Es ist skandalös, aber die meisten von uns nehmen ein Sofa einfach so hin. Sie denken „Sofa“ und fläzen sich hinein. Wenn sie nicht schon fläzen, bevor sie das Sofa überhaupt in ihr Bewusstsein eingelassen haben: unterschwellig wahrgenommen, das Teil − und grußlos rein mit dem Hintern. Gut, der Dreisitzer, der da raumbeherrschend im Zentrum der ansonsten gähnend leeren Volksbühne steht, ist interessant beleuchtet und ungefähr doppelt so hoch, breit und tief wie sonst. Ob groß oder klein: Es ist nichts als ein Sofa. Langweilig. Aber nur für den langweilig, der zu wissen glaubt, was Sofa ist und was ein Sofa soll.

Wir sitzen allerdings in einer Premiere von Herbert Fritsch, der als Volksbühnenprotagonist Anfang des Jahrhunderts durch eine künstlerische Krise gegangen ist, sich erst als Internet-Künstler und dann im Schutze der Provinz als Regisseur ausprobiert hat. Spätestens mit seiner Volksbühneninszenierung „Murmel Murmel“ (2012) ist er zum großen, ach was, zum herrlichen, vergötterungswürdigen Zeremonien- und Zuchtmeister der Sinnlosigkeit aufgestiegen. Nun also „Ohne Titel Nr.1 − eine Oper von Herbert Fritsch“. Aber was heißt hier Oper? Es ist eine Messe. Eine Messe für ein Sofa. Bitte nicht falsch verstehen. Das Sofa steht nicht für eine Idee oder gar für Gott! Es gilt, allein der bedeutungslosen Dinghaftigkeit von diesem Etwas zu huldigen. Es gilt, dem Sein selbst zu danken.

Für die zwölf in Glitzerschale geworfenen Gestalten, die sich neben dem Sitzmöbel wie Zwerge aus einer anderen Welt ausnehmen, ist das Sofa ein großes, schönes, vielleicht aber auch gefährliches Orakel. Für diese neugierigen Stauner ist eigentlich alles ein rätselhaftes Wunder und zwar deshalb, weil nichts für sie einen Sinn hat. Mehr noch: weil sie überhaupt keine Idee von solchen Denkfiguren wie „Sinn“, „Bedeutung“ oder gar „Zweck“ haben.

Sie führen bei Herbert Fritsch in der Volksbühne ihr fleißig eingeübtes Dasein, sind beheimatet und aufgehoben in einem virtuosen, durchaus störungsanfälligen Funktionszusammenhang, wobei für sie überhaupt ganz außerhalb jeder Denkbarkeit liegt, wer sich diesen Zusammenhang für sie ausgedacht hat − geschweige denn: wozu oder für wen. Absurde Fragen, auf die ein echter Fritschianer nie kommen würde, weil er längst schon im Fluss der impulsgebenden Mitschnipsmusik von Ingo Günther treibt und hochkonzentriert auf seinen Einsatz wartet.

Was machen diese beneidens- und nachahmenswerten Wesen also mit dem Sofa? Sie schleichen sich an, gewinnen Zutraulichkeit, vergleichen die Elastizität der Polster mit der eigenen, rennen mit den glücklicherweise betonfesten Frisuraufbauten gegen die Armlehnen, sie probieren wirbelsäulenbrecherische Fläzpositionen aus, schnipsen kreischend über die Rückenlehne.

Manchmal sitzen sie auch darauf, zu zwölft nebeneinander. Oder sie treten zurück, betrachten das Objekt wie ein Kunstwerk. Wobei sie kunstwerkbetrachtermäßig das Kinn in die Hand nehmen und sogleich durch die Erkenntnis abgelenkt werden, wie interessant sich so ein Kinn anfühlt. Immer weiter werden sie von den Kinnfühlerlebnissen in Anpruch genommen, sie beginnen den Mund zu kneten, wobei mancher Finger vom Weg abkommt und sich hinters Zahnfleisch schiebt oder in ein Nasenloch, wo es einiges Erforschenswertes zu bergen gibt. Wenn sie bei diesen Entgleitungen einander auch noch in den Blick geraten, fühlen sie sich einerseits ertappt und tun ganz souverän so, als wäre es völlig normal, die Faust im Hals zu haben, andererseits sehen sie sich in dem verrenkten Gegenüber sogleich vor neuerliche begrübelnswerte Rätsel gestellt. Wie schön! Aber auch: wie anstrengend!

Manchmal allerdings erschrecken sie sehr. Voreinander. Oder wenn es im Gebälk knarrt und quietscht, als wäre die Welt, die sie wahrnehmen und zu verstehen suchen, nur ein Schiff oder eine Schachtel in einer viel größeren Welt, als gäbe es andere höhere Kategorien des Daseins. Erschreckt nicht, Freunde! Außerhalb des Theaters ist nichts, was es zu verstehen lohnt! Spielt weiter!

Und das tun sie: Es gibt sehr aufwändige und sehr auffällige Zaubertricks, mit denen sich der zaubernde Wolfram Koch selbst verblüfft. Es gibt ein Schnulz-Kreisch-Duett und eines, das von Pergolesis Stabat Mater aufsteigt in herzreizende Schiefigkeit. Sturz- und Furzakrobaten betreiben ihr erfahrungs- und variantenreiches Geschäft. Es wird sogar geredet in verschiedenen bekannt klingenden Sprachen und Dialekten, allerdings ohne auch nur ein verständliches oder transkribierbares Wort zu verwenden. Die Sopranistin Ruth Rosenfeld führt nicht nur ihre Stimme vor, sondern auch ihre irritierend lange und bewegliche Zunge, die sie so weit in alle Richtungen streckt, dass jene Muskeln mitbeansprucht werden, die eigentlich für die außer Rand und Band geratenden Augäpfel zuständig sind.

Ja, gut, nach dem ersten großen Staunen über diese wunderwohlgemuten Winzlinge rutscht die Dramaturgie etwas Richtung Nummernprogramm ab. Aber wie jede Nummer aufgebaut ist und mit welcher Genauigkeitslust sie abgespult wird, ist absolut beglückend − wegen der immer wieder überraschenden und befriedigenden Passgenauigkeit der Choreografien und wegen der Mühe, die sich die Spieler gemacht haben müssen, um diese Abläufe zu trainieren ohne die Laune zu verlieren. Für uns! Für sich! Für Fritsch! Oder für das Sofa. Egal! Danke!

Der Jubel war wie immer bei Fritsch mit einigen verzweifelt-ratlosen Gesichtern garniert, Der Maestro nahm ihn vergleichsweise bescheiden entgegen. Mit einem langen Brett vor dem Kopf.