Berlin - Man muss vor- und zurückblättern, nachlesen, suchen, Verbindungen ziehen. Man muss sich sozusagen reinwühlen, in diesen eigenartigen Roman, der kein Thema zu haben scheint, keine Geschichte, keinen richtigen Protagonisten. Und wenn es doch einen Helden hat, dann nur einen, der sein Gedächtnis verloren hat, und nicht weiß, wer er ist. Das hört sich nach Lese-Arbeit an und das ist es auch. Dafür wird das Vergnügen irgendwann umso größer.

Dem Genre nach ist „Sand“ am ehesten ein Agentenroman. Aber auch das enthüllt sich erst spät und ist nicht sicher. Zunächst einmal scheint das Buch eher ein normaler Thriller vor exotisch-nordafrikanischem Hintergrund, mit Action, etwas politischem Beiwerk und einigem Zeitkolorit. Das Buch könnte in Marokko spielen, Targat heißt die Küstenstadt, hinter der die Wüste beginnt. Diese Wüste ist die wichtigste Konstante des Buchs, ihr Sand hat dem Roman den Titel gegeben, die gleichgültige Endlosigkeit und unbedingte Lebensfeindlichkeit desselben gehört Metapher.

Entspannte Schönheit

„Sand“ spielt 1972. In einer Hippie-Kommune sind vier Personen ermordet worden, soviel steht fest. Zwei komische Kommissare treten auf, Polidorio und Canisades heißen sie, um bald wieder zu verschwinden, der eine wegen Bedeutungslosigkeit der andere wegen einer Schlinge um den Hals. Dazu kommt bald Helen, eine schöne Amerikanerin, die Herrndorf mit der wunderbaren Bemerkung einführt, dass man sie mit einem Satz beschreiben könne: „schön und dumm.“ Jeder würde sie aufgrund dieser Worte an einem Bahnhof erkennen, meint der Erzähler. Das Erstaunliche dabei aber seien nicht das und die Kürze der Beschreibung, sondern dass sie nicht im mindesten zutreffe. Herrndorf, so der Eindruck, hat das größte Vergnügen, seinen eigenen Bildern und Gedanken zuzuschauen. Dem Leser geht es nicht anders.

Dann sind in der Kommune Michelle, die vor allem Tarotkarten legt, dabei aber vor einer Karte zurückschreckt, der charismatische Kommunenführer Edgar Fowler und Jean Bekurtz, ein Mann, der zwar die Kommune mitgegründet hatte, dann aber von Fowler vertrieben wurde. Bekurtz eröffnet das Buch mit groß-christlicher Geste, so wie Mull Buckingham einst Joyce’ „Ulysses“ eröffnet hatte, und er beschließt es auch. Es gibt diverse psychedelische Musiker wie Marshall Mellow und diverse Bösewichte wie den Psychiater Cockcroft, den weißhaarigen Adil Bassir und seinen Gehilfen Julius, alle hemmungslos brutal. Es gibt eine wichtige Figur namens Cetrois, die nicht auftaucht, sondern nur verschwindet. Und es gibt, neben vielen, sehr vielen anderen, den, der Carl genannt wird, der einmal Lundgren hieß, aber in Wirklichkeit ganz anders heißt. Mehr weiß man auch am Ende über den Helden mit der Voll-Amnesie nicht.

Beim Lesen erlebt man zunächst Verwirrung, dann aber etwas ganz anderes. Man erlebt eine mehr entspannte als coole Schönheit, man erlebt die Verwirrung als Entlastung, als Spiel, irgendwann möchte man nicht mehr wissen, sondern sich treiben lassen. Das liegt an Wolfgang Herrndorfs Genre- und Treffsicherheit. Die Sicherheit, mit der die Sätze hier hingeschrieben sind, macht einen fast benommen. Mit schlafwandlerischer Sicherheit bewegt man sich durch Flower-Power-Trash und Wüstensand, Verfolgungsjagd und Verhörszene, durch Psychokram und Atombombenspionage.

Welchen Unterschied macht es schon, wer einen erschießt?

Das Buch hat 68 Kapitel, jedes hat eine andere Farbe und ein eigenes Zentrum, das kann eine Figur, ein Handlungsfetzen, eine Stimmung oder auch das Ouz sein. Jedes Kapitel ist die Vignette eines Ganzen, dessen man nie habhaft werden wird. Dafür wird jedes eingeleitet durch ein Motto, Herodot und seine Überlegungen über Griechen und afrikanische Barbaren spielen hier eine besondere Rolle. Es entstehen Denkbilder ohne Sinnanspruch.

Im Kapitel 52 taucht Risa wieder auf, eigentlich auch eine Bösewicht, und sagt einen entscheidenden Satz: „Das Leben ist kurz.“ Es kommt zu einer wilden Verfolgungsjagd, bei der nebenbei einem unbeteiligten Kind durch den Arm geschossen wird, weil es ein Tuareg ist und deswegen eine arabische Frage nicht versteht. Das Leben und sein Ende, ein merkwürdiger Zufall, in dieser wüsten Gegend hat das Buch doch sein Thema. Auf seine bilderreiche, amüsierte, trashig-liebevolle Art umspielt es den Tod. Der Mann mit der Amnesie stolpert wie ein Körper gewordener Slapstick von Todesgefahr zu Todesgefahr.

Man muss nicht an den Gehirntumor des Autors denken, um von dem endlosen Versuch, dem Tod zu entkommen, auf eine heftige Art verstört und ergriffen zu sein. Über seine Krankheit hat Herrndorf in seinem Blog „Arbeit und Struktur“ gesagt, was er sagen will. Auch in „Sand“ sieht man, was für ein großartiger, lapidar-berührender Autor er ist. Es ist ein lächelnder, freundlicher, sehr sympathischer Nihilismus, der aus seinen Sätzen spricht.

Wenn man wüsste, dass das der letztendliche Mörder ist, als der Mann auftritt. Als er seine scheinbar letzten Worte in der Wüste spricht und dann einschläft. Wenn man wüsste, dass er es ist, der den Mann ohne Gedächtnis erschießen wird. Ja, dann, dann wäre es auch egal. Welchen Unterschied macht es schon, wer einen erschießt?

Man hat von Wolfgang Herrndorf, dem Autor von „Tschick“, nicht dieses Buch erwartet. Aber ein Buch wie dieses hätte man von keinem Autor erwartet. Und irgendwie passt „Sand“ auch dazu, wenn man sein Blog liest, wenn man liest, wie er die Psychiatrie betrachtet, in die er mit seinem Tumor kommt. Es passt auch, wenn man hört, dass „Sand“ als Gegenstück zu „Tschick“ gedacht ist. Da sieht man dann, dass heiteres Lächeln und Todesnähe näher beieinander liegen, als sich der gemeine Alltagsverstand so glauben machen möchte.

Wolfgang Herrndorf: „Sand“, Rowohlt Berlin 2011, 480 Seiten, 19,95 Euro