Spät in der Nacht, als es immer noch kein anderes Gesprächsthema gab als dieses eine, fragte sich Gruner+Jahr-Vorstandschef Bernd Buchholz, ob sein Haus dem Journalismus Gutes tue oder ihm womöglich schade, wenn Jahr für Jahr gestritten wird, ob die Jury des Henri-Nannen-Preises richtig entschieden hat.

Im vergangenen Jahr drehte sich die Debatte um die Frage, ob ein Reporter kenntlich machen muss, wenn er eine Szene rekonstruiert statt aus eigenem Erleben zu beschreiben. Da er das nicht getan hatte, bekam René Pfister den Henri nachträglich wieder aberkannt. Die Jury war damals kurz davor, sich zu zerfleischen, und der Spiegel schrieb, „der Henri-Nannen-Preis war der wichtigste deutsche Journalisten-Preis“. In diesem Jahr könnte sich die Debatte darum drehen, ob presseethisch zweifelhafte Medien wie die Bild-Zeitung beim Henri-Nannen-Preis einem Ausschlusskriterium unterliegen. Debatten dieser Art sind selten sachlich und provozieren Häme.

Als im Hamburger Schauspielhaus am Freitag schließlich vom Hanni-und-Nanni-Preis die Rede war, hatte die Bild-Zeitung den Henri für ihre Beiträge über den mittlerweile zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff bereits bekommen, die Süddeutsche die Annahme desselben verweigert und Peter-Matthias Gaede seinen Austritt aus der Jury längst erklärt. Schon das Verhalten seiner Mit-Juroren im Vorjahr hatte dem Geo-Chefredakteur nicht behagt. Jetzt zog er den Schlussstrich.

Für den Fall der Fälle, dass Bild den Preis erhält, waren alle Beteiligten vorbereitet, obgleich es nicht so wirkte. Auch bei Außenstehenden hatte sich die Nachricht herumgesprochen, dass es mit Bild und Süddeutsche in der Kategorie Investigation gleich zwei Preisträger geben soll. Daher fiel auf, wie Hans Leyendecker, einer der drei nominierten Rechercheure der Süddeutschen, sich von seinem Stuhl bereits erheben wollte, als sein Name nur erwähnt wurde. Noch war die Zeit für seinen Auftritt nicht gekommen. Stattdessen musste er zusehen, wie Bild-Reporter einen Henri erhielten. Als Leyendecker endlich an der Reihe war, zitierte er aus der Bibel nach Matthäus: „Eure Rede sei ja, ja, nein, nein“ und kritisierte damit die Unentschiedenheit der Jury. Er sprach von „Kulturbruch“, dass die Entscheidung, den Preis nicht anzunehmen, aber nicht gegen die Bild-Kollegen gerichtet sei. Verquast und umständlich gelang ihm nicht zu sagen: Einen Preis, den die Bild-Zeitung bekommt, wollen wir nicht.

Hatte die Bekanntgabe des Henri an Bild im Publikum Buh-Rufe und Pfiffe provoziert, folgte genervtes Stöhnen, als taz-Chefin Ines Pohl anschließend ihre Anti-Bild-Haltung demonstrierte. Verabredet war, dass Andreas Wolfers, Vor-Juror und Leiter der Henri-Nannen-Journalistenschule, im Gespräch mit Judith Rakers, die durch den Abend führte, sachlich erläutert, mit welcher Begründung die Vorjury Bild unter die besten sechs Kandidaten der Kategorie Investigation gewählt hatte, warum jedoch die Süddeutsche stets Favorit war. Ines Pohl sollte die Sachlage in der Hauptjury schildern. Doch Wolfers kam nicht zu Wort, während Pohl im blaffenden Ton ihre Abneigung für die „Witwenschüttler“ dieser „Zeitung mit den großen, roten Buchstaben“ kundtat.

Scheinheilige Diskussion

Die Reaktionen auf der anschließenden Feier fielen entsprechend aus. Hans-Ulrich Jörges, Mitglied der Stern-Chefredaktion, fand, am besten schaffe man sämtliche Journalistenpreise ab. „Panorama“-Moderatorin Anja Reschke, in der Jury erstmals dabei, wurde Haltungslosigkeit vorgehalten, weil sie in der Sitzung am Donnerstag für eine geheime Abstimmung plädiert hatte.

Scheinheilig sei die Diskussion, auf beiden Seiten, monierten manche der geladenen Journalisten und zogen Vergleiche aus der Fußballwelt heran. Spiegel und Stern hätten zur Bild-Exklusivnachricht zwar die Vorarbeit geleistet, hinterher zähle aber nur, dass Bild den Elfmeter umgewandelt habe. Und Geo-Chef Gaede, der in der Nacht zu Freitag seinen Mit-Juroren erst eine wutentbrannte und am nächsten Morgen eine etwas differenzierende Mail hinterhergeschickt hatte, versuchte sich jeglicher Diskussion zu entziehen, schließlich hatten sich alle Juroren zur Verschwiegenheit verpflichtet.

Welche für den Journalismus sinnvolle Debatte könnte der Henri nun also nach sich ziehen? Es muss die Frage sein, welches Kriterium bei einer investigativen Recherche mehr ins Gewicht fällt: die Rechercheleistung des Reporters oder die Wirkungsmacht der Veröffentlichung – wobei unklar ist, ob die Fallhöhe, die enorme öffentliche Debatte oder die Schlagkraft der Zeilen und damit die Lautstärke des Mediums gemeint ist.

Wenig hilfreich wäre allerdings, wenn alle reagierten wie Focus-Herausgeber und Haupt-Juror Helmut Markwort. Er schien es als anmaßend zu empfinden, wenn Normalsterbliche die Entscheidung einer derart hochkarätigen Jury anzweifeln. Auch wenn sie eben gerade keine Entscheidung getroffen hat.