"Wenn jemand sagt: ,Komm, wir gehen noch ins P1', dann sind wir müde": Heiner Lauterbach hat jetzt andere Prioritäten.
Foto: dpa/Christoph Soeder

BerlinEr kann fürchterlich fies sein, wie zuletzt in dem Thriller „Der Fall Collini“ als hinterhältiger Anwalt. Er kann aber auch sehr lustig sein, wie als stressgeplagter Vater in „Wir sind die Hartmanns“. Man nimmt Heiner Lauterbach beide Typen ab, und in der Komödie „Enkel für Anfänger“, die am 6. Februar in die Kinos kommt, vereint er   sie auf wunderbare Weise: In seiner Rolle als griesgrämiger Gerhard, der mit dem Leben schon abgeschlossen hat, lässt er sich als Leih-Opa engagieren, der bei Kindern ganz weich wird. 

Lauterbach steht mit 66 Jahren selbst vor dem Rentnerdasein. Aber so recht will man das gar nicht glauben, wenn man ihm begegnet. Er trägt Jeans und Sportschuhe, seine Bewegungen wirken zackig, und an seinem drahtigen Körper scheint kein Gramm zu viel zu sein. Dabei hat er in seinem Leben auch schon Phasen hinter sich gebracht, in denen er so richtig die Sau rausgelassen und das eine oder andere Glas zu viel getrunken hat. Damit ist es aber vorbei. 2001 heiratete er die Frau, die ihn wieder auf die Spur brachte, Viktoria heißt sie, die beiden haben zwei Kinder miteinander. Aus der Ehe mit Katja Flint hatte er bereits einen Sohn, der heute erwachsen ist. Wie hat er das Leben gemeistert? Wir trafen ihn im Hotel de Rome.

Herr Lauterbach, ist 67 ist das neue 40?

Ach, ich halte nichts von Sprüchen wie „Man ist so alt wie man sich fühlt“ und diesem ganzen Käse ...

Die Frage bezog sich auf ein Zitat aus dem Film „Enkel für Anfänger“, in dem Sie mitspielen.

Trotzdem, das Leben ist so, wie es ist. Bedingt durch Dinge wie bessere Ernährung, mehr Möglichkeiten des Sports und den Umstand, dass wir so lange keinen Krieg mehr hatten, ist es tatsächlich so, dass wir etwas fitter im Alter sind. Auch durch die bessere medizinische Versorgung werden die Menschen älter. Ansonsten finde ich es gar nicht ausschlaggebend, wie alt man wird, sondern welche Möglichkeiten einem bleiben. Was nützt es, 120 zu werden und davon 40 Jahre krankheitsbedingt leiden zu müssen?

Sie sind jetzt 66 ...

Je älter man wird, desto mehr wird man mit dem Alter konfrontiert. Für mich ist es aber ein ganz normaler Prozess, der zum Leben dazugehört. Insofern mache ich mir überhaupt keine Gedanken darüber. Es gibt gewiss spaßigere Dinge als Altwerden, aber die einzige Alternative wäre früher sterben, und das ist ja auch Scheiße. Insofern sollte man dankbar sein, in einem vernünftigen Zustand älter werden zu dürfen.

Als Sie noch jung waren, dachten Sie bestimmt auch noch, alles über 60 ist uralt ...

Das sehen junge Menschen von heute noch genauso. Für meine Kinder lebe ich eigentlich auch nicht mehr, wenn es danach geht. Wenn die von steinalt reden, meinen sie schon 40-Jährige. Können Sie gut mit Kindern? Mit manchen kann ich sehr gut, mit anderen überhaupt nicht. Ich bin nicht generell ein Kinderfreund, ungezogene Kinder sind sogar ein Gräuel für mich. Aber ich mag nette und aufgeweckte Kinder. Ich selbst habe drei Kinder, und obwohl sie nicht in alle Kategorien passen, die ich gerade aufgezählt habe – die können ganz schön frech sein – liebe ich sie alle. Die sind für mich in Ordnung.

Wie streng sind oder waren Sie als Vater?

Bei meinen beiden Kindern, die ich mit Viktoria habe, teilen wir uns das auf. Nach dem Prinzip Good Cop, Bad Cop. Das ist auch sinnvoll und fair. Ich achte wirklich darauf, dass ich nicht so ein Feierabend-Daddy bin, der nach Drehschluss nach Hause kommt und seinen Kindern dann alles erlaubt, während die Mutter die Rolle einnimmt, die permanent alles verbieten muss. Also die Erziehung teilen wir uns zu gleichen Teilen. Wenn ein Kind Stress mit einem von uns hat, ist der andere die Anlaufstation.  

Im letzten Sommer sind Sie zum ersten Mal Opa geworden. Wie werden Sie sich der neuen Rolle nun tatsächlich stellen?

Grundsätzlich finde ich Großeltern eine tolle Institution. In einem Familienverbund sind sie wichtig. Als ich nun selbst Großvater geworden bin, habe ich zu meinem Sohn gesagt, wie sehr ich mich freue, jetzt mit einem kleinen verwandten Kind zu tun zu haben, das ich nicht erziehen muss.

Wie meinen Sie das?

Eigene Kinder zu haben, ist eine ambivalente Geschichte. Einerseits möchte man ihnen alles geben, schenken und erlauben, weil man sie liebt und sie glücklich sehen will. Andererseits tut man gut daran, sie zu erziehen, damit sie keine Vollidioten werden. Insofern sagte ich zu meinem Sohn: „Oscar, darauf kannst du dich gefasst machen. Mein Enkel wird nur verzogen, wenn er bei mir ist. Der hat rechts das Handy, links die Playstation, vorn guckt er Fernsehen und im Mund hat er Gummibärchen. Und wenn er anschließend wieder zu dir kommt, kannst du das Ganze ausbaden.

Momentan gehen viele Teenager auf die Straße, um gegen Klimawandel zu demonstrieren. Sie fürchten um ihre Zukunft. Reden Sie darüber mit Ihren Kindern?

Als bei meiner 17-jährigen Tochter die Frage aufkam, ob sie bei „Fridays for Future“ mitmachen darf, war meine Frau strikt dagegen. Schule blaumachen geht nicht. Da ist sie sehr pragmatisch. Ich habe gesagt: „Nein, da sind wir mal ausnahmsweise verschiedener Meinung. Ich finde das sehr gut und von mir hat sie die Erlaubnis, da mitzumachen.“ Ich finde es schlimm genug, dass Kinder die Erwachsenen darauf hinweisen müssen, dass auf unserem Planeten einiges im Argen liegt. Man muss aber ebenso aufpassen, die Sache nicht zu übertreiben.

Das heißt?

Wenn man sich beschimpfen und bespucken lassen muss, weil man irgendwo hinfliegt, finde ich das auch nicht passend. Es gibt natürlich auch Wissenschaftler, die behaupten, dass die Erderwärmung überhaupt nichts mit den Menschen zu tun hat. In Zyklen hat es so etwas immer wieder gegeben. Ich persönlich weiß es nicht, aber ich denke, es kann nicht schaden, so zu tun als wären wir schuld, um damit Dinge zu verbessern. Denn diese riesigen Müllteppiche in den Ozeanen hat es bestimmt nicht immer gegeben. Das größte Problem ist für mich aber die Überbevölkerung, die zieht alles andere nach sich. Komischerweise redet darüber kaum jemand.

Sind Sie eher ein Pessimist oder ein Optimist?

Barbara Schöneberger hat mich auch schon gefragt, ob für mich das Glas halb leer oder halb voll ist. Ich habe geantwortet, für mich ist es ein halb gefülltes Wasserglas. Übertragen auf die Umweltfrage finde ich es bescheuert, das Problem zu negieren und zu ignorieren, wie es der amerikanische Oberbefehlshaber tut. Ich warne aber auch, eine Hysterie ausbrechen zu lassen. Meine Kinder muss ich dahingehend auch bremsen, wenn ich mit einer Zahnbürste ankomme, die immer noch nicht aus Holz ist.  

Welchen Rat geben Sie Ihren Kindern?

Es gibt einen Spruch meiner Mutter, den ich damals nie wahrhaben wollte: „Junge, genieß dein Leben. Es geht so schnell vorbei.“ Auf einmal ist man selber alt oder älter und findet sich in der Rolle wieder, dass man das seinen Kindern sagt.  

Haben Sie es manchmal auch zu sehr genossen?

Das ist etwas, worüber ich mir heute wenig Gedanken mache. Denn es ist passiert, und ich kann es sowieso nicht mehr revidieren. Also wenn ich das jetzt in der Retrospektive betrachte, finde ich es ganz gut, dass ich heftig und intensiv gelebt habe. Man hätte es aber ein paar Jahre verkürzen können.

Wie meinen Sie das?

Es ist ja wie immer im Leben eine Frage von Timing. Zur richtigen Zeit das Richtige machen oder mit etwas aufzuhören, gelingt einem nicht immer. Wenn man ein Bein amputiert kriegt, ist es zu spät, mit dem Rauchen aufzuhören. Ich bin 1998 aufs Land gezogen. Das habe ich mir schon als junger Menschen gesagt und dann auch gemacht – nicht zu früh und auch nicht zu spät.

Könnte man sagen, Sie haben noch mal die Kurve gekriegt?

Klar, in den 70ern und 80ern wäre das unvorstellbar für mich gewesen, weil ich da noch viel nachts unterwegs war und gefeiert habe. Im Leben ist viel mit Zufall und Glück verbunden, und bei mir war es das Kennenlernen meiner Frau Viktoria. Die spielt da eine entscheidende Rolle.

Sie sind froh, dass die wilden Zeiten irgendwann ein Ende gefunden haben?

Das weiß ich gar nicht. Ich könnte das Gefühl gar nicht definieren, mit dem ich auf diese Zeit zurückblicke. Mit Wehmut ganz bestimmt nicht, aber auch nicht mit Freude. Ich sehe das verhältnismäßig neutral, weil ich auch diese ganzen Fotos von früher aus Zeitungen kenne. Für uns Schauspieler verläuft der Altersprozess sowieso ein bisschen anders.

Wieso anders?

Weil wir immer wieder mit alten Filmen und Fotos und damit auch mit der Vergangenheit konfrontiert werden. Wir hüpfen irgendwie zwischen den Zeiten. Wenn ich ein Foto von mir in die Hand bekomme, auf dem man mich als 30-Jähriger in Badehose sieht, sage ich nicht, würde ich doch mal wieder so aussehen. Zumal ich immer noch viel Sport mache und mich über meinen Körper auch heute nicht beklagen kann.

Sie wirken tatsächlich nicht wie jemand kurz vorm Rentenalter.

Vielleicht liegt es ja daran, dass ich gerade aus Kapstadt komme und ein bisschen Sonne abbekommen habe. Na ja, persönlich habe ich mir schon vorgenommen, in Würde zu altern. Als ich jung war, sah ich in Diskotheken öfters ältere Männer, die dort regelmäßig verkehrten und wie ein Fremdkörper wirkten. Wenn es geht, möchte ich das lieber vermeiden. Gott sei Dank fällt mir das gar nicht schwer. Ich habe keine Lust mehr, mich diesen Bässen auszusetzen.

Worauf haben Sie denn noch Lust?

Wir wohnen ja am Starnberger See, und ab und zu treffen Viktoria und ich uns in der Stadt mit Freunden und Bekannten zu einem gesellschaftlichen Essen. Wenn dann der eine oder andere nach 22 Uhr noch sagt: „Komm, wir gehen noch ins Schumann’s oder ins P1", dann sind wir müde. Viktoria war ja noch nie so eine Partymaus. Und ich weiß dann auch, wir haben noch eine Stunde zu fahren. Um elf Uhr zu Hause zu sein, ist dann wunderbar. Wäre mir das nur früher schon so ergangen.

Sie sollen auch mit dem Klavierspielen angefangen haben.

Mit Klavierspielen hatte ich schon mal mit elf angefangen, dann aber wieder aufgehört. Darüber habe ich mich immer geärgert, auch weil ich dachte, dafür ist es sowieso schon zu spät. Aber jetzt kann ich sagen, es ist nie zu spät, etwas Neues zu lernen.

Reicht es schon für ein Konzert?

Na ja, da müsste man mal Lang Lang befragen. Aber meine Frau ist begeistert. Ich spiele wirklich jeden Tag, und ich habe wirklich von Grund auf gelernt mit allen Noten, Intervallen und Theorien.

Spielen Sie eher Jazz oder Klassik?

Jazz ist eine Musikrichtung, die ich nicht besonders mag. Ich spiele Filmmusik von Ennio Morricone bis Nino Rota. Das macht großen Spaß.

Würden Sie sagen, Sie ziehen Ihre Lebensfreude heute aus komplett anderen Dingen als früher?

Mark Twain hat mal gesagt, wer mit dem Rauchen aufhört, ist kein Nichtraucher, sondern ein Raucher, der nicht mehr raucht. Ich werde immer Raucher bleiben, obwohl ich seit 20 Jahren so gut wie nicht mehr rauche. Ich kann mir heute auch nicht mehr vorstellen, in einem Restaurant zu essen, in dem um dich herum pausenlos gequalmt wird. Obwohl ich selber starker Raucher war, finde ich es eine wunderbare Sache, dass in Restaurants nicht mehr geraucht werden darf.

Warum haben Sie sich das  Rauchen abgewöhnt?

Mein Arzt sagte mir damals, dass meine Herzkranzgefäße zwar noch ganz gut aussehen, aber nun dennoch der Zeitpunkt gekommen wäre, mit dem Rauchen aufzuhören, um im Alter nicht nachhaltig am lebenslangen Rauchen zu leiden. Die Zeiten haben sich sowieso geändert. Das sieht man auch an alten Filmen, wo bei jeder Gelegenheit eine Zigarette angesteckt wird. Nach dem Krieg hat man es echt krachen lassen, auch was so an Schnäpsen gesoffen wurde. Heute ist das anders, aber wir müssen nur sehen, dass wir nicht zu synthetisch werden.

Was heißt das für Sie?

Als ich mit dem exzessiven Trinken und Rauchen aufgehört habe, sagte ich mir, es muss trotzdem noch drin sein, dass ich mich im Urlaub mit einem guten Freund nachts mit einer Flasche Rotwein und einer Packung Zigaretten ans Meer setzen kann – ohne dass ich am nächsten Tag wieder zum Volljunkie werde. Ich hasse absolute Entscheidungen. Bitte nichts Dogmatisches. Ich finde es ganz schön, wenn man das kann, selbst wenn man nur die Vorstellung hat, man könnte es.

Aber Sie können es ja …

Ja, das ist auch schön so. Aber ich würde es trotzdem nicht empfehlen, wenn man schwerer Alkoholiker ist. Denn es gibt eine Art von Alkoholismus, die das verbietet. Das gilt auch fürs Rauchen. Til Schweiger zum Beispiel bewundert mich, dass ich ab und zu eine Zigarette rauchen kann und dann wieder aufhöre.

Man könnte also sagen, Sie sind ein Genussmensch geblieben?

Allerdings ein gebremster Genussmensch. Wie beim Weggehen habe ich irgendwann keine Lust mehr und sage beim Rauchen, jetzt nicht noch eine. Da hat mein Körper wohl eine eingebaute Bremse entwickelt. Hätte ich die mal schon in den 80er-Jahren gehabt.

Heiner Lauterbach...

... kam 1953 in Köln zur Welt. Nach der mittleren Reife besuchte er 1970 die Schauspielschule der Keller. Danach spielte er Theater in Köln, Würzburg und München.

... spielte ab Mitte der 70er-Jahre in ersten Kino- und TV-Filmen, unter anderem in drei Filmen der „Schulmädchen-Report“-Reihe, aber auch in der TV-Verfilmung von „Die Karthause von Parma“. 1985 gelang ihm der Durchbruch mit Doris Dörries Filmkomödie „Männer“, in der er neben Uwe Ochsenknecht die Hauptrolle spielte und für die er mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichnet wurde.

... gehört seitdem zu den meistgefragten deutschen Schauspielern. Er drehte unter anderem mit Dieter Wedel  „Der Schattenmann“ (1986) und mit Helmut Dietl „Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schläft“ (1997), war in der Dietrich-Schwanitz-Verfilmung „Der Campus“ (1998) zu sehen und als  Axel Springer in „Der Verleger“ (2001). Als Synchronsprecher ist er u.a. die deutsche Stimme von Christopher Walken, Jack Nicholson, John Malkovich, Kevin Costner und Laurence Fishburne.

... ist seit 2001 ist mit Viktoria Skaf verheiratet. Aus dieser Ehe stammen die beiden Kinder Maya und Vito. Aus der Ehe mit der Schauspielerin Katja Flint, mit der er von 1995 bis 2001 verheiratet war, hat er einen erwachsenen Sohn. Lauterbach lebt mit seiner Familie am Starnberger See.