Lesen können sie. Das wissen wir spätestens seit der Pisa-Studie, bei der die Finnen am besten abgeschnitten hatten. Im kommenden Jahr nun wird Finnland Ehrengast der Frankfurter Buchmesse sein. Die Aufregung und Freude darüber ist groß im Land der praktischen Mögel und des vorbildlich egalitären Erziehungssystems. Es gibt keine Privatschulen, Bildung kostet nichts und Lehrer genießen ein hohes Sozialprestige. Und weil Lesekultur als Sockel für eine nachhaltige Demokratie gilt, wird sie gefördert, was der Staatshaushalt hergibt.

Der 100. Jahrestag der finnischen Unabhängigkeit, die der russische Zar 1917 gewährt hatte, die alle Kollaborationswechsel im WK II überstand, soll denn auch mit einer neuen Zentralbibliothek gefeiert werden. Konzipiert für mindestens 6000 Besucher täglich, ist das Prestigeprojekt „Käännös“ („Drehung“, „Übersetzung“) als sanft geschwungener, selbstredend energieeffizienter Riegel aus Glas und Holz mitten in der Stadt geplant. Er soll auf 10000 Quadratmetern die natürlich allen unentgeltlich offen stehende Bücherei bergen, dazu Kino, Multimedia-Unterhaltungszeug sowie Restaurationen und die obligatorische Sauna.

„Partizipiere, hab Spaß und vergnüge Dich“, heißt es im Flyer. Nur ob das mit dem Jubiläums-Termin noch hinhaut, ist fraglich. Bis dahin ist man sehr stolz auf den total schicken Bau der Unibibliothek mit ihrem über sieben Stockwerke hinaufgewundenen ovalen Treppenhaus-Lichthof, gemütlichen Leseecken mit irre bequemen Freischwingern und einem ultramodernen Ausleih- und Rücknahmesystem. Wie in einer geheimen Kommandozentrale sortieren voll computergesteuerte grüne Waschkorbwägelchen die von einem gescannten Schlitz auf ein Fließband hereinfluppenden Bücher aus zehn zusammengelegten Fachbereichsbibliotheken an ihre Stellplätze.

Organisiertheit, so der angereiste Chef der Frankfurter Buchmesse Jürgen Boos, ist neben einem Tyrannen als Projektleiter das Geheimnis eines gelingenden Gastlandauftritts. Wobei die damit gemeinte Iris Schwank eher mütterlich entschieden als tyrannisch wirkt.

Unter dem Motto „Finnland. Cool“ will das Land der starken Frauen und Leningrad Cowboys der Welt in Frankfurt zeigen, dass es auch eine entdeckungswürdige Literatur zu bieten hat. Um das schon mal langsam bekannt zu machen, hatten die finnische Botschaft und das Außenministerium am vergangenen Wochenende eine Handvoll Journalisten zu einer Propaganda-Reise geladen. Passenderweise fand zur selben Zeit auch die Buchmesse in Helsinki statt, zu der wiederum vom Goethe-Institut gut zwei Handvoll deutsche Schriftsteller eingeflogen worden waren. Mit David Wagner, Ursula Krechel, Felicitas Hoppe und Klaus-Michael Bogdal waren eine stattliche Anzahl an Preisträgern des deutschen Literaturbetriebs vertreten, aber auch Siegfried Lenz und Wladimir Kaminer ließen es sich nicht nehmen, in Helsinki aufzutreten. Wir Journalisten kriegten davon so gut wie nichts mit, bis auf die spätnächtliche Russendisco, die Kaminer mit Frau Olga trotz völligem Genervtsein davon, den ewigen Russenclown zu mimen, bestens gelaunt abhottete.

Wir hatten andere Termine. Das ausschließlich weibliche Organisationsteam von FiLi , das den Frankfurt-Auftritt vorbereitet, versorgte uns mit tollen Informationen von A bis Ö, einem Bilderbuch über die deutsche Faszination an Finnland und bunten Beuteln, wie die gesamte Corporate Identity des Gastlandauftritts von Studenten designt.

Wir erfuhren, dass Finnland für Amazon kein lohnender Markt ist, dass es keine Buchpreisbindung gibt, Hardcover aber um die 35 Euro kosten, dass E-Books kaum verbreitet sind (weniger als ein Prozent des Gesamtumsatzes), was sicher auch an den 24 Prozent Mehrwertsteuer statt 9 Prozent auf Papierbüchern liegt, dass man Kindern Gutenachtgeschichten vorliest und dass Väter zum Vatertag Bücher geschenkt bekommen.

Vor kurzem hat sich ein Gedichtbuch im Turku-Dialekt 60000 mal verkauft – bei einer Bevölkerung von 5,5 Millionen schon ein Hammer. Lustige Bücher gelten als Männerdomäne, aber inzwischen lässt sich ein Trend zum Geschichtsroman von jungen Frauen ausmachen. Und da sind wir bei der bekanntesten jungen Schriftstellerin Finnlands: Sofi Oksanen. Davon nächstens...