Der Komponist Heinrich Poos (1928-2020)



Foto: Schott Music

BerlinHeinrich Poos war im herkömmlichen Sinne kein großer Komponist. Nicht nur, weil reine Chorkomponisten wie er belächelt werden und seine bedeutenden Werke zwischen Unmengen von chorischer Gebrauchsmusik versteckt sind. Man mag seine Musik aufgrund bevorzugter harmonischer Konstellationen wiedererkennen – aber eine bündige, eigene Sprache, gar eine moderne, nie dagewesene, hat Poos anscheinend nicht entwickelt.

Poos, 1928 im rheinland-pfälzischen Seibersbach als Sohn eines Pfarrers geboren, bezeichnete sich als „gelernten“, nicht als „geborenen“ Komponisten wie etwa Aribert Reimann, mit dem er eine Weile zusammen bei Boris Blacher in Berlin studierte. Zudem war er ein „gelehrter“ Komponist: Poos war Kirchenmusiker und Musikwissenschaftler, hatte außerdem Theologie und Philosophie studiert.

Seine wichtigste Position hatte er von 1971 bis 1994 als Professor für Musiktheorie an der damaligen Hochschule der Künste inne. Seine großen Aufsätze zu Matthäuspassion und „Tristan“, zu einer Beethoven-Bagatelle oder einem Bicinium des Renaissance-Komponisten Caspar Othmayr zeigen exemplarisch eine bis zum Äußersten gesteigerten Genauigkeit im Lesen des Notentextes vor dem Hintergrund einer reichen, aus antiken und christlichen Quellen gewonnenen musikalischen Anschauung: In der anspruchsvollen Lektüre rekonstruiert sich eine Bildungswelt, von der heute nur noch Ruinen übrig sind.

Komponieren war bei Poos Findekunst

Dem Anspruch, unsere Gegenwart durch den Anschluss an die Bilder und Gedanken der Vergangenheit zu bereichern, folgt auch Poos’ Musik. Sie zieht dafür alle denkbaren stilistischen Mittel heran, scheinbar unbesorgt, ob denn Cluster, Schütz-Zitat, eine an seinen Lehrer Ernst Pepping erinnernde chorische Deklamation zueinanderpassen werden – alle diese Mittel aber wirken zum Beispiel in „Hypostasis“ zusammen, um die Geschichte von Jakob und der Himmelsleiter eindrucksvoll zu beschwören. Komponieren wird bei Poos zur Findekunst: Keine stimmigere Vertonung von Hölderlins „Brot und Wein“ scheint vorstellbar als Poos’ subtile Verbindung mit Schuberts Ges-Dur-Impromptu.

Man mag das altmodisch „Kontrafaktur“ nennen, aber zugleich ist diese auch in den ausgewählten Texten zutiefst vom alten Europa geprägte Musik ganz nah an modernen Kreativitätstechniken, die weniger von genialer Schöpfung als vom Kombinieren vorliegender Musiken ausgeht. Eines der letzten Chorwerke von Poos war die Vertonung von Klopstocks „Auferstehn“, die mit einem Zitat des gleichlautenden Chors in Mahlers Zweiter beginnt – aber nicht mit sinfonischen Steigerungen überwältigt, sondern mit einer Klangschönheit, die ihresgleichen sucht. Am letzten Mittwoch ist Poos in Seibersbach gestorben – es ist zu hoffen, dass die Chöre sein buntes Werk weiterleben lassen.