Helge Schneider bei seinem Berlin-Konzert am 7. September 2020.
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BerlinHelge Schneider, das Phänomen, das Multitalent, der Eigenbrötler, Poetryslammer, der Tausendsassa, Künstler, Musiker, Schauspieler, Sänger. Was gibt es nicht noch alles, was in dieser Liste fehlt? Es hat etwas Bewegendes, in der Waldbühne zu sitzen, inmitten von 3000 sozial distanzierten Menschen, und mit Helge Schneider ein Stückchen Normalität zurückzugewinnen. Irgendwie gehört Helge Schneider zu dieser verschollenen Normalität ja dazu. Und zugleich funktioniert seine Kunstfigur nur, wenn um ihn herum sich diese schale Normalität aufbäumt, im Gewand des grauen Alltags, wogegen Schneiders schräge Witze wie eine Art Kontrastprogramm opponieren. Die wortgewandten Loops und U-Turns in den Pointen von Helge Schneider sind als absurde Abgrenzung zum tristen Normalbetrieb zu verstehen. 

In der Waldbühne Berlin waren zum Helge-Schneider-Konzert 3000 Menschen da.
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So soll es sein, und so ist es heute auch. Helge Schneider zurück auf der Bühne. Viel hat sich nicht verändert: Er rauscht mit einem Klappfahrrad heran, sitzt in Perücke und zu groß geschnittenem Karosakko an der Orgel, albert herum, jazzt mit so viel Verve, dass sich die Scheinwerfersäulen in der Waldbühne biegen, verarscht den Lichtjungen (der auf Tour nur wegen des guten Caterings mitgekommen sei) und erzählt seine autobiografischen Fiktionsgeschichten, die immer ein wenig mit der Wirklichkeit zu tun haben und dann doch total entrückt und verfremdet der Realität ein Schnippchen schlagen. Jedes Konzert mit Helge Schneider ist irgendwie ähnlich und dann doch ganz anders. Denn der Künstler will sich und die anderen nicht langweilen. Das gelingt ihm auch an diesem Abend.

Schnell getaktete Songs

Überraschend introvertiert läuft das Konzert erst ab. Schneider probiert neue Songs aus, zeigt die Virtuosität seines Könnens auf Dutzend Instrumenten (Mundharmonika, Orgel, Klavier, Gitarre, Trompete, Daumenklavier), lässt seinem irre talentierten zehnjährigen Sohn Charly, der auf Tour mitgekommen ist und das Schlagzeug spielt, viel Raum für Soli und philosophiert über das Leben und seine komisch-rätselhaften Facetten. Erst zur Mitte hin wird es grooviger, verspielter, fetziger. Helge Schneider spricht mit dem Publikum und lässt sogar Wünsche zu: „Meinetwegen spiele ich auch Katzeklo für Euch.“ So weit kommt es dann doch nicht. Aber als dann plötzlich mehrere Dutzend Menschen „Meisenmann!“ schreien, erbarmt sich Helge Schneider, setzt sich ans Klavier und haut den Klassiker in die Tasten.

In dem Stück kommt die ganze Phänomenologie Helge Schneiders zum Ausdruck, in dem Song über einen kleinen Vogel, der über der Stadt (jetzt Berlin) kreist und mit Schwermut auf das Rauschen und die Überforderung des Lebens starrt. Die ursprünglich melancholische Ode gerät heute Abend zur Jazz-Fanfare. Schneider penetriert das Klavier, improvisiert derart leichte und zugleich unfassbar virtuos ineinander sich fügende Klavierläufe herbei, dass das Herz plötzlich schneller zu pochen beginnt. Komödiantische Brüche dürfen trotzdem nicht fehlen: Der Meisenmann trägt MNS, Mund-Nasen-Schutz. Die letzten Stücke gehen in eine ähnlich schnell getaktete Richtung und Publikum und Künstler sind mit der Welt wieder vereint. Helge Schneider wirkt beim Abschied des Konzert gerührt. Aber ganz weich werden will er trotzdem nicht. „Danke, liebes Publikum! Jede Mark zählt.“ Und jedes Helge-Schneider-Konzert auch.

Die nächsten Helge-Schneider-Konzerte: 9.9. Hamburg, 10.9. Dresden, 12.9. Bonn. Weitere Infos zur „Back to Live“-Konzertreihe sowie Tickets unter: www.semmel.de