Berlin - Sechste Stunde, Geschichtsunterricht. Frage an die Klasse: „Wer hat wohl den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts begangen?“ Der Moderator der ZDF-Satiresendung „heute show“, Oliver Welke schnipst wie wild mit dem Finger. „Ich weiß das, das war die Türkei, das habe ich gestern im Bundestag gesehen, im Fernsehen, bei Phoenix“, sagt er.

Doch die Lehrerin, gespielt von der Kabarettistin Birte Schneider alias Christine Prayon widerspricht. „Oliver, da 1904 nach meiner Rechnung vor 1915 liegt, geht der erste Völkermord natürlich auf Deutschlands Konto“, sagt sie. „Wir haben damals in der Kolonie Deutsch-Südwest die Nama und die Herero fast ausgerottet.“

Mit einem Einspielfilm macht Schneider dann noch deutlich, dass deutsche Politiker sich über viele Jahre mit demselben lächerlichen Argument wie die türkische Regierung dagegen gewehrt haben, den Völkermord auch als einen solchen anzuerkennen. Nämlich mit demjenigen, die Rechtsnorm des Völkermordes sei ja erst 1948 geschaffen worden.

„heute show“ hat „großes aufklärerisches Potenzial“

„Quatsch oder Aufklärung?“ So lautet der Titel einer Studie, in welcher die Otto-Brenner-Stiftung, Witz und Politik in Satire-Formaten im Fernsehen, insbesondere in der „heute show“, unter die Lupe genommen hat. Der Studienautor Bernd Gäbler, früher Leiter des Grimme-Instituts, gelangt zur Auffassung: Die Sendung verbindet gekonnt beides – und ihr „wohnt großes aufklärerisches Potenzial inne“.

Zu diesem Ergebnis ist Gäbler gekommen, nachdem er alle „heute show“-Sendungen des ersten Halbjahres 2016 intensiv analysiert hat. Dabei hat er untersucht, welche Themen und welche Art von Gags dort gespielt wurden. 79 von 80 Themen im Untersuchungszeitraum waren politisch. Darüber hinaus hat der Medienwissenschaftler festgestellt, dass die TV-Satiriker recht detailliert einige Gesetzesprojekte verfolgt haben: vom Asylpaket II über das Integrationsgesetz und die Erbschaftssteuer bis hin zum Prostitutionsschutzgesetz und zum Sexualstrafrecht.

Dem „heute journal“ den Rang abgelaufen

Die „heute show“ knackt häufig die Marke von vier Millionen Zuschauern und hat damit dem Nachrichten-Flaggschiff „heute journal“ den Rang abgelaufen. Der Trick der TV-Satiriker liegt aus Gäblers Sicht darin, dass sie anschlussfähig für Zuschauer mit verschieden stark ausgeprägtem politischem Vorverständnis ist. Oder, wie der Studienautor schreibt: „Sie sendet nicht nur für bereits Eingeweihte.“

Ein Beispiel dafür ist der Einspielfilm, in dem Carsten van Ryssen für die „heute show“ ein Interview mit AfD-Chef Jörg Meuthen führt, in dem der Politiker nicht zu Wort kommt. Ryssen stellt umständliche Fragen. Immer wenn sein Gegenüber antworten will, fährt er ihm über den Mund – und fügt noch umständlichere Sätze an. Die Situationskomik ist hier für jeden leicht zu erfassen. Ein tiefer gehendes Vergnügen ist der Beitrag insbesondere für denjenigen, der vorab die Debatte in den mehreren Landtagswahlkämpfen verfolgt hat, ob man öffentlich mit der AfD reden müsse oder nicht.

Wie nach dem „Simpsons“-Prinzip

Das Prinzip, welches die „heute show“ sich zunutze macht, entspricht dem, welches die US-Zeichentrickserie „Die Simpsons“ zu einem Welterfolg gemacht hat: in ein und derselben Sendung für unterschiedliche Zielgruppen Angebote zu machen.

So können sich die einen an Bart Simpsons vulgären Telefonstreichen erfreuen, die anderen aber genauso gut die gesellschaftlich hintergründige Komik genießen. Man denke nur an die Folge, als der geistig eher zurückgebliebene achtjährige Junge Ralph Wiggum plötzlich bei den Vorwahlen als Präsidentschaftskandidat aufgestellt wird und seine Kampagne an Fahrt gewinnt. Im Idealfall lernen alle nach und nach die tieferen Dimensionen des Humors zu erkennen und zu schätzen.

Auch die „heute show“ setzt neben im Kern aufklärerischen Stücken teils auf sehr simplen, kalauerhaften Humor. Etwa, wenn es zum österreichischen Präsidentschaftskandidaten der Grünen, Alexander van der Bellen, heißt: „Grüne, die Van der Bellen heißen, beißen nicht.“ Oder, wenn einfach nur gezeigt wird, wie Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sich verspricht und aus Versehen „Mein kollegischer Schwede“ sagt. Auf Kosten der FDP wurden wirklich alle möglichen und unmöglichen Witze gemacht.

Publizist beklagt Beitrag zur Politikverdrossenheit

Hat also doch der konservative Publizist Hugo Müller-Vogg Recht, wenn er beklagt, die Sendung sei ein Beitrag zur Politikverdrossenheit, da Politiker insgesamt als „eine Ansammlung von Volltrotteln“ dargestellt würden? Gäbler kontert, die Sendung balanciere die Scherze auf Kosten von Politikern dadurch aus, dass sie fortwährend auch solche auf Kosten von Moderator Oliver Welke einbaue. Zudem ginge es nie gegen die Politiker an sich, sondern gegen einzelne Personen oder um konkrete Sachverhalte. Vielleicht ärgert sich Müller-Vogg ohnehin mehr um den unbestritten eher linksliberalen Charakter der Show.

Gäbler sieht keinen Beitrag zur Politikverdrossenheit, sondern hofft, mit Hilfe der populären Sendung ließen sich mehr Menschen für Politik interessieren. Anders ausgedrückt: Lachen kann Einstiegsdroge fürs Denken sein. Jedenfalls schlägt Gäbler vor, Clips aus der „heute show“ verstärkt für Unterrichtseinheiten in der Schule zu benutzen.

Das ist eine gute Idee. Nur bitte mit moderneren Unterrichtsmethoden als denen von Birte Schneider, die Oliver Welke auffordert, 100 mal den Satz zu schreiben: „Ich will nie wieder anderen erklären, wie man einen Völkermord richtig aufarbeitet, bevor ich nicht alle meine eigenen Völkermorde richtig aufgearbeitet habe.“