Berlin - Es ist eine Sensation: Am Dienstag wurde die zwölfjährige Berliner Nachwuchsschauspielerin Helena Zengel für einen Golden Globe nominiert – in einer Kategorie mit Glenn Close, Olivia Colman und Jodie Foster. „Helena who?“ Das wird man nicht mehr lange fragen: Sie war das Kreischkind in „Systemsprenger“ und erhielt für diese Rolle auf Anhieb die Lola als beste (und jüngste!) Hauptdarstellerin. So wurde auch Hollywood auf die Berlinerin aufmerksam – an der Seite von Oscarpreisträger Tom Hanks drehte sie den Western-Roadmovie „Neues aus der Welt“. Wenn der Film ab dem 10. Februar via Netflix in unsere Heimkinos kommt, werden wir über Helena genau so verblüfft sein wie Herr Hanks. Per Videocall begegneten wir der jungen Schauspielerin mit dem Superstar-Potenzial.

Berliner Zeitung: Helena, du gibst mit gerade mal zwölf Jahren dein Hollywood-Debüt – und das an der Seite von Superstar Tom Hanks. Wusstest du vorher, wer er ist? 

Helena Zengel: Seinen Namen kannte ich und ich wusste auch, dass er ein Schauspieler ist. Aber mir war nicht klar, wie superberühmt er ist, weil er ja eher Filme für Erwachsene macht.

Welcher seiner Filme hat dich besonders beeindruckt?

„Forrest Gump“. Ich hab’ alle Filme gemocht, die ich von Tom gesehen habe, aber „Forrest Gump“ habe ich so oft geschaut, dass er einer meiner Lieblingsfilme geworden ist. Der Film ist so gut, weil der Typ so schräg ist. So ... anders. So sonderbar, aber auch süß.

Wie verlief dann deine erste Live-Begegnung mit ihm?

Am Anfang war ich noch ein bisschen nervös, weil alles so neu war. Und ich glaube, er auch ... Zuerst habe ich auch noch nicht alles in Englisch verstanden. Später hat sich das gelegt, da war ich entspannter. Und wenn ich mal etwas nicht verstand, hat Tom es erklärt. Ab der Mitte der Dreharbeiten wurden wir richtig enge Freunde und sind heute noch in Kontakt.

Was schätzt du an ihm?

Tom ist total lustig, er hat immer einen Witz auf Tasche. Er ist sehr selbstbewusst, supernett und ein krasser Gentleman. Er ist zu jedem Quatsch bereit ... Oh, und sportlich ist er auch! Wir sind viel rumgerannt und manchmal hat er mich Huckepack genommen.

Du spielst ein deutschstämmiges Mädchen, das bei einem Indianerstamm aufwuchs und erst nach und nach der Hanks-Figur vertraut. Also wie im echten Leben bei euch?

Nun, wir haben uns erst so zwei, drei Tage vor Drehstart kennengelernt. Das sollte so sein, weil wir uns zu Anfang der Filmstory auch nicht kennen. Das Fremdeln ist dann einfacher zu spielen.

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Helena Zengel bei der Berlinale 2019.

Hanks war einer der ersten Hollywood-Celebritys, die sich mit Corona infiziert hatten. Hattet Ihr zu der Zeit auch Kontakt?

Ja, seit Ende des Drehs schreiben wir uns E-Mails oder schicken uns Fotos über SMS. WhatsApp haben die Amerikaner ja meistens nicht. Wir schicken uns auch Videos, in denen wir uns von unseren Tagen erzählen. Auch als er Corona hatte, haben wir viel gechattet. Da wusste ich noch nicht so genau, wie das alles ist, mit den Nebenwirkungen und so. Tom hat mir alles erklärt.

Wie geht es dir mit der ganzen Corona-Situation?

Das ist schon alles sehr düster, weil man nicht weiß, wie es weitergeht und wie das alles weggehen soll. Es ist auch schade, dass wir mit diesem Film nicht auf Promo-Tour durch die ganze Welt gehen konnten. Das macht mich immer noch traurig. Ich hoffe einfach, dass Corona uns in Ruhe lassen wird, wenn wir uns jetzt alle an die Regeln halten.

Der Film läuft ab 10. Februar bei Netflix an.

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Was hast du von Tom Hanks gelernt – und was hast du ihm vielleicht beigebracht?

Ich habe von ihm viel über das Schauspielen gelernt, er hat mir ein paar Tricks gezeigt, zum Beispiel wie man auf Kommando weinen kann. Er hat ja schon so viel Erfahrung. Und ich habe mein Englisch verbessert. Er hat mir auch beigebracht, wie man mit dem Planwagen fährt. Dafür hab’ ich ihm ein bisschen das Reiten beigebracht. Und etwas Deutsch. Er lief dann rum und fragte jeden: „Wo finde isch etwas zu essen? Isch suche Kaffee und Pflaumenkompott.“ (lacht)

Verrätst du uns, wie man „à la Hanks“ weint?

Wenn die Tränen nicht von alleine kommen wollen, dann ziehe ich den Gaumen runter, dadurch muss ich gähnen, aber das unterdrücke ich dann – und dann kommen die Tränen. Das baut sich richtig auf. Das ist ein technischer Trick.

Wer half dir dabei, die Sprache der Kiowa-Indianer so beeindruckend zu sprechen?

Das Kiowa habe ich von Menschen gelernt: Vom ältesten Mitglied der Kiowa, Dorothy – sie wird bald 90 Jahre alt – und von Mrs. Watkins, die lange mit den Kiowa zusammengearbeitet hat. Sie brachte mir nicht nur die Sprache bei, sondern auch ihre Songs. In den drei Wochen vor Drehstart habe ich jeden Tag anderthalb Stunden gelernt.

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Zur Person

Schon im Alter von fünf Jahren entdeckte Helena Zengel, geboren am 10. Juni 2008 in Berlin, die Schauspielerei für sich. Nach kleinen Rollen vor allem in TV-Filmen und Serien wurde sie 2019 einer großen Öffentlichkeit bekannt, als auf der Berlinale der Film „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt Premiere feierte.

Zengel spielt darin die verhaltensauffällige neunjährige Benni und wurde für ihre Leistung mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet. Ab dem 10. Februar ist die Zwölfjährige nun an der Seite von Tom Hanks in dem Western „Neues aus der Welt“ zu sehen. Ihre erste englischsprachige Rolle, für die sie gerade für den Globe als Beste Nebendarstellerin nominiert wurde, Seite an Seite mit Hollywood-Stars wie Jodie Foster und Glenn Close. Zur Schauspielerei kam Zengel über eine Freundin ihrer Mutter Anne Zengel (Foto).

Wie bist du überhaupt zur Schauspielerei gekommen?

Das alles hat angefangen, als ich ungefähr vier Jahre alt war. Ich konnte immer schon gut meine Gefühle zeigen und stand immer gerne im Mittelpunkt. Mein Selbstbewusstsein habe ich von meiner Mama. Sie ist so eine starke Frau. Von ihr habe ich gelernt, nicht schüchtern zu sein, sondern mich zu trauen, mich zu zeigen. Auf jeden Fall hat Mama eine Freundin, die eine Schauspielagentur leitet. So bin ich zur Schauspielerei gekommen. Am Anfang spielte ich nur kleine Rollen, nur ein paar Tage lang, dann wurde das immer mehr. Ich habe aber nie wirklich gelernt, Schauspielerin zu sein. Das kommt einfach nur aus meiner Leidenschaft fürs Spielen.

Jetzt bist du sogar für den Golden Globe nominiert. Wie war das, als du davon erfahren hast?

Das war der schönste Tag meines Lebens. Ich war gerade beim Möhren kaufen für mein Pferd, meine Mama hat im Auto auf mich gewartet und als ich zurück kam, war die PR-Agentur am Telefon und Mama meinte: „Du hast es geschafft, du bist für den Golden Globe nominiert.“ Im ersten Moment konnte ich gar nichts sagen, weil ich so gar nicht damit gerechnet hatte. Ich bin immer noch total überwältigt.

Was sagen deine Freunde dazu, dass du Schauspielerin bist?

Die sind sehr neugierig und haben viele Fragen. Die beantworte ich auch gerne. Mir ist es aber auch wichtig, dass das gerade in der Schule keine große Rolle spielt, ob ich Schauspielerin bin oder nicht. Mit meinen Freunden will ich einfach nur Spaß haben.

Was machst du noch neben der Schauspielerei und der Schule?

Am liebsten bin ich mit Freunden im Stall oder nehme Reitunterricht. Generell bin ich gerne an der frischen Luft. Außerdem spiele ich Klavier, so auf dem Niveau von „Für Elise“, manchmal spiele ich dann auch was vor. Meine Mama hat bald Geburtstag, für sie werde ich ein kleines Konzert spielen. Ansonsten mache ich gerne viel Sport, aber immer mal was anderes. Ich habe Leichtathletik gemacht, sechs Jahre lang Eiskunstlauf, und ich tanze viel. Meine neueste Entdeckung ist das Skateboard-Fahren. Sport und Bewegung machen mir unglaublich viel Spaß. Und Nähen, das ist auch noch eines meiner Hobbys.

Hat dein Tag etwa 72 Stunden?

Nee, nee, auch nur 24. Aber ich unternehme gerne viel. Von Tom bekam ich zwei Bücher geschenkt, die er selbst geschrieben hat. Die will ich demnächst lesen. Das eine heißt „Schräge Typen“ und das andere handelt von ihm und seiner Karriere. Da freue ich mich jetzt schon drauf.

Wie fühltest du dich, als du mit „Systemsprenger“ auf der Berlinale so großen Erfolg hattest und später auch noch als jüngste Schauspielerin überhaupt mit der Lola geehrt wurdest?

Als ich den Filmpreis gewann oder auch in diesem Berlinale-Wahn war, fühlte ich mich wie in einer riesigen Luftblase voll Euphorie: Man ist die ganze Zeit glücklich, lernt viele neue Menschen kennen und schläft ganz wenig, weil man total aufgeregt ist. Das ist ein irres Gefühl, das auch ein bisschen süchtig macht ... wie dieser Beruf überhaupt! Nervös bin ich nur, wenn ich eine Dankesrede halten muss. Ich will ja niemanden vergessen. Bei der Lola war mir besonders wichtig, mich bei meiner Mama zu bedanken: Sie ist bei allem dabei und hat mich immer unterstützt.