Heinz Rudolf Kunze: Gendern ist wie eine neo-mittelalterliche Tollwut

Der Sänger spricht vor dem Konzert in Berlin über den offenen Brief gegen Waffenlieferungen, die russische Kriegsgefangenschaft seines Vaters und das Gendern.

Mit dem Rücken zum Scheinwerferlicht: Kunze geht in seiner Autobiographie „Werdegang“ ins Verhör mit der Vergangenheit
Mit dem Rücken zum Scheinwerferlicht: Kunze geht in seiner Autobiographie „Werdegang“ ins Verhör mit der VergangenheitSimon Stöckl

Heinz Rudolf Erich Arthur Kunze wurde 1956 in Espelkamp-Mittwald geboren. Er ist einer der bekanntesten deutschen Rocksänger, Schriftsteller, Liedermacher und Musicaltexter. Seinen bislang größten Single-Erfolg hatte er 1985 mit dem Titel „Dein ist mein ganzes Herz“. Nach langer Zeit ist Kunze wieder auf Tournee. Heute Abend spielt Kunze in der Columbiahalle. Wir haben mit dem Künstler vorab gesprochen.

Berliner Zeitung: Die Berliner Zeitung hat am Freitag einen offenen Brief veröffentlicht. Darin fordern Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Politik und Kultur den Bundeskanzler auf, alle Waffenlieferungen an die Ukraine einzustellen – und drängen darauf, dass die Ukraine sich den Russen ergibt. Was halten Sie von derlei öffentlichen Einlassungen von Musikern wie beispielsweise Konstantin Wecker?

Heinz Rudolf Kunze: Nichts.

Warum?

Ich habe auf so etwas immer allergisch reagiert. Ich wurde schon so oft aufgefordert, in meinem Leben irgendwas zu unterschreiben, und ich finde diesen Komplettismus einfach ärgerlich und lästig und völlig sinnlos und wirkungslos. Jeder Künstler sollte sehen, dass er diese Dinge, wenn es ihm um diese Dinge geht, in seiner Arbeit vorkommen lässt und in seine Lieder, in seine Texte hineinnimmt. Aber von dieser Art der Unterschriftstellerei halte ich überhaupt nichts.

Wie gehen Sie mit aktuellen politischen Entwicklungen und solchen Fragen in Ihren Texten um?

Ich habe natürlich in meinen Texten, die auf der Bühne zwischen den Liedern stattfinden, immer Zeitbezüge. Und Sprechtexte können sich im Laufe einer langen Tour auch ändern. Und wenn Dinge passieren, die mich beschäftigen, und ich kann das sprachlich bewältigen, dann werden diese Texte auch wie eine Chronik der laufenden Ereignisse auf der Tournee den Ereignissen angepasst. Die Tour, die jetzt beginnt, hat auch eine Stellungnahme zum Russland-Ukraine-Krieg. Allerdings keine pazifistische, das kann ich Ihnen schon sagen.

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Heinz Rudolf Kunze
Heinz Rudolf Erich Arthur Kunze wurde am 30. November 1956 in Espelkamp-Mittwald geboren. Er ist ein deutscher Rocksänger, Schriftsteller, Liedermacher und Musicaltexter/-übersetzer. Seinen bislang größten Single-Erfolg hatte er 1985 mit dem Song „Dein ist mein ganzes Herz“. Kunze hat bislang 489 Lieder veröffentlicht und nach eigenen Angaben weitere rund 5700 Texte geschrieben, von denen mehr als 1900 veröffentlicht sind. Er war gelegentlich projektbezogen als Dozent für verschiedene Hochschulen tätig.

Was stört Sie an dieser als Pazifismus vorgetragenen Haltung?

Ich finde das Ganze, mit Verlaub, sehr feige. In der warmen Achselhöhle des amerikanischen Atomschirms lässt sich leicht pazifizieren.

Ihr Vater war nach dem Zweiten Weltkrieg elf Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft. Er kam mit dem letzten Zug von Heimkehrern im Januar 1956 zurück und hat Ihnen, wie Sie einmal erwähnten, ein differenziertes Russlandbild vermittelt. Wie sieht dieses Russlandbild aus?

Da sprechen Sie einen sehr wunden Punkt an. Ich habe gerade heute vor der Probe von meinem empörten Gitarristen einen Artikel aus der Süddeutschen gezeigt bekommen. Darin behandelt mich ein junger Schnösel extrem schlecht. Und zwar wegen meiner angeblich zu flapsigen und zu wenig betroffenen Aussagen zu meinem Vater beziehungsweise zu dessen mörderischer Tätigkeit in Russland. Was eine Unverschämtheit ist, denn er kannte meinen Vater nicht und er kann das gar nicht beurteilen. Aber egal. Ich kann sagen, das Russlandbild meines Vaters war ein sehr differenziertes. Trotz elfjähriger Gefangenschaft war mein Vater überhaupt kein Russenhasser. Er hat sehr schnell, um dort zu überleben, Russisch im Lager gelernt und dann Shakespeare, Goethe, andere Sachen übersetzt. Als Hobby-Regisseur hat er mit den Gefangenen Stücke aufgeführt: für die Gefangenen und für die russischen Bewacher. Er kam zurück und sagte, die Russen draußen vor dem Lagerzaun hatten wahrscheinlich genauso wenig zu essen wie wir. Er war überhaupt kein Antirusse. Er war allerdings, das muss man schon sagen, Antikommunist. Das war dann doch klar, nach elf Jahren Gefangenschaft. Aber es ging ihm nicht um die Russen als Volk oder die russische Mentalität. Und es war eine seiner größten Freuden – als wir in Osnabrück dann endlich sesshaft wurden –, sich immer bei der Stadt zu melden, wenn russische Touristendelegationen nach Osnabrück kamen, um die Stadt des Westfälischen Friedens zu besichtigen. Dann hat er immer den Fremdenführer gemacht und seine Russischkenntnisse wieder aufpoliert und aktiviert. Das war ihm eine große Freude.

Auch auf Twitter gab es Vorwürfe, Sie hätten in einem Interview mit dem Deutschlandfunk unangemessen über die Mitgliedschaft Ihres Vaters in der Totenkopf-SS geredet. So dürfe man darüber nicht sprechen, hieß es. Wie reagieren Sie auf derartige Vorwürfe?

Ich muss mich schon sehr wundern. Ich nehme Twitter nie zur Kenntnis, aber ich ahne natürlich, was sich da für ein dummes Geschwätz in jeder Hinsicht breitmacht. Egal was man sagt, öffentlich wird man da bestimmt von irgendwelchen Leuten zerfleischt. Alle diese Leute kennen ganz sicher nicht das Gefühl, in einer kleinen Mietwohnung zu leben, wo die Wände dünn sind und die Zimmer eng beieinander, und nachts aus dem Schlaf gerissen zu werden durch den im Albtraum schreienden Vater. Das kennen alle diese Leute nicht, sollten sie aber, bevor sie das Maul aufreißen.

Das scheint ein Wesenszug des Mediums zu sein. Alle äußern sich zu allen Themen. Meinungen existieren unabhängig von Fakten, geschweige denn Expertise. Es herrscht eine konstante Er- und Aufregungskultur. Die Masse kann Einzelne niederbrüllen. Halten Sie das für bedenklich?

Ich fand eine Äußerung von Dieter Nuhr vor einiger Zeit sehr sinnvoll. Der sagte: Früher gab es diese Meinungen natürlich auch, aber sie blieben am regionalen Stammtisch. Und heute durch die neuen Medien werden sie gleich überall zur Kenntnis genommen. Und das ist natürlich verhängnisvoll.

Aus Tausenden Stammtischen ist ein großer geworden.

Die Leute, die entweder meinen Vater verurteilen oder mich in der Art, wie ich über ihn rede, sollten nochmal in die Bibel schauen: Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.

Weil wir eben über den Pazifismus sprachen. Viele der Stimmen, die sich im politischen Raum aktuell auf den Pazifismus berufen, kommen aus der SPD. Sie sollen selbst bis in die 1990er-Jahre Mitglied der Partei gewesen sein. Wie kam es, dass Sie eingetreten, und vor allem: Wie kam es, dass Sie wieder ausgetreten sind?

Wie es kam, dass ich eingetreten bin, weiß ich gar nicht mehr. Das war in der Studentenzeit. Das machte man halt damals so. Ausgetreten bin ich wegen der Rechtschreibreform.

Sie gelten auch als ein Künstler, der das Gendern nicht besonders goutiert.

Nicht goutieren ist gut. Ein gegenderter Satz klingt für mich so entsetzlich falsch wie für Eric Clapton ein falscher Ton auf der Gitarre.

Wieso, denken Sie, greift das Gendern um sich und wieso ist es auch beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk verbreitet?

Weil der feige ist und weil die mittelalterlichen Hexenjäger, die diese Meinung vertreten, sehr aggressiv und durchsetzungsfähig sind. Peter Sloterdijk, den ich für den bedeutendsten lebenden Philosophen halte, hat neulich gesagt, er hält es für eine Art neo-mittelalterliche Tollwut und hofft, dass die Mode bald vergeht.

Glauben Sie, dass diese Mode bald vergeht?

Ich habe da Sorge. Für mich hat Kristina Schröder (ehemalige Familienministerin der CDU, Anm. d Red.) mal in einem Aufsatz in der Welt vor ein paar Monaten die Diskussion mit einem einzigen Satz beendet. Danach muss man sich eigentlich gar nicht mehr damit beschäftigen oder darüber aufregen. Sie hat gesagt: Die deutschen, bestimmen Artikel „der“, „die“, „das“ sind nicht geschlechtsversklavend. Denn jeder ist DER Mensch, jeder ist DIE Person und jeder ist DAS Opfer – egal ob Männlein, Weiblein, divers, Pinguin oder Edelstein.

Auch zu Ostern finden sich derartige Genderformen in Predigten wieder.

Vor vier Wochen sprach irgendein Pastor in seinem Wort zum Sonntag von „Jesus und seinen Jüngern und Jüngerinnen“. Da wollte ich wieder mal aus der Kirche austreten. Die Geschichte so umzulügen, weil einem nicht gefällt, dass Jesus keine Jüngerinnen besaß, macht mich rasend.

Nun sind Sie seit Samstag wieder auf Tour und am Montagabend, den 25. April, auch in Berlin in der Columbiahalle zu sehen und zu hören. Ist das nach fast zwei Jahren pandemiebedingter Abstinenz – Ihre Tour musste wegen Corona in zwei Jahren dreimal verschoben werden – ein merkwürdiges Gefühl?

Na ja, ich war in den letzten Jahren schon auf der Bühne. Ich habe zwar in der Tat sieben Monate lang nicht auftreten dürfen, aber den Rest der Zeit habe ich Solo-Shows gemacht. Immer wieder. Vor stark begrenztem Publikum, mit Masken natürlich und Hygienebestimmungen... pipapo. Aber ich hatte den Kontakt zum Publikum nicht ganz verloren, nur zu meiner Band. Jetzt ist es seit langer Zeit mal wieder schön, mit den Kumpels gemeinsam Musik zu machen. Das ist eben doch was anderes.

Sie werden Lieder aus Ihrem jüngsten Album „Der Wahrheit die Ehre“ spielen und sicher auch Texte zum Besten geben. Kürzlich erschien ihre Autobiografie „Werdegang“ als Buch und Hörbuch. Wie geht man damit um, wenn die eingefleischten Fans jedoch auch Hits wie „Dein ist mein ganzes Herz“ oder „Alles was sie will“ hören möchten? Was muss man tun, um das gesamte Publikum zu erreichen?

Man darf es nicht enttäuschen, man darf es weder unter- noch überfordern. Ich halte mein Publikum für recht neugierig, ich mute ihm eine ganze Menge zu. Aber sie brauchen natürlich auch Ankermomente, bestimmte Lieder, die sie einfach gerne hören und die sie auch gerne immer wieder hören, weil sie damit etwas verbinden aus ihrer Jugend, sich vielleicht dabei kennengelernt haben und so weiter. Aber ich habe mir geschworen, dass ich nie ein Golden-Oldie-Programm mache. Es gibt Nummern, die müssen sein, aber das jeweils letzte Album ist immer auch ein Schwerpunkt im Programm. Ich hoffe, ich werde es nie so wie die Rolling Stones machen, die, wenn sie mal ein neues Album gemacht haben, davon höchstens eine Nummer spielen und ansonsten immer die gleichen Stücke. So möchte ich nicht enden.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Heinz Rudolf Kunze: Der Wahrheit die Ehre: Die Tour zum 40 jährigen Bühnenjubiläum, Nachholtermin vom 25.10.2020 und 25.05.2021. Bereits gekaufte Tickets behalten Gültigkeit. Columbiahalle, Columbiadamm 13-21, 10965 Berlin. Einlass: 18:30 Uhr, Start: 20 Uhr.