"Here/After": Klaustrophobiker auf dem Karussell

Berlin - Agoraphobie, die Angst vor Menschenmengen und weiten Plätzen, ist ein weit verbreitetes Phänomen. Jeder Fünfte in Deutschland erlebt das zumindest kurzzeitig. Zum Beispiel in der U-Bahn, wenn einem die Menschen, mit denen man dort zusammengepfercht ist, unheimlich und bedrohlich werden können. In ihrer Fremdheit und Gleichgültigkeit bei gleichzeitiger großer physischer Nähe.

„Here/After“ heißt das Stück der Choreografin Constanza Macras, dass am Samstag im Hau 1 uraufgeführt wurde und dass eben genau davon zu erzählen versucht. Von der Angst draußen zu sein, von der Angst vor fremden Menschen und nicht zu kalkulierenden Situationen.

Das Thema ist in gewisser Weise eine konsequente Fortsetzung der letzen Macras’schen Arbeiten, die sich auf unterschiedliche Weisen mit dem Stadtraum befassen. Mit Gated Communities etwa, den abgesperrten und überwachten Wohnanlagen in Buenos Aires, oder wie zuletzt in der Schaubühne, in „Berlin elsewhere“ mit dem Leben in der Metropole Berlin.

Absurd und verrückt

In „Here/After“ läuft zu Beginn eine Frau mit einer Handtasche am Arm, ansonsten völlig nackt, am ganzen Körper zitternd über die Bühne. Quälend langsam, ohne recht von der Stelle zu kommen. Irgendwann zerrt sie dicken Perlenschmuck aus ihrem Beutel und hängt ihn sich um, als könnte das den Zustand in dem sie sich befindet, lindern. Aber gegen die völlige Blöße, das sich ausgeliefert Fühlen, hilft so etwas nicht.

Die argentinische Choreografin, sonst eher bekannt für schrille, ständig überdrehende und zuweilen böse in sich zusammenstürzende Bilder, sucht dieses Mal, zumindest zu Beginn, einen ganz anderen Zugang zu ihrem Stoff. Das glaubt man auch noch, als sich nach Fernanda Farah der Tänzer Ronni Maciel auf der Bühne bemüht.

Aber Psychologie war noch nie Constanza Macras Ding. Sobald ein wenig Gefühl aufkommt, muss es in ihren Stücken ganz schnell jemand ganz laut krachen lassen. Am besten alle miteinander, und das ist dann oft so absurd und verrückt, dass alle Fragen, die man haben konnte, im Chaos untergehen − und manchmal, wenn es gelingt, auf erstaunliche Weise aus den auf der Bühne aufgestapelten Müllbergen wieder neu aufscheinen.

In „Here/After“ stehen Macras aber nur fünf Akteure zur Verfügung. Die alten Tricks funktionieren nicht, es hilft nur konsequentes und genaues Arbeiten und das nicht nur an Bildern, sondern auch am Thema.
Aber stattdessen gibt es ein Karussell der Beliebigkeiten. Ganz wörtlich, als rotierende Scheibe steht es auf der Bühne des Hau 1 mit Sofa und Tisch und Kissen. Rückzugsort all jener, die sich nicht hinaus trauen in die Welt und sich lieber hier im Kreise drehen. Die Erde ist eine Scheibe, von der man jeden Moment hinunter stürzen könnte.

Bloß nichts riskieren

Tatiana Eva Saphir liefert sich mit Fernanda Farah und Janaina Pessoa hier immer wieder zugegeben umwerfend komische Duelle. Ihr Wettbewerb der geschmacklosesten Dessous ist zwar billig, aber trotzdem witzig, ebenso ein etwas ausgedehntes Schauspielerraten. Aber irgendwie muss man sich ja die Zeit vertreiben, wenn man nicht mehr aus der Wohnung kann. Miki Shoji versucht es in einer Art Aquarium mit skypen und Santiago Blaum mit Misshandlungen seiner E-Gitarre.

Worum es eigentlich gehen sollte in diesem Stück hat man da schon längst vergessen. Bis Fernanda Farah auf einmal unvermittelt eindringlich vom Schrecken erzählt, sich in einem Kaufhaus nicht mehr vor oder zurück bewegen zu können. Aber dann muss das Publikum schnell wieder mit ein wenig Gaudi unterhalten werden. Bloß nichts riskieren, scheint die Devise des Stücks. Nur kommt man damit eben nicht sehr weit.

Here/After Bis 9. Dezember, tgl. 19.30 Uhr im Hau 1, Karten unter: 25 90 04 27