Er steht mitten in einer kleinen Gruppe und fällt kaum auf. Helge Schneider ist schmal, seine Haare liegen wirr um seinen Kopf. Er trägt Jeans und wirkt fast schüchtern. Die Menschen, die auf ihn zukommen, begrüßt er freundlich. Dann steigen alle in den Bus, und Helge Schneider greift zum Mikrofon. „Ich bin ja kein Mensch der großen Worte“, sagt er. Ein Satz, bei dem man vielleicht mit den Achseln zucken und denken könnte: Ja, gut, musste ja auch nicht sein. Wenn Helge Schneider den Satz sagt, lachen alle.

Vielleicht ist das sein Humor-Geheimnis? Einfache Sätze sagen, Sätze über sich selbst, die stimmen.

Der Pressetermin mit Helge Schneider beginnt am Ernst-Reuter-Platz in Berlin-Charlottenburg. Ziel des Ausflugs, der als Butterfahrt angekündigt worden ist, ist die Waldbühne. Dort tritt Schneider am 14. Juli auf. Ein Zusatz-Konzert ist bislang nicht geplant. „Ich habe aber am nächsten Tag frei.“

Bis zur Ankunft an der Waldbühne erheitert er die Mitreisenden im Bus mit Heizdecken-Angeboten. „Fünf Decken für 2000 Euro. Da kann man nicht Nein sagen. “ Wieder packt er seine Zuhörer. Muss man nur Helge Schneider heißen, damit Butterfahrt-Klischees zu Witzen werden?

Kult, Ulk und Nudel

Helge Schneider ist 61. Er ist ein Multi-Talent – Musiker, Buchautor, Maler, Schauspieler und Hitmacher. Kult-Ulknudel nannte ihn neulich jemand. Was für eine Wort-Kombination: Kult, Ulk und Nudel.

Sein Titel „Katzeklo“ machte ihn vor 23 Jahren deutschlandweit bekannt. 1994 sang er das Lied bei „Wetten, dass ..?“ Dann war alles geritzt. Helge Schneider war oben im Olymp angekommen. Mehr Karriere-Startschuss geht nicht.

Während der Butterfahrt verkündet der Entertainer an diesem Vormittag, dass er von nun an nur noch auf der Bühne stehen wolle. Das sei ihm gerade so spontan eingefallen, sagt er. Alle lachen wieder. Helge Schneider fügt hinzu: „Meine Lieblings-Kreativitäten sind Live-Auftritte. Du gehst auf die Bühne, da ist Publikum, du machst was, das Publikum applaudiert, alle sind froh, und dann ist es zu Ende und auch schon vergessen. Ich bin jetzt alt genug zu sagen: Ich trete nur noch auf. Und das nicht zu oft.“

Vor geraumer Zeit habe er noch eine Tournee nach der nächsten hinter sich gebracht. „Irgendwann wird es zu viel“, sagt er.

Sein Teil-Ausstieg ist für die Reporter die Nachricht des Tages. Ebenso wie die Angaben zu seinem Programm, das die Menschen in der nächsten Woche in der Waldbühne erwartet. Er bleibt im Vagen, er lässt Raum für Interpretationen.

Denn Helge Schneider will improvisieren, will zur Gitarre oder zum Saxofon greifen, sich ans Klavier setzen und drauflos spielen. Will jede Menge Quatsch machen, Quatsch, bei dem sich das Publikum oft genug fragt, was der Mann da auf der Bühne gerade macht – aber vielleicht weiß der das gerade selbst nicht so genau.

Die Idee sei einfach, sagt Helge Schneider: einen guten Auftritt hinzulegen. Mehr könne man nicht von ihm verlangen.

Der Butterfahrt-Bus ist angekommen, es geht hinein in die Waldbühne und die vielen Stufen hinunter in die Arena. Helge Schneider posiert ein wenig und erzählt.

Für die Tour „240 Years of Singende Herrentorte“ hat Helge Schneider sich von der Ahnenforschung inspirieren lassen. Angeblich drückte der erste Helge Schneider im Jahr 1777 mit Beethoven zusammen die Schulbank. Da fing Beethoven an, öffentlich Klavier zu spielen und begeisterte mit seinen freien Improvisationen. Ach so.

Das kann man witzig finden. Muss man aber nicht. Die Zuhörer lachen. Einer will dann ernsthaft wissen, ob das Schneiders Sympathien für Beethoven begründe. Der Entertainer antwortet ausführlich: „Mein Problem mit Beethoven ist, dass ich kaum Noten kann. Und Beethoven konnte ganz gut Noten. Ich wäre gerne Beethoven-Interpret, aber auch Mozart-Interpret geworden, um mein Späßchen zu haben in klassischen Konzerten und zu schmunzeln. Und zu denken, was die wohl denken, die da jetzt sitzen, ob das verboten ist, zu schmunzeln innerlich? Aus diesem Grund bin ich das geworden, was ich bin. Sonst wäre ich wahrscheinlich klassischer Pianist geworden, wenn ich mich dem untergeordnet hätte. Diesen vielen Regeln, die da an der Tagesordnung sind.“

Regeln. Vorgaben. Anweisungen. Normen. Die mag Helge Schneider gar nicht. Er lässt sich nicht gerne in eine Schublade stecken.

Warum auch? Anders als viele deutsche Comedians, Kabarettisten und Komiker steht er weder für eine bestimmte Tradition noch für eine besondere Richtung. Er liefert eine Mixtur aus Klamauk und Parodien gemischt mit Jazzmusik.

Er habe einen gewissen Freiheitsdrang, sagt er. Diesem Drang folgend, habe er immer entschieden, was er mache oder nicht. „Oft hatte ich keine Lust mehr zu etwas, dann habe ich es gelassen.“ Das Streben nach Freiheit ziehe sich durch sein Leben. Und das gestehe er allen anderen Menschen zu. „Wir Menschen haben die freie Wahl zu entscheiden, was wir wollen und was nicht. Wen wir ernst nehmen oder nicht.“ Ob man Präsident werden wolle oder nicht. Ob man Ringo Starr als Background-Sänger haben wolle oder John Lennon als Beleuchter während einer Tour. Er blödelt schon wieder. Alle lachen.

Mit dem Humor ist das allerdings so eine Sache für ihn: „Ich werde ja manchmal zu Fernsehshows eingeladen, zu Comedy-Shows. Da geh ich gar nicht hin. Ich möchte gar nicht lustig sein. Ich möchte nicht sagen: So, das ist jetzt der Witz. Ich suche immer das Gegenteil, ich suche immer die Ernsthaftigkeit.“ Und wenn er mal in die flache Witzschublade greife, werde der Witz selbst direkt entzaubert: „Nein, ich spiele lieber ein bisschen Klafünf. Hahahahaha. Fünf. Klavier. Hehehehe. Muss man erstmal draufkommen. Das sind so Gags, die man sich ausdenkt am Schreibtisch.“

Aber hat er denn nie Angst, mal nicht witzig zu sein?

Er lehnt sich zurück, denkt nach und antwortet: „Nein. Ich bin jetzt in einem Alter, wo man für 20 Euro einen Skipass und Seniorenpass bekommt, da interessiert einen das nicht mehr.“

Er sei inzwischen lockerer geworden, der Erfolgsdruck plage ihn nicht mehr so sehr. Trotzdem wolle er Humor nicht missen: „Ohne wäre das Leben echt beschissen.“

Es geht jetzt in ein Café, dort kann man ihn einzeln treffen, er trinkt Wasser, meidet die Schnittchen. „Da ist Pute drauf, das esse ich gar nicht gerne“, sagt er. Helge Schneider hatte ein Schnittchen mit Kochschinken bestellt. Das ist aber nicht gekommen. Er wechselt von der Pute zum Humor, ergänzt seine Antwort: „Wenn man keinen Humor hat, kann man gleich Beerdigungsunternehmer werden.“

Helge Schneider wurde 1955 in Mülheim an der Ruhr geboren. Und dort lebt er immer noch. Er mag den Pott mit seinen Ecken und Kanten. Als Kind wollte er Clown werden. Ein ernsthafter Beruf, der allerdings oft nicht ernst genommen wird. War es damals absehbar, dass er irgendwann auf einer Bühne stehen würde?

„Die Tendenz war da, ich musste natürlich an meinem Selbstbewusstsein arbeiten, und dafür ziemlich viel ackern“, sagt er. Den Weg sei er allerdings gradlinig gegangen. Ohne ständig alles zu hinterfragen. „Das Leben ist zu kurz, um es ständig zu analysieren. Ich verschwende meine Zeit nicht gerne an Dinge, die sowieso nicht zu ändern sind. Und über Krankheiten denke ich auch nicht gerne nach.“

Helge Schneider wird an jenem Vormittag ziemlich oft nach seinem Alter und seinem Umgang damit gefragt. Wie er sich fit halte? Er rudere, antwortet er brav. Auf dem Wasser oder im Leben? „Auf dem Wasser. Ich rudere, gehe spazieren und fahre nicht überall mit dem Auto hin. Ich esse nicht so viel.“

Fit zu sein bedeute für ihn, auch im Kopf fit zu sein.

Wenn er zu Hause ist, an der Ruhr, wenn er durch Orte wie Mülheim, Essen oder Bochum zieht, hauen ihn die Menschen an. Er ist einer von ihnen. Und außerdem einer, der es nach oben geschafft hat. Anders als andere dort in der Region, die arbeitslos sind und vielleicht resigniert. Aber Ruhrpottler sind sie – und stolz. Auch auf Helge Schneider. „Die Menschen sind sehr kumpelhaft, realistisch und nicht aufdringlich. Ich mag das“, sagt er. „Ich wohne gerne dort, beobachte allerdings mit Sorge, dass die kleinen Städte immer mehr vor die Hunde gehen. Manche Innenstädte sind wie Totenstädte. Ein paar emsige Unternehmer versuchen noch zu überleben, aber viele geben auf.“

Umziehen käme für ihn trotzdem nicht in Frage. „Wo soll ich denn meine ganzen Instrumente unterstellen, ich habe so viele Gitarren und Klaviere.“

Wenn ihm in Deutschland die Decke auf den Kopf falle, reise er nach Spanien. Dort fahre er Motorrad, „ganz langsam, um mir die Gegend anzuschauen“. Er sei kein Raser. In Deutschland mache Biken keinen Spaß, sagt er. Die vielen Ampeln und Autos. Zu Hause habe er alte Motorräder zum Basteln, mit Beiwagen. Einen Motorroller, den er mal in Berlin besaß und mit dem er herumfuhr, wenn er in der Stadt war, hat er verkauft. Es sei ihm zu rummelig geworden auf den Straßen, sagt er.

Das Netz als Droge

Und was ihn auch noch störe: Selfies. „Inzwischen wollen fast alle, dass man mit ihnen ein Foto macht. Diese Selfies gehen einem schon ziemlich auf den Wecker. Manche Menschen sitzen vorne in der ersten Reihe und filmen den Auftritt. Ich sage dann immer: Macht das mal aus. Das lenkt mich ab, und es ist abstrus. Das sind die neuen Zeiten.“

Dass Menschen oft unreflektierte Nachrichten rausballerten, sich nur noch in den sozialen Medien tummelten und nicht mehr am wirklichen Leben teilnähmen – „das macht krank und ist eine Zumutung für die Menschheit“. Vor allem bei Jugendlichen verfolge er die Entwicklung mit Sorge – auch bei seinem Sohn, der 15 ist. „Verbieten kann man es ihm nicht, aber ich habe Angst, dass diese Generation zu gläsernen Menschen wird. Es fehlt letztlich die Zeit, Kind oder Jugendlicher zu sein, weil von außen alles an einem rumzerrt. Eigentlich ist das Netz eine Droge.“

Nach so viel Ernst dann noch ein Scherz. „Ich habe gerade Trump getwittert, dass ich nicht twittere“ , sagt Helge Schneider. Eine Antwort habe er natürlich nicht bekommen.

Die Idee sei einfach, hat Helge Schneider vorhin gesagt: einen guten Auftritt hinzulegen. Das tut er. Auch auf Butterfahrten. Mehr kann man nicht verlangen.