Elio Germano spielt den von den Schweizern nach Italien vertriebenen Künstler Antonio Ligabue mit beeindruckender Intensität und Furchtlosigkeit. 
Foto: chico de luigi

BerlinWie ein Raubtier schlich er sich an die Leinwand heran, geduckt, bereit zum Sprung, die Arme nach oben gereckt, den Mund zu einem Maul aufgerissen, ähnlich dem, das er gleich malen würde. Immer wieder zeigt der Regisseur Giorgio Diritti den Akt der Inbesitznahme der leeren Fläche durch den Maler. Immer wieder ist es Obsession und künstlerische Prozedur zugleich. Wer will das unterscheiden?

Der Maler Antonio Ligabue sprach nicht gern über das Malen. Er sprach, wenn überhaupt, am liebsten mit den Tieren, und sicher sah er sie leibhaftig vor sich, die Löwen, Adler, Schlangen, Riesenspinnen. Auf seinen Bildern sind sie ineinander verknäult und verbissen in ihren Überlebenskämpfen. Auch die Tiere seiner ländlichen Umgebung malte er. Scheuende Pferde bei Gewitter, einen Fuchs mit Beute, Truthähne, und immer wieder Hunde, eng an ihn geschmiegt.

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Tiere, Porträts und Selbstporträts waren seine Sujets. Die Bilder sind da, bis heute, im vorigen Jahr wurden sie in Sankt Gallen im Museum im Lagerhaus gezeigt. Unter dem Titel „Antonio Ligabue – Der Schweizer Van Gogh“. Was doppelt irreführend ist, wie es Etiketten oft sind.

Eine nie heilende Wunde 

Denn Ligabue war im Alter von 19 Jahren aus der Schweiz „herausgeschafft“ worden wie ein polternder Säufer aus einem Dorfgasthof. Er war ein Rechtloser, Elternloser, Heimatloser. Fremd unter den Menschen, seit seiner unehelichen Geburt 1899 als Sohn einer italienischen Einwanderin in der Schweiz.

Umhergeschoben, verwahrt, verstoßen, weil er „nicht gehorchen konnte“, wie seine missbräuchliche, bigotte Schweizer Pflegemutter einmal sagt. Der Vater setzt hinzu „Er ist Italiener, Italiener kann man nicht erziehen.“ Und so landet er mittellos und ohne ein Wort Italienisch zu können in der Po-Ebene, vegetiert im Gestrüpp am Ufer des gewaltigen Flusses. Bis ihm ein Bildhauer Obdach gibt und sein Talent erkennt.

Der Regisseur Giorgio Diritti erzählt dieses nur auf sich selbst bezogene Leben keineswegs als Martyrium. Er verpasst Ligabue keine Identität, auch nicht die des Ausgestoßenen, Verspotteten. Ligabue war auffällig in Habitus und Verhalten, Elio Germano spielt ihn mit beeindruckender Intensität und Furchtlosigkeit. Gekrümmt und agil, verwahrlost und geckenhaft, abstoßend und anziehend zugleich, verkörpert er eine Figur der Extreme.

Immer wieder fügte sich Ligabue eine nie heilende Wunde an der Schläfe zu, vielleicht war er psychisch krank. Was in der Psychiatrie vor sich ging, in der er Ende der 1930er Jahre eine Zeitlang behandelt wurde, bleibt rätselhaft. Institutionen wussten nichts anzufangen mit ihm, er entzog sich jeder Kategorisierung. Die bürgerliche Welt und deren Kunstbetrieb näherte sich ihm wie einem gefährlichen Gegenstand, fasziniert, aber ängstlich.

Das Italien nach dem zweiten Weltkrieg 

All dies wird zwar chronologisch, aber sehr frei schwingend erzählt, die Erinnerung ist nur ein fixes Bild, das assoziativ einbricht in die Gegenwart. Das Nicht-Wissen wird nicht verborgen und mit den üblichen Versatzstücken ausgefüllt. Diritti hält Abstand, er macht keine Projektionsfläche aus der historischen Figur, sondern bindet ihn ein in eine Zeit heftiger Armut und Bescheidenheit.

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Das Italien nach dem Zweiten Weltkrieg war Hungerland, und doch ist überall eine Schönheit, die aus dem Respekt vor den Dingen kommt. Was Ligabue sah, fühlte, was er begehrte, setzt Diritti ins Bild, die Weiten der Flusslandschaft in ihrem ewigen Nebel, die gelb leuchtenden Gehöfte, die Fluchten und Geometrien, das wuchtige Mädchen, das er am Ende noch heiraten wollte, das Fell eines Pferdes, seine glänzende Moto Guzzi.

Die Dorfbewohner nehmen ihn hin, wie man einen seltsamen Verwandten erträgt, der einen nicht beleidigen kann, obwohl er das immer wieder tut. „Von dir bleibt nichts. Wenn du tot bist, bleibst du tot“, sagt er zu seinem Fahrer. Der lächelt ihn an.