Berlin - Nach vielen Jahren Sender- und Formatkarussell hat Oliver Welke (50) mit der „heute-show“ seinen festen (Sende-)Platz in der deutschen Fernsehlandschaft gefunden. Er ist nicht nur das Gesicht vor der Kamera, sondern auch das Gehirn dahinter. Welke hat die Sendung entwickelt und ist Autor. Im Januar geht er mit „heute-show“-Kollege Dietmar Wischmeyer (59) fremd. Auf der Bühne lesen sie  aus einem Buch, das nie erscheinen wird – der Name des Programms: „Im Herzen jung“. An diesem Montag und Dienstag treten sie in der Columbiahalle in Berlin auf.

Herr Welke, kann man nur auf der Bühne in Würde altern oder auch im Fernsehen?

Im Fernsehen ist das tatsächlich schwierig. Wenn überhaupt, dann bei den Öffentlich-Rechtlichen. Wischmeyer und ich wären bei den Privaten wohl doch irgendwann weg vom Fenster. Die ziehen die Verjüngung knallhart durch – besonders im Bereich Unterhaltung.  Bestimmte Sendungen sind eben nur für bestimmte Altersgruppen gedacht. Damit müssen sich die Sender abfinden. Noch gibt es Nischen für Leute wie uns.

Die „heute-show“ ist doch kein Nischenprodukt.

Nein, aber sie ist auch eine Ausnahme. Wir hätten anfangs niemals gedacht, dass man beim ZDF so eine Sendung überhaupt durchzieht. Die Quoten im ersten Halbjahr waren wirklich schlecht. Es ist heute nicht mehr üblich, dass ein Sender den langen Atem hat und wartet, bis die Zuschauer die Sendung und den Sendeplatz gefunden haben. Wir konnten uns unser Publikum erspielen. Diese Geduld fehlt heute in aller Regel.

Auch etablierte ältere Moderatoren haben mit diesen Verjüngungskuren zu kämpfen.

Ich denke, wenn ein Moderator sein Publikum hat und man weiß, was er kann, wird er nicht stumpf nach Kalender aussortiert, nach dem Motto: Verfallsdatum abgelaufen. Aber ab einem gewissen Alter wird es schon schwierig, das passende Format für sich zu finden. Irgendwann kannst du kein lustiges Quiz mehr machen – oder Shows, die eine dynamische Grundfröhlichkeit ausstrahlen sollen.

Nehmen wir „Zimmer frei“ – Sie waren Gast der Abschiedssendung.

Götz Alsmann ist ein gutes Beispiel. Er ist einer unserer besten Entertainer – unheimlich geistreich, belesen und lustig. Es wäre Schwachsinn, wenn jemand wie er nicht mehr im Fernsehen moderieren würde und stattdessen andere, die vielleicht zwei Tage jünger sind, aber im Vergleich wahnsinnig uninspiriert. Ich bin mir relativ sicher, dass der WDR mit Götz Alsmann schon an etwas Neuem arbeitet.  Götz wird uns erhalten bleiben!

Machen Sie sich Gedanken um Ihre Zukunft vor der Kamera?

Eigentlich nicht. Wir haben mit der „heute-show“ unser Publikum gefunden und unsere Marke etabliert. Aktuell muss ich mir keine Sorgen machen. Ich habe mich jahrelang bei den Privaten ausprobiert, bei Impro-Comedy-Formaten oder Panel-Shows. All diese Formate gibt es heute nicht mehr.

War das Fernsehprogramm damals besser?

Wenigstens gab es noch keine Scripted Reality. Heute ballern einige Sender weite Teile ihres Programms mit diesem Scheiß zu. Das beleidigt den Zuschauer. Und blockiert Sendeplätze. Da ist jede hingehudelte Volksmusik-Sendung mit mehr Kreativität, Herzblut und Liebe gemacht. Ich habe noch die großen Zeiten von Sat.1 mitbekommen – die „Wochenshow“ in ihrer Blütephase und Harald Schmidt. Wenn etwas Wichtiges in der Welt passierte, dachte man schon mittags: Was wird Harald daraus heute machen? In den USA gibt es diese Late-Night-Kultur seit Jahrzehnten. Bei uns gab es nur Schmidt. Und danach ist es wieder eingeschlafen. Jetzt gibt es Böhmermann, aber nur einmal pro Woche. Es fehlt eine Show, die dir hilft, mit dem Tag abzuschließen.

Warum gibt es in Deutschland keine Late-Night-Talker?

Das ist die Königsdisziplin. Man muss Leute finden, die Lust haben, sämtliche Themen abzudecken: Politik, Boulevard, Medienkritik, Sport – selbst Schmidt hat sich im Alter für Fußballthemen interessiert. Und dann musst du die Sendung mit deiner Persönlichkeit tragen. Eine Late-Night-Show hängt größtenteils an einer Person.

Wer kommt da aktuell in Frage?

Nicht viele. Du brauchst Leute wie Schmidt oder Böhmermann, die entsprechende Bühnenerfahrung haben. Wir haben im deutschen Fernsehen sehr viele, ich sage es jetzt mal etwas despektierlich, Ansager. Die sind in der Lage, vor der Kamera fehlerfrei Sätze aufzusagen. Aber es ist  etwas ganz anderes, eine Gruppe von Menschen so zu unterhalten, dass die mental dranbleiben. Vielleicht fehlt auch ein wenig die Tradition. In den USA ist es einfach die Abendunterhaltung. Einer kommt raus, macht Stand-up und dann kommen zwei tolle Gäste.

Fehlt es möglicherweise auch an unterhaltsamen Gästen?

Das ist sicher auch ein Punkt. In den USA sind das Megastars. Und die wissen, dass es nicht reicht, über ihre künstlerisch wertvollen Projekte zu schwadronieren. Amerikanische Schauspieler gehen mit Gags in die Sendung, sind selbstironisch und schlagfertig. Deutsche Schauspieler glauben oft, ihre Anwesenheit sei schon das Ereignis.

Zurück zur Satire: Rudi Carrell hat 1987 – fast 40 Jahre vor Böhmermann –  in seiner „Tagesshow“ mit einem Beitrag über Ayatollah Khomeini eine Staatskrise ausgelöst. Sogar die   echte „Tagesschau“ berichtete damals.

Es gibt diesen Ausschnitt, in dem der „Tagesschau“-Sprecher die Szene beschreibt, weil der Beitrag nicht mehr gezeigt werden sollte. Er redet dann von Dessous, die in die Menge geworfen wurden. Das hat schon eine eigene Komik. Aber daran merkt man, dass sich die Zeiten ein wenig geändert haben. Heute tritt die Bundesregierung einen Tick forscher für Meinungsfreiheit ein als damals. laube ich. Hoffe ich.

Carrell musste sich beim iranischen Volk entschuldigen.

Und wir haben uns alle aufgeregt und eine Debatte geführt, weil Merkel im Fall Erdogan Böhmermann gesagt hat, sie lässt Gerichte den Job machen. Ihr Fehler lag natürlich darin, dass sie vorher ihre Meinung zur künstlerischen Qualität des Gedichtes geäußert hatte. Da hat sie einen Riesebock geschossen. Aber Carrell musste damals tatsächlich zu Kreuze kriechen. Bis heute frage ich mich: Hat er das auf Druck von Seiten der Bundesregierung oder des Senders gemacht? Oder wollte er einfach wieder normal leben? Er erhielt damals ja Morddrohungen.

Wie gehen Sie bei der „heute-show“ mit Drohungen um?

Kommt zum Glück äußerst selten vor. Keiner macht sich ganz frei davon, auch mal Schiss zu haben – wir hatten nach einer Sendung wegen anonymer, zum Glück nicht ernstzunehmender Drohungen auch schon mal den Staatsschutz hier. Aber wir machen uns nicht verrückt, sondern versuchen jede Woche, die bestmögliche Sendung zu machen. Wenn etwas Gesprächswert hat, kommt es bei uns vor. Wenn man anfängt, Strichliste zu führen, damit jede Religionsgemeinschaft und Gruppierung auch gleich oft vorkommt, kann man eine Show wie unsere auch gleich ganz lassen.

Sie haben das „heute-journal“ in Sachen Einschaltquoten längst überholt. Was sagt das über klassische Nachrichtenformate aus?

Gar nichts. Ich glaube nicht an eine Krise der Nachrichten gegenüber der Comedy. Was es aussagt, ist, dass offensichtlich Leute gezielt uns einschalten, die vorher nicht ZDF geschaut haben.  Und die sind – schade fürs ZDF – danach auch in der Masse wieder weg…

…und widmen sich wieder diversen Streaming-Portalen. Schauen Sie privat auch Netflix & Co.?

Natürlich! Mit meinem 14-jährigen Sohn habe ich neulich bei Netflix „Stranger Things“ geschaut. Hat tierisch Spaß gemacht.

Ist das die Zukunft des Fernsehens?

Die Gegenwart! Jeder ist sein eigener Programmdirektor. Diese Entwicklung kam doch deutlich schneller, als viele dachten. Ich merke es an mir selber. Wenn ich nach Hause komme und wieder in meine alte Gewohnheit verfalle, dumm rumzuzappen, denke ich bald: Was mache ich hier eigentlich? Ich muss den Quatsch doch gar nicht gucken. Ich kann in dieser Sekunde auch etwas Gutes schauen. Bei meinen Söhnen ist das schon in Fleisch und Blut übergegangen. Die schauen dich nur fragend an, wenn du sagst: Toll, heute Abend um 20.15 Uhr kommt ein guter Film.

Sehen Sie darin eine Gefahr für das klassische Fernsehen?

Ich glaube, es verändert das Fernsehen einfach nur. Fernsehen als Familienerlebnis gibt es so nicht mehr. Das merken auch wir. Samstag war früher der große Tag für die Prime-Time-Formate. Heute läuft Krimi, Volksmusik oder Supertalent. Da kann ich gut verstehen, dass unsere Söhne lieber an ihren Rechnern sitzen.