf den Markt zu bringen, ging der Sender 2004 auch gegen die Eschweger Klosterbrauerei und ihr Duff-Bier vor, scheiterte damit allerdings vor dem Bundespatentgericht. 2014 konnte Fox die Marke kaufen – und ließ sie löschen. Immerhin, ein Münchner Unternehmen darf weiter „Duff Beer“ vertreiben; sein Logo unterschiedet sich aber auch deutlich von dem aus der Serie bekannten Zeichen.

Die „Simpsons“ sind die Repräsentanten eines Geschäftsimperiums. Eine erstaunliche Karriere, waren die Gelblinge doch ursprünglich mal als minutenkurze Pausenfüller für die amerikanische „Tracey Ullman Show“ vorgesehen. Und auch eine makellose Karriere, wenn nicht der US-Comedian Hari Kondabolu mit seiner Doku „The Problem with Apu“ 2017 einen veritablen Skandal ins Rollen gebracht hätte: Apu ist ein indischstämmiger Familienvater mit acht Kindern und betreibt einen kleinen Laden in Springfield, den „Kwik-E-Mart“. Sein Markenzeichen ist sein starker indischer Akzent. Das „Problem mit Apu“ besteht Kondabolu zufolge darin, dass er rassistische Stereotype reproduziere.

Die Serienmacher versuchten, diesen Fauxpas wieder gutzumachen. In einer späteren Folge reden Lisa und Marge über „politisch unkorrektes“ Verhalten und lösten damit allerdings weitere Empörung aus: Mehrere US-Medien und Komiker erklärten, die Serie habe in der Debatte um den Rassismus in der Pop- und Alltagskultur mit dem Verweis aufs Politisch-inkorrekte vollkommen verfehlt. Auch der Simpsonsche Großhumor ist in all seiner luziden, zynischen bis sarkastischen Klugheit vor Fehlern nicht gefeit.