Nur acht Minuten Aufmerksamkeit erbat sich der Soziologe Heinz Bude am Mittwochabend in der Villa Elisabeth. Und nutzte sie, um den Teilnehmern am Jahresempfang der Kulturstiftung des Bundes in aller Ruhe und freier Rede gründlich die vielleicht letzte Illusion zu rauben: dass Kunst und Kultur trotz allem einen Unterschied machen könnten.

Wobei: dass sie es könnten, stellte er nicht in Abrede. Nur dass sie es derzeit tun. Zu viele Produktionen seien „in ihrer Selbstähnlichkeit gefangen“ und setzten der Spaltung der Gesellschaft nichts entgegen. Stattdessen käme es auf die Erfindung von Formen „gefährlicher Begegnungen“ an.

Nun kann ein Wissenschaftler leicht das Experiment fordern, Dinge „in Gang zu setzen, von dem niemand weiß, wohin sie führen“. Er steht am Ende ja nicht selbst in der Brennpunktschule oder sitzt bei Kubitscheks in der Rittergutsküche. Aber recht hat Bude trotzdem. Die Gesellschaft ist gespalten und nicht nur in jene mit „prekärem Wohlstand“ und jene mit „komfortablem Wohlstand“, wie er sagte.

Kultur ist überfordert

„Prekariat hat eine Farbe und ein Geschlecht“, erweiterte später im Kulturprogramm, in einer Diskussion unter Leitern von Kulturinstitutionen, Danilo Vetter von der Stadtbibliothek Pankow den Blickwinkel. Und damit, Bildungs- und Begegnungsort und immer in der richtigen Richtung unterwegs zu sein, sei die Kultur, gab Sabine Wolfram vom Deutschen Archäologischen Museum in Chemnitz zu, „vielleicht auch überfordert“.

Die Katerstimmung, die Bude am Ende seines Beitrags noch mit dem Versprechen triggerte, dass der Wirtschaftsboom der letzten zehn Jahre demnächst ganz gewiss vorbei sein werde, hatte schon mit der Begrüßung durch den Verwaltungsdirektor Alexander Farenholtz begonnen.

Der nämlich flocht – bevor er zu einem lyrischen Intermezzo (beziehungsweise einem Intermezzo über Lyrik) von Ann Cotton und Monika Rinck überleitete – ein, dass er in ein paar Monaten aus diesem Amt (altersbedingt) ausscheiden werde, eine Vorstellung, die seiner Nachrednerin, der Künstlerischen Direktorin der Stiftung, Hortensia Völckers, zu Beginn ihrer Jahresbilanz durchaus auf die Stimme schlug.

Gesellschaftliche Wirkung zählt

Ohnehin war deren Rückschau eher knapp und nahm vor allem die gesellschaftlichen Wirkungen der stattgefundenen Initiativprojekte in den Blick. Kaum ein Wort etwa fiel über das Bauhausjubiläum, aber dass die Eröffnung des „Rom Archive“ den Sinti und Roma nach 600 Jahren erstmals die Deutungshoheit über ihre Kultur in die Hand gebe, machte die Direktorin stolz.

Gesellschaftliche Verantwortung und produktive Schonungslosigkeit waren die Impulse, die vom Jahresempfang des wichtigsten Players im Spiel der Kulturförderung in Deutschland ausgingen. Aber da die Kultur eine Branche ist, in deren Zukunftsfähigkeit die fortwährende, auch radikale Selbsthinterfragung schon eingepreist ist, schmeckte der Sekt danach nur umso besser.