Hier müssen Sie am Wochenende hin: die Tipps unserer Kulturredaktion

Wir empfehlen Hausputz-Performances, Selbstbewusstsein aus dem Theater, Langhalslauten-Grunge, ein Regenbogenfamilienporträt und eine Kindesmord-Oper.

Uroš Pajović/BLZ

Olaf Nicolais „Hausputz“-Performance im neuen Potsdamer Kunsthaus Minsk

Was da so grün und wie ein Labyrinth aussieht, sind zahllose Plastikbesen, arrangiert zu einem Irrgarten auf der Wiese. Doch niemand wird sich darin verirren. Eher darüber amüsieren, denn diese Besen braucht der Künstler Olaf Nicolai  für seine Performance „Hausputz“ im neuen Potsdamer Museum namens Minsk. Der 1962 in Halle/Saale geborene Konzeptualist bezieht sich auf die wechselvolle Geschichte des Hauses. Es wurde einst im Stile der sachlich-rationalen DDR-Moderne erbaut und war ein so beliebtes wie viel genutztes Restaurant mit dem Namen der sowjetischen Partnerstadt Minsk. Jede der 15 Bezirkshauptstädte (inklusive Ost-Berlin) hatte zu DDR-Zeiten eine solche Partnerkommune im Sowjetreich – und ein Restaurant mit deren Namen.

Nun ist das Minsk, nach der deutschen Wiedervereinigung zunächst dem Verfall preisgegeben, dann von dem in Potsdam ansässigen Kunstmäzen Hasso Plattner gerettet und wiederaufgebaut worden und seit September bekanntlich Museum insbesondere für Kunst aus dem verschwundenen Land zwischen Kap Arkona und Fichtelberg. Staub konnte sich in dem picobello sanierten Haus garantiert noch keiner ansetzen. Trotzdem macht Nicolai seine „Ménage de la maison“. Das ist typisch für seine Kunst, die immer mit Irritation arbeitet. Er bricht mit Erwartungshaltungen und voreiligen Beobachtungen, hinterfragt Vertrautes.

Olaf Nicolai: „LABYRINTH“, Installation aus Besen für den Hausputz, die Aktion fand schon einmal statt in der französischen Stadt Seine-Saint-Denis, 1998.
Olaf Nicolai: „LABYRINTH“, Installation aus Besen für den Hausputz, die Aktion fand schon einmal statt in der französischen Stadt Seine-Saint-Denis, 1998.VG Bild-Kunst, Bonn 2022/Studio Olaf Nicolai/Galerie Eigen+Art

Bei seinem „Hausputz“ im Minsk wird er mit besagten grünen Besen kehren und dabei reden, summen, singen. Das Publikum vor den Bildern von Mattheuer und Stan Douglas wird sich wundern und die Gäste im Museumscafé könnten denken, er sei wirklich der Putzmann. Eigentlich aber will Nicolai, dass sie innehalten oder neugierig aufschauen.

Ein Hausputz soll, ebenso wie die Stadtreinigung, einen nie da gewesenen, idealen Zustand wiederherstellen. Der Versuch, diesen Zustand zu erreichen, kann darin münden, dass etwas neu gesehen wird oder etwas Darunterliegendes, gar Verdrängtes, wieder offengelegt wird. Im übertragenden Sinn findet während des Hausputzes eine Auseinandersetzung mit dem Vorhandenen und Vergangenen statt, wodurch gleichzeitig neue Begegnungen mit Orten, Begebenheiten und Erinnerungen entstehen. Beide Aspekte sind von wesentlicher Bedeutung für das Minsk: „Es handelt sich um einen neuen alten Ort, der seine eigene Identität zwischen Erinnerung und Gegenwart finden muss“, so Direktorin Paola Malavassi. Ingeborg Ruthe

Minsk, Kunsthaus in Potsdam, Max-Planck-Str. 17. Hausputz-Performance ab Sonnabend, 22. Oktober, bis 7. November, mittwochs bis montags jeweils zwischen 12 und 13 Uhr, am Premierentag schon ab 11.30 Uhr.


Produktive Selbstbeschäftigung auf der Bühne: „Im Spiegelsaal“

Die Theatermacherin Katharina Bill hat für das Junge DT die Graphic Novel „Im Spiegelsaal“ von Liv Strömquist für die Bühne adaptiert und mit sieben jungen, weiblich gelesenen Lai:innen inszeniert. Das zunehmende Missbehagen der jungen Generation mit den Fremdzuschreibungen und Geschlechterklischees lässt sich schon lange nicht mehr wegreden. Das erfordert ungewohnte Rücksichten und – siehe oben – auch komplizierte grammatikalische Verrenkungen. Selten war die Beschäftigung mit sich selbst produktiver und gesellschaftskritischer als jetzt. Zugleich erfordern die sozialen Medien immer rigorosere Formen von Selbstinszenierung und Selbstvermarktung, der Anpassungsdruck ist enorm und steigt noch bei den Versuchen der Individualisierung, unbeabsichtigte und nicht zu beeinflussende Abweichungen im Erscheinungsbild werden zum Fluch.

Zalina Sanchez, Hedda Erlebach (v. l.) in „Der Spiegelsaal“ nach Liv Strömquist im Deutschen Theater
Zalina Sanchez, Hedda Erlebach (v. l.) in „Der Spiegelsaal“ nach Liv Strömquist im Deutschen TheaterArno Declair

Katharina Bill weiß, worum es geht, sie engagiert sich gegen Fatshaming und Dickenhass, Formen der Diskriminierung, die umso fieser sind, weil den Opfern die Schuld für ihr Aussehen zugeschoben wird, wie Bill der Berliner Zeitung im Interview erklärte. Die Pubertät war schon immer ein seelisches Kampffeld zwischen Anpassung und Individualisierung. Die Bühne kann ein gutes Instrument sein, Selbstbewusstsein zu schaffen, das Publikum damit anzustecken und dabei das ernste Thema spielerisch anzugehen. Gute Laune macht stark. Ulrich Seidler

Im Spiegelsaal. Fr., Sa. 19 Uhr im Deutschen Theater (Kammerspiele), weitere Termine am 24. Oktober sowie am 17., 18., 19. November, Karten und Informationen unter Tel.: 030 28441225 oder deutschestheater.de


Mutter Mutter Kind: Langzeitporträt einer Regenbogenfamilie

Es klingt wie der Plot einer romantischen Komödie: Die Frauen Anny und Pedi wollen Kinder miteinander und geben eine Annonce auf, um einen Samenspender nach ihren Vorstellungen zu finden. Sie einigen sich auf den Heilpraktiker Eike, mit dem sie drei Söhne zeugen. Jahre später stellt sich raus: Eike hat noch viel mehr Kinder und die Regenbogenfamilie ist plötzlich größer, als es Anny und Pedi je erwartet hätten.

Über zwölf Jahre lang hat die Regisseurin Annette Ernst die Familie begleitet, beginnend mit der Geburt des dritten Sohnes. Aus den Massen an Material haben die Filmemacher ein dichtes Familienporträt montiert und verknüpfen es wirkungsvoll mit der Geschichte und dem Status quo von LGBTQ-Politik. Die Mütter und Kinder agieren sicher und offen vor der Kamera, es ist spürbar, dass sich zwischen den Protagonisten und dem Filmteam über den langen Zeitraum ein großes Vertrauensverhältnis aufgebaut hat. Auch Gegner des alternativen Lebensmodells lässt die Regisseurin zu Wort kommen, manche sind Teil von Annys Familie. Annette Ernst wird am 23. Oktober im Babylon Kreuzberg nach der Vorführung über die Entstehung ihres Dokumentarfilms sprechen. Claudia Reinhard

„Mutter Mutter Kind“ in Anwesenheit der Regisseurin, Dokumentarfilm, 97 Minuten, So., 23. Oktober, 20.30 Uhr, Babylon Kreuzberg, Eintritt: 10 Euro, Tickets gibt es hier


Liveübertragungen aus der Metropolitan Opera in Berliner Kinos

Es ist Oktober und somit wieder Zeit für die Liveübertragungen aus der Metropolitan Opera in New York, die nun jeden Monat stattfinden. Bis Juni 2023. Den Auftakt macht Luigi Cherubinis selten aufgeführte Oper „Medea“. Einst sang Maria Callas die Titelrolle, in dieser Inszenierung ist es Sondra Radvanovsky. Sie porträtiert die mystische Zauberin, die bei ihrem Streben nach Rache vor nichts zurückschreckt. Mit der Inszenierung von David McVicar eröffnete das New Yorker Opernhaus im September seine Saison. Zu Radvanovsky gesellt sich der Tenor Matthew Polenzani als Medeas Argonauten-Ehemann Giasone; die Sopranistin Janai Brugger gibt ihre Rivalin. Der Bass Michele Pertusi tritt als ihr Vater auf, Creonte als König von Korinth, und die Mezzosopranistin Ekaterina Gubanova als Medeas Vertraute Neris. Carlo Rizzi dirigiert Cherubinis Werk. Und all das kann man nun in mehreren Berliner Kinos sehen. Susanne Lenz

Met Live „Medea“ 22. Oktober, 19 Uhr in ausgewählten Berliner Kinos, drei Stunden, eine Pause: Tickets und Kinos hier


Konzert: Gaye Su Akyol im Gretchen

Sie ist definitiv eine der aufregendsten Stimmen der gegenwärtigen Türkei – und ein wahrer Star im queeren Underground von Istanbul: Gaye Su Akyol. Die Sängerin, Jahrgang 1985, fusioniert westlichen Nirvana-Grunge mit östlich-traditionellem Instrumentarium wie der arabischen Oud-Laute und der Langhalslaute Bağlama – und einem bezaubernden Sopran, der sich jenseits westlicher Tonleitern in Mikrointervallen (Vierteltönen) auf und ab seilt.

Gaye Su Akyol steht für einen abgefahrenen Glamour des Klangs, wie man ihn nur selten findet. Wer sie zuletzt 2018 in Berlin im Yaam erlebt hat, als sie übrigens all den mutigen Journalistinnen und Journalisten dankte, die sich nicht von der Regierung einschüchtern ließen, weiß: Diese Frau sollte man nicht verpassen, unbedingte Empfehlung! Stefan Hochgesand

Gretchen Obentrautstraße 19, Freitag, 21. Oktober, 20 Uhr, VVK 22 Euro