Das pulsierende Stadtleben ist zum Greifen nah, aber von seinem Arbeitszimmer aus blickt der Soziologe Heinz Bude auf den sich in idyllscher Ruhe daliegenden Weißen See im Norden Berlins. Der passende Ort für ein Gespräch über Stimmungen, dem Thema seinen neuen Buches.

Herr Bude, die Stimmung kippt, hieß es zuletzt immer wieder, und das bezog sich auf die Flüchtlingskrise. In ihrem neuen Buch schreiben Sie, dass es die schlechte Stimmung nicht erst gibt, seitdem die Flüchtlinge an den Grenzen stehen und die Gesellschaft vor Probleme stellen, für die sie keine rechten Lösungen hat.

Ja, ich glaube, dass dieses Gefühl der verbauten Zukunft das zentrale Problem für die akute gesellschaftliche Gereiztheit ist. Da stehen sich zwei Stimmungslager gegenüber. Die einen haben das Gefühl, dass wir uns in einem Endspiel mit unserem maßlos gewordenen Kapitalismus befinden. Wir leben in einer Welt prekärer Berufsperspektiven, zunehmender Einkommensungleichheit, globaler politischer Instabilität und einer sich zuspitzenden ökologischen Krise und glauben uns, durch gezielte Einwanderung oder totale Abschließung gegen Menschen in Not retten zu können. Aber dieses Empfinden ist politisch heimatlos. Man findet es bei enttäuschten Sozialdemokraten, verstummten Christdemokraten, bei antideutschen Globalisten wie bei biodeutschen Territorialisten.

Und das andere Stimmungslager?

Auf der anderen Seite haben wir die Entdramatisierer, die sagen, dass alles nicht so schlimm sei. Sie vertreten eine Haltung nach dem Motto: Es wird schon werden. Die Unregulierbarkeit des Systems, unter der die einen leiden, wird von ihnen einfach positiv umgedeutet. Die Unübersichtlichkeit wird nicht als Problem, sondern als Rettung begriffen.

Aber warum münden beide Haltungen in Unzufriedenheit?

Es fehlt beiden an einer positiven Idee von Zukunft. Die Haltung derer, die sagen: „Es wird schon werden“, sind gefangen in einer Vorstellung von einer ewigen Gegenwart. Die Empörten wiederum blicken apokalyptisch auf die Welt. Der Neoliberalismus der vergangenen 30 Jahre hat ihnen zufolge einen Käfig errichtet, aus dem man nicht mehr herauskommt. Diese Konfrontation der Stimmungen kann man in den USA genauso erkennen wie in Frankreich oder in Polen. Die Flüchtlingsfrage bringt es nur noch stärker hervor.

Die Schwierigkeiten, die die Einwanderung mit sich bringt, sind nicht zu leugnen. Dabei scheinen konkrete Belastungen kaum mehr von diffusen Ängsten zu unterscheiden zu sein. Woran liegt das?

Wenn mein Eindruck richtig ist, dass das Gefühl der verbauten Zukunft vor allem ein Ausdruck von Stimmungen ist, dann führen Argumente nicht weiter. Die beiden Haltungen haben sich ineinander verhakt.

Wie kommt man dagegen an?

Stimmungen lassen sich nicht durch Argumente, sondern nur durch Stimmungen verändern. Die Frage ist, ob es eine Stimmung gibt, die diese gereizte Konstellation auflösen kann. Gibt es eine Stimmung, die es uns ermöglicht, die gesellschaftliche Situation in einer gewissen Ruhe zu besprechen? Und was ist das für eine Stimmung? Da kommt man weder mit bloßer Abgeklärtheit noch mit empörter Erregtheit weiter.

Was folgt daraus für die Politik?

Die Politik wird versuchen müssen, sich über sich selber klar zu werden. Als Angela Merkel zuletzt bei Anne Will auftrat, wusste man vorher, dass sie über ihre Strategie zur Bewältigung der Flüchtlingskrise nichts Neues sagen würde. Sie hat aber versucht, die Stimmung der Verunsicherung aufzugreifen und dabei eine gewisse Ruhe auszustrahlen. Ihr Auftritt bei Anne Will war also in erster Linie eine Stimmungsintervention. Das Gegenbeispiel ist Sigmar Gabriel, der aus der Festgefahrenheit der Sozialdemokratie in dieser Situation gar nicht herauskommt.