Portrait von Heinrich Heine, historischer Druck, digital bearbeitet.
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BerlinHeinrich Heine hatte erfolgreich Gedichte wie die „Lore-Ley“ und Reisebilder wie die „Harzreise“ veröffentlicht, als er 1831 nach Paris ging. Er war der Zensur in deutschen Landen müde und schrieb nun für die damals meistgelesene deutschsprachige Tageszeitung, die in Augsburg erscheinende Allgemeine Zeitung, über „Französische Zustände“. Er wurde also, wie Jürgen Habermas es nennt, „Zeitschriftsteller“. Und damit, wie Marcel Reich-Ranicki urteilte, der „bedeutendste Journalist unter den deutschen Dichtern und der berühmteste Dichter unter den Journalisten der ganzen Welt“.

Frappierende Parallelen zu unserer Zeit enthält sein Artikel Nummer VI vom 19. April 1832. Im Verlag Hoffmann und Campe, in dem Heines Bücher schon zu dessen Lebzeiten erschienen, hat man das erkannt. Der Verleger Tim Jung hat die Reportage jetzt als Buch herausgegeben, mit einem Vorwort und einem Faksimile des Originaltextes: „Ich rede von der Cholera“.

Seine Mitteilung habe vielleicht das Verdienst, „dass sie gleichsam ein Bulletin ist, welches auf dem Schlachtfelde selbst, und zwar während der Schlacht, geschrieben worden, und daher unverfälscht die Farbe des Augenblicks trägt“, kündigt Heine an. Insgesamt waren seine Artikel aus Frankreich auf ein Verständnis der politischen Verhältnisse nach der Julirevolution von 1830 gerichtet, über die beim Nachbarn viele Lügen kursierten. Nun aber ein „Schlachtfeld“? Sogar die Metapher hat sich gehalten, denn knapp 200 Jahre später, im März 2020, erklärte Staatspräsident Emmanuel Macron anlässlich des neuartigen Coronavirus: „Wir sind im Krieg.“

Gezänk der Totengräber

Heinrich Heine ist Augenzeuge, wie während des Faschings in Paris die Cholera ausbricht und „plötzlich der lustigste der Arlequine eine allzu große Kühle in den Beinen verspürte und die Maske abnahm, und zu aller Welt Verwunderung ein veilchenblaues Gesicht zum Vorscheine kam“. Es dauert nicht lange, da hört der Reporter Heine ein „sonderbares Gezänk“ zwischen Leichenwächtern und Totengräbern über die Zahl der gelieferten Säcke. Die Säcke, nicht Särge zählen sie, denn die Tischler kommen mit der Produktion nicht mehr nach, „der größte Teil der Toten wurde in Säcken beerdigt“. Der Leserin von heute stehen die Bilder aus New York, aus der brasilianischen Amazonas-Region und der Lombardei vor Augen.

Die erste Welle der damaligen Cholera-Pandemie hatte Russland und das Baltikum erschüttert, 1831 auch viele Todesopfer in Deutschland gefordert, in Berlin mehr als 1400. In Paris allerdings starben 20.000 Menschen. Heine, der um sich so viel Elend beobachtet, bleibt anders als viele, die aufs Land fliehen, in der Hauptstadt, wird Zeuge, wie eine Gesundheitskommission und etliche Notaufnahmen eingerichtet werden. Dem Zeitungsverleger Johann Friedrich Cotta schreibt er, dass sein Vetter Carl krank darniederliege und er ihm beistehen wolle (diese Fürsorge half Heine später allerdings nicht im Erbstreit). Er ist Mitte 30, und auch der journalistische Ehrgeiz hält ihn in Paris: „Ich würde auch fortgehen, wenn nicht bei der, durch die Cholera eingetretenen Volksstimmung, die wichtigsten Dinge vorfallen könnten.“

Und tatsächlich ist es die Volksstimmung, die ihn Besonderes entdecken lässt. Denn plötzlich kursiert das Gerücht, „die vielen Menschen, die so rasch zur Erde bestattet würden, stürben nicht durch eine Krankheit, sondern durch Gift“. Gift wird alsbald auf Gemüsemärkten, bei Bäckern und Fleischern vermutet, „je wunderlicher die Erzählungen lauteten, desto begieriger wurden sie vom Volke aufgegriffen“. Und wehe dem, der als Giftmischer im Verdacht steht. Harmlose Menschen, die weißes Pulver bei sich tragen – mit dem sie sich tragischerweise selbst vor Cholera zu schützen hoffen –, werden gejagt und brutal überfallen. Heine warnt hier deutlich vor Leichtgläubigkeit, vor einem Zorn, der in Raserei gerät, wenn er nur von lautstarken Interessenten befeuert wird.

Diese Textstellen fügen sich gut zu den Bildern der sogenannten Hygienedemos heutzutage. Man könnte sie auch unter die Videos der Auftritte des früheren Kochbuchautors Attila Hildmann legen. Allerdings ist Covid-19 heute besser erforscht als Cholera damals. Erst 1883 wies Robert Koch nach, dass das Bakterium über das Trinkwasser verbreitet wird.

Wer von dem schmalen Buch eine Sensation erwartet, dürfte enttäuscht werden, muss man doch nur in größeren Ausgaben des Autors blättern, um die „Französischen Zustände“ zu finden. Den Artikel von damals neu zu publizieren, ist dennoch eine schöne, sinnvolle Idee. Lesend fühlt man sich Heines Zeit näher, als man es sonst für möglich halten würde. Auch in der Enttäuschung darüber, dass die Menschen in unsicheren Zeiten so anfällig für Gerüchte sind. Im hier nicht abgedruckten Folge-Artikel vom 12. Mai 1832, als das Schlimmste überstanden ist, berichtet Heine, dass auf Regierung und Opposition „eine fast sentimentale Mattigkeit“ liege. Und immerhin: „Die Begeisterung des Hasses erlischt.“

Als die Artikelserie im Dezember 1832 als Buch erscheint, herausgegeben von Julius Campe in Hamburg, kann Heinrich Heine endlich seinen Namen dazusetzen. In der Allgemeinen Zeitung war sie nur mit Initialen veröffentlicht. Doch wenig später, 1833 in Preußen, zwei Jahre danach in allen deutschen Bundesstaaten, wird Heine als Autor in Deutschland verboten.

Das Buch

Heinrich Heine:
Ich rede von der Cholera

Ein Bericht aus Paris von 1832. Hrsg. und mit einem Vorwort von Tim Jung. Hoffmann und Campe, Hamburg 2020. 64 S., 14 Euro