Die Autorin nimmt die Notwendigkeit einer neuen Klappe in ihrem Roman als Metapher für ein gebrochenes Herz.
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BerlinAlmas Kriegsträume sind düster, ja der blanke Horror: Sie „fühlte nachts, dass die „fremden Toten durch die Erde griffen, mit langen Armen und weißen Händen“. Sie sieht, „wie man einen Menschen bis zu den Schultern in die Erde eingrub und seinen Kopf zu Tode kegelte mit Kanonenkugeln (…) Dürre Hunde, die Knochenkäfigen gleich durch leere Städte streunten. Dünne Kinder, die an den Hemd- und Rockzipfeln der Toten zogen und um Essen baten.“ „Szenarien des Ungeheuerlichen“ wie diese beschreibt Valerie Fritsch in ihrem neuen Roman. Alma ist ihre Hauptfigur.

Die 31-jährige Österreicherin hat Fotografie studiert und ein scharfes Auge für Bilder. Und sie schreibt neben preisgekrönter Prosa auch Gedichte, beides merkt man auch ihren „Herzklappen von Johnson & Johnson“ an.

Das Herz als Metapher eines emotionalen Defekts

Randvoll mit eindrücklichen Motiven erzählt der Roman von einer österreichischen Familie, deren mittlere Generation (Almas Eltern) in Wohlanständigkeit und Verdrängen erstarrt, während die Tochter (Alma) nichts so sehr beschäftigt wie das Schweigen über die Erlebnisse des Großvaters während des Russlandfeldzugs. Schon als Kind beschließt sie, es zu brechen.

Alma studiert alte Briefe, Bücher und Akten, fragt die Großmutter aus. Und sie bekommt einen Sohn, der dem Großvater sehr ähnlich sieht. Wegen eines Gendefekts spürt er keinerlei Schmerz, was gefährlich ist, zum Beispiel bei einem Knochenbruch. Außerdem fällt es ihm schwer, Mitgefühl für den Schmerz anderer, „ein Herz“ im übertragenen Sinne, zu entwickeln.

Das Herz des Großvaters braucht ebenfalls Unterstützung, seine künstliche Klappe wird zur Metapher seines emotionalen Defekts. Wie so viele kam er als gebrochener, verstummter Mensch aus dem Krieg zurück. Nach der Geburt des Sohns erleidet Alma eine postnatale Depression und weint um die Großmutter, die sich, anstatt um den gerade verstorbenen Mann zu trauern, erschießt.

Jedes Denkmal, an dem sie vorüberkam, berührte sie, als sei es für sie allein errichtet worden.

Die Autorin Valerie Fritsch über ihre Protagonistin

Entgegen dem herkömmlichen Sinn

Gegen Ende des Romans reist Alma nach Kasachstan, um das Kriegsgefangenenlager zu sehen, in dem der Großvater jahrelang litt. Auf dem Weg sieht sie imposante Landschaften und postsozialistische Ruinen, auf nicht einmal 180 Seiten wird also einiges geboten: Viele Probleme, viele Sinnbilder, viele Extreme. Erzählt im herkömmlichen Sinne (einer handlungsreichen Geschichte) wird dagegen eher wenig. Der Roman montiert einzelne Momente und kurze Szenen aneinander, verbunden von Reflektionen über Almas Gedanken, Gefühle, Sorgen.

Besonders die Großeltern werden dabei lebendig, in Rückblicken, surrealen Sequenzen, eindringlichen Schilderungen, anrührenden Details. Und genau darum geht es zumindest Alma, sie will die Kriegsgeneration in den Blick nehmen, ihren verschwiegenen Leben und Gefühlen Raum verschaffen.

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Wir sehen ihren Großvater, der als halbes Kind in den Zweiten Weltkrieg stolpert und als Verbrecher und Gewaltopfer heimkehrt. Aber auch das Leben Almas mit Mann und Kind in einer Hochhaussiedlung, ihre Liebe und ihr angespannter Alltag mit dem schmerzfreien Sohn wird in vielen Einzelheiten anschaulich.

Warum schreibt sie das?

Fritsch beschwört Gefühle, schreibt einfallsreich, spielt mit Worten und Bildern, wählt dabei eindringliche Motive: Totenvögel, endlose Steppen, Ruinen, abgestorbene Gliedmaßen, eine sehr seltene Krankheit. Manches davon wirkt plakativ. Ihr zweifellos hochtalentiertes, oft betörend schönes Formulieren ist nicht nur deswegen ein wenig irritierend. Sondern vor allem wegen der Frage: Warum schreibt sie all das? Natürlich gibt es viele gute Gründe und sie müssen nicht ausformuliert werden.

Es wäre nur schön, es irgendwie zu spüren, gerade in einem Roman, der so offensiv um das Vermögen oder Unvermögen, etwas zu empfinden und das auch mitzuteilen, kreist. Seine Erzählweise wirkt aber merkwürdig ungerührt. Das Herz des Texts, um bei dieser Metapher zu bleiben, gerät bei all dem Schmerz und der Schuld, die er schildert, nie aus dem Takt.

Es geht weiter – hoffentlich

Valerie Fritsch beschreibt Almas manisches Interesse an der Vergangenheit auch als Egozentrik: „(…) jedes Denkmal, an dem sie vorüberkam, berührte sie, als sei es für sie allein errichtet worden“. Ganz am Ende lässt sie die Suche nach der Vergangenheit, nach dem „Soldaten“ und „Mörder“ dann einfach los, nach Jahren der Nachforschungen, Gedanken, Projektionen. Ihre „Sehnsucht nach Eindeutigkeit, Klarheit“ erscheint ihr in der kasachischen Steppe plötzlich absurd.

Fast wünscht man sich, Fritsch hätte an diesem Punkt der Ernüchterung begonnen, anstatt zu enden. Denn man wüsste zu gern, welche Form von Gefühl und Mitgefühl, welches Interesse an anderen und der Vergangenheit in ihren Augen eine bessere wäre. Aber sie schreibt ja weiter. Hoffentlich.

Valerie Fritsch: Herzklappen. von Johnson & Johnson. Roman. Suhrkamp, Berlin 2020. 175 S., 22 Euro.