Eben noch fegte der Mann auf seinem Rad herum, da verlässt ihn die Kraft. Eben noch ging er morgens ins Amt, und wenn keiner zusah, sprang er in einem kühnen großen Satz über den Fußabstreifer beim Eingang. Dann wird ein Lungenemphysem festgestellt. Als reiche diese unheilbare Krankheit nicht aus, folgen Herzinfarkt, Morbus Wegener, Aneurysmen und Embolien, wegen denen schließlich ein Vorfuß amputiert wird.

In der berührenden und erhellenden neuen Erzählung des Schriftstellers Hermann Kinder, Jahrgang 1944, geht es um Zustände und Prozesse, die individuelle Züge haben und die auch wieder verallgemeinerbar sind. Wie lebt ein Kranker mit dem Verlust von Unabhängigkeit? Wie ist es, in einer Leistungsgesellschaft als Humpler auf der Straße zu einem Hindernis für die anderen zu werden?

Ein Ich der Träume

Was wird aus einem leidlich positiven Selbstbild- und Selbstverständnis, wenn einen im Spiegel ein gezeichneter, hässlicher Fremder entgegenstarrt? Was wird, wenn Schmerzen und Therapien einen dösig machen? Da sitzt der Mann im Krankenhaus im Rollstuhl, er trägt das hinten offenstehende „Engelshemd“ und ist sich nach diversen Operationen nicht sicher: Steckt das Kopfkissen in einem Umschlag? Das Wort kommt ihm falsch vor. Da sitzt er, und es ist ein großer Tag, als er überhaupt erstmals das Bett verlassen und sich im Bad Wasser über die Hände fließen lassen kann.

Die Erzählung geht nicht nur bergab. Es gibt mühsam erarbeitete Aufschwünge – zu üben, wieder ohne Krücken zu gehen – und manchmal gibt es einfach was geschenkt. Ein „Geschenk“ kann eine leicht abfallende, gut begehbare Straße sein, es kann der Anblick der Mauersegler sein oder die Nähe des liebsten Menschen.

Die dreiteilige Erzählung mit autobiografischen Zügen spricht im ersten und letzten Kapitel distanziert von der dritten Person, von dem, was „ihm“ und anderen Patienten widerfährt. Im Mittelteil spricht ein „ich“. Dies Ich ist das der Träume: Ein ganz verrücktes und ganz wahres, schräges Selbstporträt entsteht. Orte und Zeiten, Wünsche und Ängste fließen ineinander: „ich“ treffe gefürchtete Arbeitskollegen; „ich“ radle durch die Gegend, „ich“ werde am Grenzübergang von einem Schweizer Zöllner gemaßregelt und drohe aus dem Engelshemdchen mit einem Nachspiel.

Das Buch zieht einen in Bann, ohne je aufdringlich zu sein. Kinder will das Leiden nicht mit den höheren Weihen von „Tiefe“ und „Sinn“ aufladen. Aus dem Kollabieren von Sinn erwächst vielmehr eine federnde Komik. Sie reicht mal ans Groteske, dann wieder wirkt sie herzstärkend, weil sie nicht über Not lacht, sondern aus ihr raus.

Lachen aus der Not heraus

Hier gelingt etwas sehr Seltenes: Eigentlich verengt sich doch die Welt des Mannes im Extremfall auf das, was in Reichweite seiner Hände liegt. Aber die Erzählung wirkt durch die Intensität der Wahrnehmungen sehr weit, sehr offen. Man möchte hier in aller Emphase von einem Sprachkunstwerk sprechen. Denn diese unsentimentale und dabei zarte, diese mutige Erzählung über körperlicher Versehrtheit hat ihrerseits einen „Körper“, einen eigenen Atem. Der Text ringt die Hände, tritt auf der Stelle, zieht seine Bahn; mal rasen die Sätze, mal schweben sie geruhsam. Sie können schneidend sein, ans Schonungslose grenzend, dann wieder hört man einen innigen, einfachen Tonfall. Kinders Sprache ist verbündet mit dem verletzten, unstimmigen, mit dem lebendigen Körper.

Was kann „Kunst“? Sie sättigt die Hungernden nicht, sie heilt die Kranken nicht. Sie ist ohnmächtig gegenüber der Gewalt, dem Leid, dem Schrecken der Realität. Kinders Buch ist nicht aus der Position eines „Dichterfürsten“ geschrieben, in dessen Papierreich das Schöne, Gute und Wahre unbehelligt von der Wirklichkeit gedeiht. Und doch ist dieser Autor ein Verwandlungskünstler, der aus dem „Ausgangsmaterial“ von allerhand Erfahrungen, Lektüren und Fantasien etwas Eigenständiges, Neues macht.

Wenn so etwas wie „Versöhnung“ in Kunst und Literatur gelingt, dann nur, weil die Tür zum Unversöhnten offen bleibt. „Versöhnung“ klingt an oder scheint auf, wenn Mangel und Sehnsucht, Not und Wendigkeit, Schrecken und Hoffnung, Schmerzen und Spott, Zorn und Liebe allesamt „wahr“-genommen werden, wenn sie miteinander in Bewegung versetzt werden. So ist es hier. Man wünscht diesem Buch viele Leser.

Hermann Kinder: Der Weg allen Fleisches. Mit Zeichnungen des Autors. Weissbooks, Frankfurt am Main 2014. 140 S., 18 Euro.

Von Sabine Peters erschien zuletzt der Roman Narrengarten im Wallstein Verlag.