Die Auguststraße hat keinen Radweg. Aber das stört Helen Berggruen nicht. Fröhlich manövriert die zierliche Amerikanerin ihren Drahtesel durch die dauerturbulente Mitte-Szene – vorbei an anderen Radfahrern und dicken Geländewagen, die in der schmalen Straße einen Parkplatz suchen.

Die gebürtige Kalifornierin, 1945, zu Kriegsende geborene amerikanische Tochter aus erster Ehe des aus dem Vorkriegs-Berlin stammenden Kunstsammlers und Museumsgründers Heinz Berggruen (1914-2007) trifft sich in der Galerie Deschler mit namhaften Männern.

Das heißt, ihre Bilder „reden“, debattieren, philosophieren da an den Galeriewänden mit denen deutscher Expressionisten: Landschaften, Stillleben von Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Gabriele Münter, Emil Nolde, Max Pechstein, Max Pfeiffer Watenpuhl. Deren Gemälde, Grafiken, Zeichnungen sind allesamt Leihgaben der Schweizer Privat-Kollektion Ketterer. Und dass ihre eigenen Bilder, all die lebhaften, wie aus einem Farbstrudel entstandenen Landschaften, die vielschichtigen, merkwürdige Geschichten erzählenden Stillleben und Interieurs nun so zwanglos, fast freundschaftlich, ohne alle ikonenhafte Distanz oder übertriebene Ehrerbietung neben, über unter denen dieser Berühmtheiten hängen, nimmt fast den Anschein eines Treffens eng Vertrauter.

Sie fühle Nähe zu diesen expressionistischen Bildern des frühen 20. Jahrhunderts, meint die Malerin, die in den 1970er und 1980er Jahren in New York und Paris am Theater arbeitete und viel Jahre als Schauspielerin mit Robert Wilson auf Tour war, also erst viel später ihre Mal-Leidenschaft zum Beruf machte.

Der Stil ihrer Bilder verrät durchaus die „Lehrmeister“. Nicht zu übersehen: das waren van Gogh und auch Matisse. Künstler, die auch Helen Berggruens Vater liebte und bekanntlich leidenschaftlich sammelte. Sie malt expressiv, mit intensiven, oft erdigen Farben, und zugleich atmosphärisch. Nur selten gibt es Figuren zu sehen, dafür haben die Häuser – kalifornische Vorstadt-Holzhäuser, südfranzösische Landhäuser, Kirchen, Wassertürme oder aber märkische Schlösser und berlinische Gründerzeitbauten gleichsam „Gesichter“, von den Zeitläufen geprägt und offen fürs Erzählen. Eine Galeriewand voller kleiner, feiner Berlin-Aquarelle trägt das Datum: Juni 2014. Helen Berggruen malte den Wasserturm, alte Brauereigelände in Prenzlauer Berg, Parks, Plätze – essenzielle Stadtporträts, aus denen die ganze jetzige Hektik, das Rasante, Oberflächliche des Alltags herausgezogen scheinen.

Aufnahme mit allen Sinnen

Anders in den Ölgemälden, den Landschaften und Stillleben: Das Tempo ist zurück, die Unrast, der Rhythmus der Jahreszeiten. Alles an diesen Schwüngen, dem dichten Strichrhythmus, den Spiralen und wie farbexplodierenden Büschen ist Lebensdrang. Selbst die blauen und grauen Wolkenbänke, die Feuerrädersonnen und kreisrunden Strohballen auf den Feldern, der Wind, der die Bäume, die farbsatten Blüten der Vorgartengewächse zaust. Die Malerin will „eine Aufnahme mit allen Sinnen“ erreichen, „einen zeitlosen, typischen Moment, der so auch schon vor 100 Jahren hätte sein können.“ Schon die Expressionisten, sagt sie, hätten zu ihrer Zeit Stadt, Land, Mensch, Dinge und Situationen ins Bild gesetzt, um dem Gewohnten, Alltäglichen das Außergewöhnliche abzuringen. Helen Berggruen meint schlicht: Es gehe um Empathie. Darum, dass man begreift, dass Schönheit, Harmonie, Friedlichkeit, eine üppig gedeihende Landschaft, reiche Felder, blühende Blumen keine Selbstverständlichkeiten sind. Dass dieses hohe Gut in unserer modernen Welt, in der Alles und Jedes zur Verfügung zu stehen hat, sehr gefährdet ist.

Gewiss hatten schon die Expressionisten so kurz vor dem Ersten Weltkrieg, währenddessen und nach der ersten Jahrhundert-Katastrophe solche Gedanken und Gefühle. Und so bekommt ein derartiger Bilder-Dialog heute eine besondere Dimension, wo es in Nachbarländern und auf anderen Kontinenten neue Kriegsherde gibt. Und über all das ließe es sich vorzüglich debattieren, auch streiten mit Heckel, Kirchner, Pechstein. Zur unliebsamen Debatte um den misslungenen deutschen Karstadt-Deal ihres Halbbruders Nicolas Berggruen äußert sie sich nicht. Maler reden nicht; sie malen.

Galerie Deschler, Auguststraße 61. Bis 26. Juli, Di–Sa 12–18 Uhr. Tel.: 283 32 88.