Hier können Flüchtlinge Tanzen, nähen, sich kennenlernen

Mit gebeugtem Kopf sitzt Hadi an einem Tisch und malt Ornamente auf ein Stück Stoff. Eigentlich ist heute Frauentag im Gemeinschaftsraum der Unterkunft für Geflüchtete in der Kreuzberger Stallschreiberstraße. Gemeinsam nähen acht Frauen aus allen möglichen Ländern, aus Syrien, Afghanistan und Aserbaidschan, an einer großen Quiltdecke, die demnächst im Eingang aufgehängt wird. Bunte Stoffquadrate wechseln mit solchen, auf denen die Frauen ihre Wünsche aufgeschrieben haben, Frieden für die Welt taucht dabei als Wunsch in vielen Variationen auf. Dazwischen sind die Ornamente des 26-jährigen Hadi genäht, der in seinem früheren Leben in Syrien Kunstschmied war und dort prachtvolle, filigrane Gitter geschmiedet hat. Stolz zeigt er ein paar Fotos davon auf seinem Handy.

Dass er jetzt hier mit am Tisch sitzt, „das“, sagt die Heilpädagogin Barbara Weidner, „ist ein Erfolg.“ Denn verbindliche, dauerhafte Termine, die offen für alle sind, die gibt es nicht so oft. Hadi macht eine Lehre, er hat inzwischen eine eigene Wohnung, aber wenn er Zeit hat am Mittwochvormittag dann kommt er trotzdem hierher. Egal mit wem man redet, ob mit Felix Huth, dem Leiter der Gemeinschaftsunterkunft Stallschreiberstraße, mit der Heilpädagogin Weidner oder mit der Choreografin Jo Parkes, die gemeinsam mit Barbara Weidner das Projekt Junction aufgebaut hat, Verbindlichkeit und Kontinuität, so sagen sie alle unabhängig voneinander, seien die wichtigsten Faktoren für eine gute Arbeit in den Unterkünften für geflüchtete Menschen. Man muss nur einen Vormittag in der Stallschreiberstraße verbringen um das zu verstehen.

Traurige Lebensgeschichten

In dem ehemaligen Seniorenheim am Moritzplatz wohnen heute 400 Flüchtlinge, 100 davon sind Kinder und Jugendliche. Die meisten haben zuvor schon sechs Monate in einer Notunterkunft, also in Turnhallen oder anderen Einrichtungen verbracht. Hier haben sie eine Ein- oder Zweizimmerwohnung. Jede Familie kocht für sich. Viel miteinander zu tun hat man nicht. Genau wie in anderen großen Mietshäusern auch. Nur leben die Menschen hier in einer anderen Situation, in einer ihnen fremden Welt, ohne Verwandtschafts- und Freundeskreis und, jenseits der Integrationskurse, ohne Einbindung in gesellschaftliche Strukturen. Dafür mit meist sehr traurigen Lebensgeschichten. Der Gemeinschaftsraum, in dem es W-Lan gibt, ist in der Regel vor allem von Männern besetzt, die Frauen bleiben isoliert in ihren Zimmern. „Es gibt viel Einsamkeit an diesen Orten, für alle, aber vor allem für die Frauen“, sagt Barbara Weidner. Seit 2014 arbeiten sie und Jo Parkes in der Stallschreiberstraße. Mit Tanzkursen für Kinder hat es begonnen. Vier Mal im Jahr gibt es seitdem für zehn Wochen einen wöchentlich stattfindenden Tanzkurs. Am Ende steht jeweils ein Fest für alle Bewohner der Einrichtung, die auch für alle Interessierten von außerhalb offene „Tanzparty“. Seit Anfang dieses Jahres bieten Parkes und Weidner die Nähgruppe für die Frauen an. Die Idee für die Quiltdecke und für kleine Quiltkissen, von denen jede Frau eine mitnehmen kann, auch wenn sie die Unterkunft wohin auch immer verlassen, haben sie gemeinsam entwickelt.

Huda ist 21 Jahre und sitzt mit am Tisch, auch wenn nähen nicht ihr Ding ist. Wenn sie sich nicht den Fuß schlimm verstaucht hätte, dann wäre sie jetzt in der Schule, im Berlin Kolleg, das für erwachsene Flüchtlinge, die Abitur machen wollen, einen eigenen Kurs anbietet. Sie ist sehr hübsch, offensichtlich hoch intelligent und auf eine souveräne Weise bescheiden. Seit gerade Mal fünf Monaten lebt sie in Deutschland und spricht dafür ungewöhnlich gut deutsch. „Wenn ich ein paar deutsche Freunde hätte, wäre es viel besser und mehr Spaß machen würde es auch“, seufzt sie. Jetzt sitzt sie dabei und fädelt für die Mutter die Fäden in die Nähnadeln. „Beim nächsten Tanzfest wird sie die Übersetzung übernehmen“, sagt Barbara Wieder, und Huda lächelt und nickt. Es ist das, was Weidner und Parkes neben der Freude und der Möglichkeit zum kreativen Ausdruck wohl vor allem schaffen: Strukturen, die es überhaupt erst ermöglichen miteinander solidarisch zu sein, sich zu vernetzen, füreinander aktiv zu werden. Jeder der bereit ist wird in das Junction-Projekt, das mit ähnlichem Konzept noch in drei weiteren Unterkünften läuft, eingebunden.

Die Choreografin Jo Parkes ist eine quirlige Person, eine mit viel Erfahrung, die seit Jahren Tanzprojekte an Berliner Brennpunktschulen realisiert und mit ihrer zugewandten Art, egal wie schwierig die Jugendlichen sein mögen, fast jede Gruppe für sich gewinnt. Aber bei der Arbeit mit den geflüchteten Kindern und Jugendlichen sei sie am Anfang oft verzweifelt. „Wenn Menschen unter so viel Stress stehen, sich in unklaren Lebenssituationen befinden, mit viel Fluktuation, oft von Abschiebung bedroht, dann reagieren sie entweder mit Aggression oder Depression.“ Langsam haben sie bei Junction – was übersetzt so viel wie Kreuzungspunkt und Verbindungsstelle bedeutet – mit den Kursen und den dazugehörigen vierteljährlichen Festen Strukturen aufgebaut, die der Lebenslage und dem ständigen Wechsel der Bewohner standhalten.

Und ein Netzwerk ist entstanden mit Menschen wie Hadi und Huda oder wie Hussein, der erst 16 Jahre alt ist und von dem Jo Parkes sagt, dass er für Junction zu den festen Ansprechpartnern gehört. Hussein ist ein wacher, lebendiger Junge, dem man anmerkt: Er ist einer, der trotz seiner jungen Jahre schon viel Verantwortung übernehmen kann und übernommen hat. „Früher war hier viel mehr Streit unter den Kindern“, sagt er. Das sei durch die Tanzgruppen besser geworden. „Weil es etwas Schönes gibt, was man miteinander macht.“ Und auch ein paar Erwachsene hätten Freundschaft geschlossen. Hussein gehört zu den Alteingesessenen in der Stallschreiberstraße. Er kommt aus Aserbaidschan, seit drei Jahren lebt er hier mit seinen Eltern und seinen beiden kleinen Geschwistern. Sie haben nur eine jeweils einjährige Duldung. Da ist es schwer, eine Wohnung zu finden. Hussein selbst tanzt nicht mit, aber er kümmert sich um die Organisation und die Technik, und er malt die Karten und Plakate für die Veranstaltungen. Demnächst wird er selbst im Rahmen von Junction gemeinsam mit einem Künstler einen Zeichenkurs für Kinder geben. Künstler will er aber nicht werden, sondern Polizist. Anders als der 25-jährige Mohamad, der früher in Damaskus getanzt hat, dank Jo Parkes Kontakt in die Uferstudios bekommen hat, jetzt erst mal Tanz unterrichtet und sich im kommenden Jahr an der Universität der Künste für den Studiengang Choreografie bewerben will.

Noch andere Angebote

„Ich weiß gar nicht, wie die Atmosphäre im Haus hier wäre, wenn wir den Tanz und die Feste und die offene Frauengruppe am Mittwoch nicht hätten“, sagt Felix Huth, der Heimleiter. Es gibt noch andere gute Angebote in der Stallschreiber-straße. Deutschkurse von Ehrenamtlichen, eine von Bewohnern selbst geführte Bibliothek. Einen kleinen Computerraum. Der war bei den Jugendlichen äußerst beliebt. Aber wie die „Bibliotheksleiterin“ hat auch der EDV-Fachmann einen Job und eine Wohnung gefunden. Jetzt sind beide Räume erst einmal stillgelegt. Bis Huth, Barbara Weidner und Jo Parkes für diese Aufgaben neue engagierte Bewohner aufgespürt haben.