Berlin - In einem hochpreisigen Fleischbratrestaurant an der Spree, in dem die Kellner tätowiert sind und Glatzen und Bärte tragen, hat der erfolgreichste deutsche Schlager und Pop-Star Herbert Grönemeyer am Dienstagabend sein neues Album „Dauernd Jetzt“ vorgestellt. Anfang der Achtzigerjahre wurde Herbert Grönemeyer mit dem Lied „Currywurst“ berühmt. „Gehse inne Stadt / wat macht dich da satt / ’ne Currywurst“, hieß es darin: „Bisse richtig down / brauchse wat zu kaun / ’ne Currywurst.“ Am Dienstagabend wurden hingegen karamelisierte Ziegenkäsebällchen auf weichen Spinatbettchen gereicht, es gab fünfmarkstückgroße Rinderfilethappen mit einem Klecks roter Soße darunter sowie Garnelen am Spieß mit einem meiner Ansicht nach etwas zu cremig geratenen Knoblauchdip.

Nachdem ein Moderator die Gäste auf Österreichisch begrüßt hatte, hielt der Chef der Schallplattenfirma Universal, Frank Briegmann, eine Willkommensansprache. Er freute sich darüber, dass der erfolgreichste deutsche Schlager- und Pop-Star mit diesem neuen Album zu seiner Firma gewechselt sei, was daran liegt, dass Grönemeyers voriger Arbeitgeber Insolvenz anmelden musste.

Nach der Willkommensansprache wurde den Gästen das neue Album in voller Länge vorgespielt. Wer den Eindruck vertiefen wollte, konnte es sich danach noch einmal auf individualisierten Abspielstationen in einem Hinterzimmer anhören. Von diesem Angebot machte allerdings niemand Gebrauch.

„Dauernd Jetzt“ enthält sechzehn zum Teil sehr schöne neue Lieder, in denen Herbert Grönemeyer sich in guter Gesamtverfassung zeigt. „Ich dauer jetzt, leb momentan, / heute mach ich mir keine Sorgen“, heißt es etwa in dem Lied „Wunderbare Leere“: „Wenn der harte Regen auf mich fällt / wasch ich mir mit ihm mein Gesicht.“ In dem Eröffnungsstück „Morgen“ wird eine glückliche Liebesbeziehung besungen, in dem Stück „Der Löw“ bekundet Herbert Grönemeyer sein Glück über den Weltmeistertitel der deutschen Fußball-Nationalelf: „Der Löw war los / sie waren grandios / und endlich war’s ihre Zeit.“

Auch das seiner Ansicht nach glücklicherweise entspannte neue Nationalgefühl der Deutschen ist auf der Platte ein Thema: „Neu, deutsch / gemeinsam, der Laden läuft“ heißt es in „Unser Land“. Und nicht einmal das Scheitern einer Liebesbeziehung vermag den früher doch eher zur Melancholie neigenden Sänger noch aus der Ruhe zu bringen: „Ich bin einverstanden / so wie es ist, so wie ist / ist es gut“, singt er in der Abschiedsballade „Einverstanden“.

Gesang gut zu verstehen

Was gibt es in musikalischer Hinsicht zu berichten? Das Album beginnt mit einigen flotten Rockstücken nach Art der mit Grönemeyer befreundeten Gruppe U2 und senkt sich ab dem vierten Stück dann zu einer Folge zumeist gemächlich dahintrabender Balladen herab; das letzte Stück „Fang mich an“ ist ein Remix des gleichnamigen vierten Stücks nach Art des Post-Love-Parade’schen Neunzigerjahre Pop-Techno mit Rave-Fanfare und allem Drum und Dran.

Auffällig ist, dass das für Herbert Grönemeyer bislang so charakteristische Eruptions-Crooning – das explosionsartige Herausstoßen von Konsonanten bei gleichzeitigem Vokalevernuscheln – auf „Dauernd Jetzt“ kaum noch vernehmbar ist. Darauf deutet schon der Titel des Albums hin, der ja wesentlich weniger Konsonanten enthält als das 2011 veröffentlichte Vorgängerwerk „Schiffsverkehr“.

Jedenfalls sind diesmal die von Grönemeyer gesungenen Texte über weite Strecken ungewöhnlich gut zu verstehen. Lediglich beim Anhören des dritten Lieds, in dem der Sänger sich über Kontrollzwang und Intimitätsverlust beklagt, konnte ich mich mit meinen Tischnachbarn nicht darüber einigen, ob der nur aus einem Wort bestehende Refrain nun „Freiheit“ oder „Frauen“ heißt; tatsächlich singt Grönemeyer an dieser Stelle, wie ein späterer Blick ins Textbuch bewies, „Uniform“.

Im Anschluss an das Abspielen des Albums erschien der Künstler persönlich, um sich den Fragen des Moderators und der Gäste zu stellen. So wollte man von ihm wissen, was er sich bei der Zeile „lieb mich wenig, lieb mich lang“ gedacht habe. „Keine Ahnung“, sagte Grönemeyer, „aber ich fand das gut“. Manchmal verstehe er erst nach Jahren selber, was eine bestimmte Formulierung oder ein Titel bedeute. Für den 18. November 2015 lud er darum alle Gäste erneut in das Restaurant ein, um das Album dann mit dem gebührenden Abstand noch einmal zu diskutieren.