"Erfolg ist nichts, was glücklich macht"

Bevor es noch mehr Missverständnisse gibt: Man fragt sich bei „Axolotl Overkill“ unweigerlich, wie viel Carl Hegemann in Miftis egozentrischem Vater steckt.

Ja, das ist eine Gemeinheit! Wirklich! Das bereitet mir schlaflose Nächte, weil ich das ihm gegenüber so unfair finde.

Dann holen Sie doch mal zur Ehrrettung aus: Wie ist Carl Hegemann als Vater?

Das Gegenteil des Vaters aus dem Film. Er hat einen ähnlichen Bademantel, aber das war’s auch schon.

Ist er liebevoll, fürsorglich?

Das ist er auf jeden Fall.

Berät er Sie bei Ihrer Arbeit? Sagt er schon mal: Helene, so wird das nichts?

Das hat er glücklicherweise noch nie gesagt. Wir machen zu unterschiedliche Sachen, als dass man sich gegenseitig ernsthaft beraten könnte. Aber natürlich ist es toll, jemanden als Vater zu haben, dem man bedingungslos vertrauen kann. Der einem schon in frühem Alter sagt: Kritik ist nur dann toll, wenn sie durchwachsen ist. Lob und Erfolg ist nicht das, worauf es ankommt. Es ist immer ganz gut, auch gehasst zu werden für das, was man gemacht hat. Sonst wird’s langweilig.

Was bedeutet für Sie Erfolg?

Es ist jedenfalls nichts, was glücklich macht.

Auch gut. Ich meinte aber: Was macht Erfolg aus, wenn es die guten Rezensionen nicht sind?

Ich glaube, Erfolg bedeutet etwas, das aufregt, aber auch gefällt. Dass der Film etwas auslöst in den Menschen ist für mich wünschenswerter als etwas Abnickbares, was bestimmte Sachen bedient und allgemeingültig ist. Und Erfolg ist ja schon mal überhaupt, im Kino zu laufen, das ist doch fantastisch! Ich bin von vielleicht drei Programmkinos ausgegangen, jetzt läuft der Film in ganz Deutschland.

Promotet wird „Axolotl Overkill“ von Constantin Film, der gleiche Verleih, der Blockbuster wie „Fack Ju Göhte“ im Programm hat. Hat dieser große Rahmen Einfluss auf Ihre Arbeit gehabt?

Wir haben mit einem sehr großen Team gearbeitet. Wenn da vierzig Leute am Set sind, geht eine Maschinerie los, die kriegst du schlecht durchbrochen. Jede Art von Sich-freischaufeln-Wollen von einem Tagesablauf führt dazu, dass irgendjemand nicht pünktlich zu Mittag bekommt. Und dass jeder genug zu essen hat und sich nicht überarbeitet, ist mir definitiv wichtiger als meine künstlerische Vision.

Wie kann man an so einem Set Spontaneität erhalten?

Wenn man faul wird, ist das sehr schwer. Aber wir hatten großes Glück mit dem Kameramann, dem Belgier Manuel Dacosse, der auf dem Sundance Festival auch für seine Arbeit ausgezeichnet wurde. Der brauchte für jeden Lichtaufbau nur zehn Minuten – normalerweise dauert es schon mal zwei Stunden, eine dreisekündige Szene vernünftig auszuleuchten. Manuel hat sich vollkommen von seinem Konzept verabschiedet und lief oft schweißüberströmt mit der Handkamera einfach weiter, weil ich sagte: „Noch kein Cut, spielt weiter.“ Der hat eine Spontaneität da rein gebracht, die wir mit jemanden, der weniger flexibel gewesen wäre, nie zustande gebracht hätten.

Und wie war der Umgang mit Ihnen? Der Welpenschutz dürfte weg gewesen sein.

Ich kann Ihnen versichern, den gab es nicht im Geringsten. Es gab in meinem Arbeitszusammenhang im Übrigen nie so etwas wie Welpenschutz. Was impliziert das? Dass alle über zwanzig fertiggemacht werden für das, was sie tun? Wenn man die Freiheit hat, sich die Leute auszusuchen, mit denen man arbeitet, umgibt man sich mit denen, mit denen man am weitesten vorankommt. Jede Form von Abmilderung ist da Quatsch.

Wie sind Sie mit den Erwartungen an den Film umgegangen? Sind Sie cooler geworden, weil Sie den Shitstorm schon einmal durch haben?

Ja, natürlich. Für die Freiheit, mit der ich heute arbeite, war dieser Shitstorm das Beste. Weil ich nicht im Geringsten etwas von der öffentlichen Wahrnehmung abhängig mache. Wirklich. Und das ist eine extrem luxuriöse Position. Das können sehr wenige Leute von sich behaupten, die so euphorisch an die Öffentlichkeit gehievt wurden wie ich, die dann aber nicht geschlachtet wurden. Das ist natürlich reines Glück.

Sie haben einen kurzen Cameo-Auftritt in dem Film. Als Mifti morgens in die Küche kommt, sitzen Sie da umgeben von Ihrem Team und drehen einen Film, in dem einer mit einem gefrorenen Weißbrot erschlagen wird. Die Arbeit an dem Film hat einen Riesenspaß gemacht, oder?

Spaß, das klingt so degradierend, als seien wir da alle hippiesk durch die Gegend gerannt. Das war schon anstrengend.

Dann vielleicht: Freude?

Ja, und zwar an der Konzentration, die alle aufbringen durften. Wenn ich eine Stärke von mir nennen darf, dann die: Ich versuche, ein Gefühl dafür zu entwickeln, was die Leute woanders nicht dürfen und lasse sie genau das dann machen, nicht weil es Spaß macht, sondern weil es einen stimuliert, weil es so intensiv ist.

Als Sie mit dreizehn nach Berlin zu ihrem Vater zogen, haben Sie viel Zeit an der Volksbühne verbracht. Haben Sie sich diesen Umgang mit Schauspielern dort abgeschaut?

Natürlich lernt man da was über – ich nenne es mal: soziale Kunstformen. Am meisten merkt man das vielleicht daran: Das, was ich an Axolotl jetzt unbestreitbar toll finde, sind die Schauspieler. Und wie die sich das zu eigen machen, wie sie sich spielerisch zu den Figuren verhalten, statt niederzuknien vor der Rolle: Ja, das lernt man an der Volksbühne.

Sie haben mal gesagt: Bevor Sie nach Berlin kamen, hätten Sie wie in einem Winterschlaf gelebt. Was war das für ein Erweckungserlebnis da an der Volksbühne?

Es gab plötzlich einen Ort, an dem ich mich bedingungslos wohlgefühlt habe. Und nicht, weil ich es dort so gemütlich hatte oder weil mich da alle gemocht hätten, im Gegenteil, vor mir sind immer alle schreiend weggerannt, weil ich wieder nur so ein Teeniegroupie war, von denen gab es da viele zu der Zeit. Aber was man da erleben konnte, wenn man sich darauf eingelassen hat – und ich rede jetzt explizit von den Stücken, nicht von irgendeinem wilden Drumherum –, war einfach unfassbar. Was für eine künstlerische und intellektuelle Freiheit! Wie sich da Leute verausgabt haben!

Gibt es ein Stück, an dem Sie das festmachen können?

Was für mich so war wie für andere Teenies vielleicht ein Robbie Williams-Konzert, war „L’affaire Martin!“ von René Pollesch, mit Sophie Rois, Martin Wuttke, Christine Groß, Caroline Peters und Volker Spengler. Da saß ich drin und – jetzt werde ich so übereuphorisch, aber ich bin es immer noch, wenn ich daran denke – konnte nicht fassen, dass es sowas gibt. Ich habe natürlich kein Wort verstanden, aber mir wurde klar: Es gibt noch was anderes auf der Welt als schlecht gelaunte Mathelehrer.

Was ist für Sie bis heute davon geblieben?

Das Theater in der Volksbühne ist nicht im Geringsten vergleichbar mit dem Theater, das irgendwo sonst stattfindet. Umso tragischer ist ja diese völlig zurecht so bezeichnete feindliche Übernahme. Dieser Ort wird jetzt zu etwas, was es schon tausendmal auf der Welt gibt. Das ist an sich schrecklich ... Wie war die Frage noch mal?

Das weiß ich auch nicht mehr. Aber ich habe noch eine andere: Mifti trägt im Film ein T-Shirt, bedruckt mit einem Wort in kyrillischen Buchstaben. Was bedeutet es?

Da steht Nadryw drauf. Das ist ein unübersetzbares Wort. Dostojewski hat das viel verwendet. Es beschreibt zum Beispiel diesen Moment, in dem man sich einen Pickel ausquetscht und die Haut einreißt.

Sie meinen eine schräge Art von Befriedigung?

Eher: Schmerzekstase. Der Moment, in dem etwas aufreißt, vielleicht auch etwas Katastrophales passiert. Der Übergang von einem Zustand in den anderen. Eigentlich der Grundzustand eines Teenagers, oder? Aber es hat schon einen Grund, warum man das nicht übersetzen kann. Ich könnte wahrscheinlich noch zwanzig Minuten weiterreden, ohne auf den Punkt zu kommen.

Verraten Sie mir zum Schluss noch: In einer Szene hören Mifti und Ihre Freundin Ophelia dieses großartige brasilianische Lied im Auto. Es ist so wahnsinnig melancholisch, herzzerreißend. Wo haben Sie das ausgegraben?

Ich war mal in Brasilien auf einer Lesetour. Da saßen immer so ungefähr fünf Leute in den Lesungen. Wir haben dann in Búzios haltgemacht, einem von Brigitte Bardot entdeckten Örtchen an der Küste. Wir haben dort in einem riesigen Clubhotel übernachtet, in dem wir die einzigen Gäste waren, weil es außerhalb der Saison war. Nachts saßen wir an der Hotelbar und da lief dieses Lied. Die Kellnerin hat es immer gespielt, sie war mit dem Leadsänger der Band zusammen. Es hatte zu diesem Zeitpunkt vielleicht 500 Klicks auf Youtube und hat deshalb nicht 30.000 Euro gekostet, wie das ein Stones-Song schon mal tut. Das sind so Glücksgriffe.