Selten bekommt der Poller so viel Aufmerksamkeit wie in diesen Tagen. Die Weihnachtsmärkte haben geöffnet, und seit dem 19. Dezember 2016 geht das nicht mehr ohne Hochsicherheitskonzept. Mit Sand gefüllte Gitterkäfige, Betonsperren, mobile Stahlpoller stehen aufgereiht am Rande des Breitscheidplatzes. Sie sollen die Menschen vor dem Terror schützen, sollen Sicherheit suggerieren, die es doch nie geben kann – und sind so immer auch Mahnmale, selbst wenn sie mit Tannengrün verziert werden.

Antiterrorpoller sind so etwas wie der vorläufige Höhepunkt der „Verpollerung unser Städte“, die in den 80er-Jahren begann, so schreibt es der Berliner Autor und Pollerforscher Helmut Höge. Seit er die ersten Poller vor seinem Fenster in Kreuzberg 36 entdeckte, die damals aufgestellt wurden, um Autos vom Parken auf den Gehwegen abzuhalten, dokumentiert er diesen manchmal nützlichen, oft aber völlig sinnfreien und absurden Teil der „Straßenmöblierung“.

Höges „Pollerforschung“ ist jetzt als üppig bebildertes Buch erschienen, das wir hier in Auszügen abdrucken. In seinen Texten widmet Höge sich nicht nur dem Klassiker aller Poller, der von der Frankfurter Firma Wellmann in Ungarn hergestellt und von den Städten selbst aufgestellt wird, sondern auch einem sehr deutschen Phänomen, das er „Hausmeisterkunst“ nennt. Es sind kreative bis skurrile Versuche, das Chaos der Stadt zu ordnen, was, das zeigen Höges Bilder, nie so ganz gelingen will – und das macht das Nachdenken über Poller in diesen Zeiten doch wieder ganz beruhigend. 

Der Poller und die Autos

Diesen umlegbaren Poller ließ der Hausmeister eines Berliner Blumengroßmarkts installieren. Weil die Autos links und rechts davon trotzdem noch auf den Mitarbeiter-Parkplatz kamen, schraubte er ein rotweißes Querblech oben an den Poller ran. Dieses hatte jedoch den Nachteil, dass beim Umlegen des Pollers, um zu den reservierten Parkplätzen zu gelangen, die Mitarbeiter nun über das Querblech fahren mussten, das schon nach kurzer Zeit völlig verbogen war. 

Rot-Weiß in Schöneberg

Den gelben Poller dübelte der erste Hausmeister eines zum Hightech-Standort umgewandelten Schöneberger Gewerbehofs ein, sein Nachfolger gab dann zum Schutz des Pollers diesen dreibeinigen Poller, den er dann auch noch rot-weiß anstreichen ließ, in Auftrag. Ein klarer Fall von kreativem Facility Management. 

Privatpylon am Bahnhof Zoo

Diesen gewissermassen staatlichen Poller schützte der Parkplatzwart am Bahnhof Zoo noch einmal sehr umsichtig mit einem Privatpylonen. Dieses Stillleben symbolisiert für mich die Spießervorstellung „So müssen Staatsgewalt und Bürger zusammenarbeiten“.

Das Charlottenburger Hindernis

Hier hat der Hausmeister eines Charlottenburger Wohnhauses vor dem Eingang zu einem Blumengeschäft einen Poller in die Gehwegplatten gedübelt, in den die Geschäftsinhaberin einen Stab mit einem Schild stecken kann, auf dem sie ihre besonders preisgünstigen Blumen annonciert. Da sie dies jedoch so gut wie nie tut, ist der weniger als knietiefe Poller eigentlich nur ein übles Hindernis für Fußgänger. Aber das gilt für die meisten Poller.

Skulptur am Kottbusser Tor

Diese wunderbaren Poller baute einer der türkischen Hausmeister des Neuen Kreuzberger Zentrums am Kottbusser Tor in Kreuzberg. Er brauchte dazu nur etwas Beton – der Rest: die Drainagerohre und die Blumenkübel standen beziehungsweise lagen dort als Abfall herum.

Symbiose in Wedding

Eine saubere Symbiose zwischen öffentlichem und privatem Poller hat sich hier der Hausmeister eines Weddinger Gewerbehofs einfallen lassen.  

Wellmannpoller als Hometrainer

Manchmal habe ich meine Wellmannpoller als Hometrainer vermietet – aber auf Dauer rentierte es sich nicht. 

Leerstelle in der Kurfürstenstraße

An diesem im Bild nicht mehr sichtbaren Baum in der Kurfürstenstraße stand immer eine dicke Prostituierte. Um den Baum zu schützen, buddelte der Hausmeister eines Möbelhauses drei mit Beton gefüllte Rohre ein. Außerdem kriegte er das Tiefbauamt dazu, dort ein Warnschild hinzustellen – von dem nur der Fuß übrig ist. In einem zu heißen Sommer ging der Baum ein. Nun stehen nur noch seine Verkehrsabweiser. Und die Prostituierte geht wieder mehr auf und ab.

Helmut Höge: Pollerforschung. Hrsg. v. Philipp Goll, adocs (www.adocs.de), Berlin 2018, 439 S., 28 Euro.

(alm.)