Atombombenexplosion (Computeranimation)
Foto: Imago Images/Blickwinkel

BerlinWir haben es fast vergessen: das Atomzeitalter. Dabei gibt es heute mehr Atommächte als je zuvor, jede von ihnen rüstet auf. Der amerikanische Physiker deutsch-jüdischer Abstammung Robert Oppenheimer (1904–1967) war der wissenschaftliche Leiter des sogenannten Manhattan-Projekts. Dessen Ziel war der Bau von Atombomben, deren Einsatz den USA den Sieg über Deutschland und Japan bringen sollte. 

Die erste Atombombe wurde – in God’s own country, den USA – „Dreifaltigkeit“ genannt. Sie wurde am 16. Juli um 5:29:45 Uhr gezündet. Damals habe er, so erklärte Oppenheimer in den 60er-Jahren, an diese Verse aus dem indischen Bhagavadgita gedacht: „Wenn das Licht von tausend Sonnen/ am Himmel plötzlich bräch’ hervor/ das wäre gleich dem Glanze dieses Herrlichen, und ich bin der Tod geworden, Erschütterer der Welten.“

Diese Verse gibt es so nicht im Bhagavadgita. Es gibt auch Augenzeugen, die bei Oppenheimers erster Reaktion auf die erste Atombombe mehr das Gefühl von Triumph als den Schrecken über das mögliche Weltende beobachtet haben wollen. Das „Heller als tausend Sonnen“ aber wurde zum Signum des Atomzeitalters. Nicht zuletzt durch das gleichnamige Buch von Robert Jungk (1913–1994). Es erschien 1956 das erste Mal. Es erschütterte mehr als eine Generation.

Vorwort von Robert Habeck

Jetzt hat der Rowohlt-Verlag das Buch wieder herausgebracht. Der Schriftsteller und Grünen-Vorsitzende Robert Habeck hat ein kurzes Vorwort dazu geschrieben, in dem es heißt: „Robert Jungk zeichnet das wissenschaftlich-politische Porträt einer Forschergeneration, die die Zeit nicht ohne moralische Schuld hat leben lassen, von der Weigerung, bei der Forschung mitzumachen, um die Kettenreaktion der Uranspaltung nicht militärisch zu nutzen, bis zum bewussten Forschen für den Kriegseinsatz der Technik, um den Zweiten Weltkrieg zu beenden. Unschuldig ist man aus der Sache nicht herausgekommen.“

Robert Jungk erzählt die Geschichte der Atombombe als die Geschichte von eng zusammen arbeitenden Wissenschaftlern, die aufeinander angewiesen waren. Ohne Lise Meitner hätte Otto Hahn wahrscheinlich deutlich länger gebraucht, um zu begreifen, dass er am 17. Dezember 1938 den Kern eines Uranatoms gespalten hatte. Das Unteilbare war teilbar geworden. Der Begriff „Kernspaltung“ („nuclear fission“) war das Werk von Meitners Neffen Otto Frisch. Beider im Februar 1939 in der Zeitschrift Nature veröffentlichte Interpretation machte Otto Hahn erst klar, was er getan hatte.

Die in Österreich geborene Jüdin Lise Meitner wurde 1938 mit der Annexion Österreichs Deutsche. Sie emigrierte über die Niederlande und Dänemark nach Schweden. Schon die Kernspaltung, nicht erst die Atombombe war ein Werk des Exils. „Heller als tausend Sonnen“ erzählt von Zusammenarbeit und vom Krieg gegeneinander. Es war die Angst vor einer deutschen Atombombe, die den eingeschworenen Pazifisten Albert Einstein dazu brachte, beim amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt (1882–1945) zu intervenieren, um den Bau von Atombomben zu ermöglichen. Als die USA so weit waren, war Nazideutschland bereits besiegt und Japan stand kurz vor der Kapitulation. Präsident Truman ließ Hiroshima und Nagasaki dennoch bombardieren. Das Atomzeitalter hatte begonnen.

Das Wettrüsten zwischen den USA und der Sowjetunion wurde zu einer Konstante des Kalten Krieges. Bald gab es genügend Atombomben, um der menschlichen Zivilisation den Garaus zu machen. Robert Jungks Buch schildert die Entwicklung der Atombombe und auch deren Nichtentwicklung in Deutschland immer an den Menschen, die die Forschungen und Experimente betrieben.

Liebe zum Detail

Wir sind dabei, wenn die Bombenbauer feststellen müssen, dass das verfügbare Uranoxyd bereits von einer anderen Heeresstelle gekauft worden war, die es verwenden wollte, um panzerbrechende Geschosse herzustellen. Wir sind auch dabei, wenn die Experten in den USA beschließen, dass man möglichst Ziele treffen müsse, die noch unversehrt sind. Weil man so die Wirkung der neuen Waffe besser beurteilen könne. Die alte japanische Tempelstadt Kyoto war auch schon auf der Abschussliste gelandet. Dem Japanologen Edwin O. Reischauer gelang es, sie wieder zu streichen.

Jungk liebt die Details. Er weiß, dass erst sie ein Bild konkret werden lassen und er weiß, wie sehr Leser ergriffen werden von ihnen. Leben mit der Bombe Nirgends erfährt man genauer die Anfänge des Atomzeitalters, nirgends wird man besser aufgeklärt über die von ihm aufgeworfenen politischen und moralischen Fragen. Auf jeder Seite spürt der Leser, dass es Jungk ums Ganze ging. Die Welt lebte mit der Bombe – das veränderte die menschliche Existenz. Bei der Friedenspolitik ging es nicht nur um Völkerverständigung, sondern um die Erhaltung des Planeten.

Hilflose Überlegungen

Wie wir heute angesichts der Bedrohung durch das Coronavirus davon sprechen, dass wir die globale Verflechtung auflösen müssen, dass wir große menschliche, industrielle und agrarische Zusammenballungen vermeiden müssen, um die Durchschlagskraft des Virus zu zügeln, so endete schon 1956 Jungks „Heller als tausend Sonnen“ mit sehr ähnlichen Überlegungen darüber, wie die Wirkung der Atombombe durch Dezentralisierung gemäßigt werden könnte. Das war hilflos, und unsere Überlegungen heute sind es wohl nicht weniger. Auch das lernen wir bei Robert Jungk.

Robert Jungk: Heller als tausend Sonnen. Das Schicksal der Atomforscher.

Rowohlt,  Hamburg 2020. 416 S., 22 Euro