Auch die Schlausten und Stärksten können sich allein nicht retten. 
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BerlinHeinz Bude ist gerade unterwegs, als wir ihn um ein Gespräch zur Corona-Krise bitten. Wäre es vor ein paar Tagen aus journalistischer Sicht noch verpönt gewesen, so ist es nun ein gebotenes Mittel, ein Interview per E-Mail zu führen. Das Abstandsgebot jedenfalls ist eingehalten. Der geschärfte Blick des Soziologen auf die soziale Extremsituation aber ist gewährleistet. Heinz Bude ist gefragt in diesen Tagen. Sein erst vor einem Jahr erschienenes Buch über „Solidarität“, das auch eine Auseinandersetzung mit verschiedenen historischen Solidaritätskonzepten enthält, erweist sich nun als wichtiger zweiter Blick auf ein Gemeinschaftsgefühl, das nun in der Corona-Krise dringend benötigt wird.

Herr Bude, der Untertitel zu Ihrem 2019 erschienenen Buch „Solidarität“ verhieß die „Zukunft einer großen Idee“. Es war der Versuch, ein als etwas verstaubt angesehenes gesellschaftliches Ideal neu zu mobilisieren. Schlägt nun die große Stunde der Solidarität? Welche Formen des Gemeinsinns sind nun gefragt?

Der italienische Fall zeigt, wie die Straße, in der man lebt, zum Ort des Gemeinsinns wird. Man kauft für Nachbarn ein, tauscht Mailadressen mit Leuten aus, die man sonst nur gegrüßt hat, und winkt sich im Morgenmantel von Balkon zu Balkon zum Zeichen, dass alles noch in Ordnung ist. Und jeder achtet darauf, dass trotzdem ein Kontaktabstand zum Schutz aller gewahrt bleibt. Das ist zumindest das Bild von der Lindenstraße, das ich mir heute für unser Land wünsche.

Foto: dpa/Uwe Zucchi
Soziologie der Solidarität

Heinz Bude ist Professor für Makrosoziologie an der Universität Kassel. Er ist Autor zahlreicher Bücher, darunter wichtige Arbeiten über die Flakhelfer-Generation („Deutsche Karrieren“) und die Generation der 68er („Das Altern einer Generation“), beide im Suhrkamp-Verlag.

Aktuelle Veröffentlichungen: „Solidarität. Die Zukunft einer großen Idee.“, Hanser, 176 S., 19 Euro und: „Adorno für Ruinenkinder. Eine Geschichte von 1968“, Hanser, 128 S., 17 Euro

Aktuelle Veröffentlichungen: „Solidarität. Die Zukunft einer großen Idee.“, Hanser, 176 S., 19 Euro und: „Adorno für Ruinenkinder. Eine Geschichte von 1968“, Hanser, 128 S., 17 Euro

In den Gesellschaftsbeschreibungen verschiedener soziologischer Schulen war nicht selten von neoliberalen Verhältnissen die Rede, in denen das in erbitterte Selbstbehauptungskämpfe verstrickte Ich die anderen nur als Konkurrenten wahrzunehmen in der Lage war. Erweist sich das nun als Trugschluss?

Sagen wir es so. Im neoliberalen Weltbild ist Solidarität etwas für die anderen, die nicht für sich selber sorgen können und denen es an den Kompetenzen für eine autonome Lebensführung mangelt. Heute bedürfen wir alle der Solidarität. Weil auch die Stärksten und Schlausten sich nicht allein retten können. Das Coronavirus stellt uns auf besonders intensive Weise unsere Verwundbarkeit an Leib und Seele und unsere Angewiesenheit auf andere vor Augen. Damit hat sich die neoliberale Hybris erledigt.

Den Kampf um die letzte Packung Klopapier im Supermarkt wurde in den vergangenen Tagen immer wieder als Ausdruck eines rabiaten, sehr einfach gestrickten Egoismus gewertet. Aber sprechen die Versuche, das normale Leben aufrechtzuerhalten, derzeit nicht eine ganz andere Sprache?

Natürlich ist Panik ansteckender Egoismus, weil man wild wird vor Angst. Aber so panisch sind wir meiner Wahrnehmung nach gar nicht. Es herrscht eher die Atmosphäre einer scheuen Solidarität, die Respekt mit Sorge verbindet. Die Leute passen aufeinander auf, das Schild „Bitte Abstand halten“ bekommt nun eine ganz neue Bedeutung.

Politiker stehen noch mehr als sonst unter besonderer Beobachtung, und nicht wenige werfen ihnen schlechtes Krisenmanagement vor? Schlagen sie sich wirklich so schlecht?

Im Augenblick ist die Beglaubigung kollektiver Handlungsfähigkeit das Wichtigste. Man kann etwas gegen die Ausbreitung des Virus tun, obwohl das Virus nicht aus der Welt geschafft werden kann. In diesem Zusammenhang verbietet sich die ironische Ohnmachtsgeste genauso wie der tragische Mobilisierungsaufruf. Das beherzigt das politische Führungspersonal meiner Ansicht nach gerade ganz gut. Was übrigens dazu führt, dass die Übelgelauntheit der AfD genauso wenig zum Zuge kommt wie die manchmal etwas anstrengende Hochbestrebtheit der Grünen.

Die Corona-Krise ist zweifellos eine Ausnahmesituation, und Sie sind als Soziologe nicht nur ein kühler Beobachter. Was hat sie positiv überrascht? Was enttäuscht?

Ziemlich anrührend sind für mich die vielen kleinen Zeichen des Trostes, die die Leute sich untereinander geben. Nicht im Sinne eines blinden Optimismus, sondern einer stillen Aufmerksamkeit füreinander. Geärgert hat mich die herablassende Besserwisserei von Leuten, die Panik gegen die Panik verbreiten. Die Angst hat viele Gesichter.

Werden wir nach einer hoffentlich überstandenen Pandemie wieder zur Tagesordnung übergehen oder wird es so etwas wie einen sozialen Lerneffekt geben?

Wir erleben gerade den Schlussstrich unter einer Periode, in der der starke Einzelne gerühmt, der Staat belächelt und an die vernetzte Welt geglaubt wurde. Die Bewusstsein einer relativ klassenindifferenten Vulnerabilität, also Verletzlichkeit, belebt die Suche nach neuen Formen der Solidarität, die Anerkenntnis der Staatsbedürftigkeit der Gesellschaft ernüchtert den fröhlichen Geist zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation, und die Einsicht in die dunklen Seiten der Vernetzung stärkt den Bedarf nach den kleinen Lebenskreisen, in denen man sich wechselseitig hilft und aufeinander achtet.

Was bedeuten die Auswirkungen der Corona-Krise in Bezug auf die sozialen Kämpfe um nationale Egoismen und die überall zu beobachtenden Tendenzen zur Renationalisierung?

Das Pendel wird von der Seite der Freiheit zur Seite des Schutzes schwingen. Man sieht in Deutschland die individuellen Freiheiten im Prinzip als gesichert an, aber man sorgt sich um die Formen des kollektiven Schutzes. Der Sozialstaat, das Gesundheitssystem, die landschaftlichen Reservate und regionalen Lebensweisen − das sind die Themen, die die Post-Corona-Politik bestimmen werden. Dahinter eine Tendenz zur Renationalisierung zu vermuten, ginge an der Sache vorbei. Die Menschen lieben ihre Freiheiten, aber der Staat soll für den dazu nötigen Schutz sorgen. Damit sind zuerst der spanische, der finnische, der schwedische und der deutsche Staat angesprochen. Auch wenn die Prinzipien universell, die Vernetzungen global und die Gefahren planetarisch sind.