Heinz Bude.
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KasselDie Kunstausstellung Documenta im nordhessischen Kassel ist nicht nur alle fünf Jahre eine große Attraktion für alle Freunde der Gegenwartskunst. Die seit 1955 zur Austragung gelangende Schau galt von Anfang an auch als eine Art Gründungsfest der demokratischen Moderne in Deutschland. Ein Ruf, der sich zu jedem Treffen der Kunstszene in Kassel erneuert hat. Entlang der einzelnen Documenta-Ausgaben ließe sich auch eine Geschichte des Zeitgeistes und seiner wechselnden künstlerischen Ausdrucksformen erzählen.

Vor einiger Zeit jedoch fiel auf das kreativ-offene Erscheinungsbild der Kunstschau ein dunkler Schatten. Neuere Forschungen haben ergeben, dass es weit mehr Kontinuitäten mit der NS-Zeit gab als bisher angenommen. Ausstellungsmacher waren NSDAP-Mitglieder – allen voran der Kunsthistoriker und spätere Direktor der Neuen Nationalgalerie Werner Haftmann, der die ersten drei Ausgaben der Documenta maßgeblich prägte, aber auch der Documenta-Gründer Arnold Bode.

Ähnlich wie bei den Enthüllungen über den ersten Leiter der Berliner Filmfestspiele, Alfred Bauer, stellt sich hinsichtlich der Documenta die Frage einer institutionellen Auseinandersetzung mit der erst spät bekannt gewordenen historischen Last.

In Kassel scheint man darauf nun eine Antwort gefunden zu haben. Der in Berlin lebende Soziologe Heinz Bude, bislang Professor für Makrosoziologie in Kassel, soll zum ersten Leiter eines Documenta-Instituts berufen werden. Seine Aufgabe wird zunächst darin bestehen, die Rahmenbedingungen für eine zukünftige Forschung zu entwickeln, die sich nicht zuletzt auch der Geschichte der Kunstausstellung widmen soll. Das Institut wird getragen vom Land Hessen, der Stadt und der Kunsthochschule Kassel sowie der Documenta und Museum Fridericianum gGmbH.

Heinz Bude ist eine naheliegende Wahl, und das nicht nur, weil der 1954 in Wuppertal geborene Soziologe als langjähriger Lehrstuhlinhaber in Kassel gerade emeritiert wird, also frei ist. Heinz Bude ist ein leidenschaftlicher Kunstkenner, der in seinen einschlägigen Studien zu generationsspezifischen Entwicklungen der Bundesrepublik explizit Kunstinterpretationen hat einfließen lassen, etwas zu Georg Baselitz’ Bild „Die große Nacht im Eimer“, das nicht zuletzt auch das Lebensgefühl der Kriegskinder der 68er-Generation zum Ausdruck gebracht hat. Zu Budes nicht primär wissenschaftlichen Arbeiten gehört eine Biografie des Kölner Sammlers Peter Ludwig, den Bude als typischen Repräsentanten der sogenannten Flakhelfer-Generation charakterisiert. Dieser spezifische Blick auf die Generationslagen der frühen Bundesrepublik dürfte auch beim Aufbau eines Instituts gefragt sein, das die bisherige Geschichte der Documenta noch einmal gegen den Strich bürsten soll.