Berlin - Über eine Erkenntnis werden sich Rassismus-Experten nach der eskalierten WDR-Sendung „Die letzte Instanz“ sicherlich freuen: Man kann an dem WDR-Beispiel wunderbar zeigen, warum es in Deutschland vermehrt Migrationsquoten braucht. Die Sendung bietet anschauliche Beispiele dafür, warum die Mehrheitsgesellschaft für rassistische und diskriminierende Themen noch nicht sensibilisiert ist. 

Um es etwas provokanter zu sagen: Man kann, wie Thomas Gottschalk oder Jürgen Milski in der WDR-Sendung, die Meinung vertreten, dass es einem zivilisatorischen Bruch gleichkommt, das Wort Zigeunerschnitzel wegen Rassismusverdachts aus dem deutschen Wortschatz zu verbannen. Man kann, wie Janine Kunze, den Farbigen unter uns (oder wie man People of Colour auch nennt) zuraunen, sie sollten „sich mal locker machen“ und sich bei Begriffen wie Mohrenküsse und Mohrenstraße nicht aufregen. Man kann auch die Polizeiarbeit in Deutschland verteidigen und rassistische Attacken von Polizisten als Ausnahme darstellen.

All das kann man machen. Einiges davon kann man sogar differenziert erörtern. Was man aber nicht mehr machen sollte ist – und das dürfen sich der WDR und alle anderen öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten auf die Fahnen schreiben –, diese brisanten und für viele Menschen traumatisierenden Themen auf eine exkludierende Weise zu debattieren, bei der die Angesprochenen nicht mit am Tisch sitzen und keine Gelegenheit haben, zu widersprechen. Denn eines ist sicher: Wäre jemand vom Sinti-und-Roma-Verband bei der Diskussion dabei gewesen, oder ein Opfer von Polizeigewalt, oder ein Schwarzer, dann wäre die rassistisch anmutende Diskussion möglicherweise ganz anders verlaufen. Manche Dummheit wäre dann wohl geradegerückt worden. 

Deutschland braucht eine Migrationsquote

Das Verstörende an der WDR-Sendung sind also nicht so sehr der Inhalt und die stammtischhafte Verteidigung eines rassistischen Sprachgebrauchs, sondern vielmehr der Umstand, dass in einer öffentlich-rechtlichen Institution niemandem aufgefallen ist, dass man das Thema Rassismus ohne einen Repräsentanten der Betroffenengruppen nicht diskutieren sollte. Ja, „Die letzte Instanz“ hat satirische Elemente. Trotzdem überwiegt der Talkshow-Anteil in der Sendung. Auch das ist bei der Bewertung des Kontexts zu beachten.

Nach jahrelangen Kontroversen, Feuilleton-Essays und Satire-Aufregern sitzen also, und das ist der Umkehrschluss,  an entscheidenden Stellen immer noch Redakteure, Fachleiter, abnickende Gremien, die, obwohl sie in den Medien arbeiten und verantwortungsvolle Positionen bekleiden, keine Ahnung davon haben, welchen Stellenwert die Themen Rassismus, Sexismus und Diskriminierung in der Gesellschaft einnehmen – und welche Brisanz diese Themen für viele Betroffene implizieren.

Die Konsequenz, die man aus dem WDR-Beispiel ziehen sollte, ist die Einführung einer freiwilligen Migrationsquote in so vielen Bereichen wie möglich. Erst wenn die Mehrheitsgesellschaft sich konfrontiert und mit Menschen mit Migrationshintergrund zusammensetzt und diskutiert, wird sie verstehen, welche Probleme und Verletzungen diese Gruppen im Alltag zu ertragen haben. Und das Wichtigste ist: Die Migrationsquote sollte nicht nur im Verwaltungsbereich, nicht nur bei den Müllbetrieben und bei der Polizei eingeführt werden, sondern in den obersten Instanzen: bei Rundfunkräten, in Chefetagen und Ausschüssen. Klar, über die Details sollte man diskutieren, die Ausgestaltung nuanciert zum Thema machen. Und dennoch scheint eine freiwillige Quote ein Mittel zu sein, um in den Austausch zu kommen.

Die Parlamente sollten den Anfang machen

Die Berliner Linke fordert etwa eine Migrationsquote von 35 Prozent in den Verwaltungen. Das ist großartig. Bei der Polizei wird diese Quote schon jetzt übertroffen. In den Gerichten und in den Verwaltungen – also jenen Stellen, wo Weisungsbefugte über gesellschaftliche Fragestellungen entscheiden – ist das nicht der Fall. In der Verwaltung werden keine genauen Daten erhoben, aber man geht von einem Migrationsanteil von etwa zehn Prozent aus.

Und so stellt der Migrant bis heute ein Feigenblatt dar. So wie Arte oder 3sat das Feigenblatt für Kulturprogramme der Öffentlich-Rechtlichen sind, so ist auch der Migrant oft nur ein Anstands- und Werbeschild in Gremien. Wer einen Beweis braucht, muss sich nur die Zusammenstellung des WDR-Rundfunkrats anschauen. Das Berliner Abgeordnetenhaus ist ebenso ein Beispiel. Die Parteien mögen eine Migrationsquote für die Verwaltung fordern. Interessant ist aber doch, dass Menschen mit Migrationshintergrund im Parlament eine unterrepräsentierte Rolle spielen. Dort also, wo die Entscheidungsträger sitzen. Zur Erinnerung: Jeder vierte Deutsche hat aktuell einen Migrationshintergrund. Auch die Redaktion der Berliner Zeitung spiegelt diesen Umstand nicht im ausreichenden Maße.

Und wie sieht es im Bundestag aus? Nur die Linke sticht positiv hervor: 18,7 Prozent der Abgeordneten haben einen Migrationshintergrund. Die AfD steht mit 8,7 Prozent sogar besser da als die CDU/CSU (2,9 Prozent). Diese Zahlen geben vielleicht einen Hinweis darauf, warum Sendungen wie „Die letzte Instanz“ überhaupt zustande kommen.