Donnerknispel! Bonfortionös! Wer so spricht? Der erste Ausruf entfährt Jessica, der Hauptfigur in Jane Gardams vor kurzem auf Deutsch erschienenen Roman „Weit weg von Verona“. „Bonfortionös“ wiederum verwenden Claire und Sophie gerne, zwei Mädchen aus gutem Hause, die Jessica ebendort auf einer Party kennenlernt. Man vergisst diese Wörter nicht mehr, wie viele weitere, neue, bizarre, witzige und zum Seufzen schöne. Man denkt: Jane Gardams Stil ist einzigartig.

Doch die Worte „bonfortionös“ und „Donnerknispel“ schrieb nicht die englische Schriftstellerin Jane Gardam. Im Original sagen Claire und Sophie „spiflicating“ und Jessicas Ausruf klingt so: „Oh lardie-da“. Die deutschen Wörter stammen von Isabel Bogdan, Gardams Übersetzerin von erster Stunde an. 2016 erschien „Ein untadeliger Mann“ auf Deutsch, der erste Teil der „Old-Filth-Trilogie“, und stürmte die Herzen der deutschen Leser und Kritiker.

Und wenn man verstehen will, was das bedeutet, ein Werk wie das von Gardam zu übersetzen, gebe man die Begriffe in ein Übersetzungsprogramm ein. „Spiflicating“ kennen als Adjektiv weder Pons noch Langenscheidt, Google erfindet: „Sprizifizierend“. „Lardie-da“ wird konsequent mit „lardie-da“ übersetzt. Fragt man den Duden nach „bonfortionös“, fragt er: „Meinten Sie „Konfirmation“?

Duden stehen viele im Arbeitszimmer von Isabel Bogdan – 1968 in Köln geboren, seit dem Studienabschluss der Anglistik und Japanologie Übersetzerin von Belletristik, Sach- und Kinderbüchern –, Rücken an Rücken mit unzähligen anderen Nachschlagewerken und Wörterbüchern. Dazu nutzt sie die digitalen Angebote. Doch manchmal hilft das alles nichts. Dann beginnt das, was Bogdan als „spielen“ bezeichnet – spielen mit Worten, ausprobieren, warten auf den Geistesblitz, den „Donnerknispel-Moment“, sozusagen.

Eine Arbeit, die Spaß macht

Das Wort sei ihr plötzlich eingefallen, erzählt Isabel Bogdan, sie kenne es, so glaubt sie, aus der Fernsehserie „Nesthäkchen“. „Weit weg von Verona“ spielt in den 40er-Jahren. „Da kann ich Jessica nicht ‚cool!‘ oder ‚wow!‘ ausrufen lassen. Ich brauchte ein Wort, das ein bisschen aus der Zeit gefallen ist“, sagt Bogdan. Zwar habe sie den Anspruch, Gardams Bücher in ein modernes Deutsch zu übersetzen. Doch „ein Petersiliensträußchen Zeitkolorit hier und da muss schon sein“. Eine „Gratwanderung“ sei das oft, aber: „Es macht Spaß.“

Dass Isabel Bogdan ihre Arbeit Spaß macht, ist ihr anzusehen an diesem Nachmittag in der großen, freundlichen Altbauwohnung in Hamburg. Zwischen Pflaumenkuchen, Krapfen und den Büchern, die sie immer wieder aus dem deckenhohen Regal zieht, schwirren die Anekdoten aus dem Übersetzerleben nur so über den großen Holztisch. Sie handeln von der Suche nach dem richtigen Wort, dem „Sound“ einer Zeit, der „Stimme“ eines Charakters. Eine Suche, die aufregend ist, oft sehr lustig, aber auch manchmal anstrengend. „Wir übersetzen nicht Wörter oder Sätze, wir übersetzen Texte“, sagt Bogdan. Und diese Texte bergen Länder und Zeiten, Kulturen und Kurioses, das wird im Laufe des Gesprächs immer deutlicher.

Sebastian Guggolz, Gründer des Guggolz-Verlages, der 2016 die Übersetzerbarke, eine Auszeichnung des Verbandes der Literaturübersetzer (VdÜ), verliehen bekam, formulierte das in seiner Dankesrede so: „Es muss der Raum übersetzt werden, es muss die Gesellschaft übersetzt werden. Es muss der literarische Kontext übersetzt werden, auch der politische (...) Es muss, gerade bei älteren Büchern toter Autoren, die Zeit mitübersetzt werden.“

Die Übersetzerbarke geht jedes Jahr an eine Person der Branche, die sich in besonderer Weise um diesen Berufsstand verdient gemacht hat – das können Verleger, Kritiker, Veranstalter sein. Sie bekommen den Preis, weil sie, wie Guggolz, anständige Honorare zahlen und die Namen der Übersetzer auf das Cover drucken. Oder weil sie sich, wie Elke Schmitter, die 2015 ausgezeichnet wurde, in Rezensionen behutsam und kritisch mit deren Kunst auseinandersetzen. Es sind Personen, die das Übersetzen sichtbar machen, und wenn man Guggolz’ Worte ein wenig in sich bewegt, wird einem die Ungeheuerlichkeit dieses Preises bewusst. Weil es ihn gar nicht geben dürfte. Weil er für Leistungen vergeben wird, die selbstverständlich sein sollten.

Unsichtbare Künstler

Denn der Spaß ist das, was Isabel Bogdan ihre Arbeit „auf kleiner Ebene“ bedeutet. Und dann gibt es noch die große: „Es geht darum, das Weltwissen zu vermehren. Es geht um den Austausch zwischen den Kulturen. Der wird mit zunehmender Globalisierung immer wichtiger.“ Sie hält kurz inne und fügt nachdenklich hinzu: „Ich bin ein kleines Rädchen in einem globalen Zusammenhang.“ Das plötzliche Nachdenklichwerden wie auch der Ausdruck „kleines Rädchen“ sind typisch für dieses Gespräch. Denn natürlich ist Übersetzen – hinter den Anekdoten – ein großes und sehr ernstes Thema. Groß, weil es letztlich um die Verständigung zwischen Völkern geht. Groß, weil zeitgleich mit ihrem Zusammenrücken die Welt immer mehr auseinanderdriftet, Völker und Kulturen sich abschotten. „Gerade jetzt sollten wir ganz viele übersetzte Bücher lesen“, sagt Bogdan. Leise, wie nebenbei, sehr ernst.

Wenn sie sich als „kleines Rädchen“ bezeichnet, ist das deswegen typisch, weil sie immer wieder betont, dass sie für die gesamte Zunft spricht, wenn es um deren Nöte geht. Sie sagt oft „wir“ – und spricht nur dann in Ich-Form, wenn sie verdeutlichen will, wie komfortabel ihre Situation ist im Vergleich zu der vieler Kollegen. Weil sie für die „wunderbaren Verlage“ Hanser und Kiwi arbeitet. Anständig bezahlt wird. Aufträge, die ihr nicht behagen, ablehnen kann. Weil sie ein Name ist. Die deutsche Stimme von Jane Gardam, deren nächstes Buch im Frühsommer 2019 erscheint. Und dann ist da noch „Der Pfau“. Bogdans eigenes Romandebüt und der Überraschungsbestseller 2016, der sich zum Longseller entwickelt hat.

Die Leser lieben die Geschichte von der Banker-Gruppe, die zum Teambuilding in ein Cottage im schottischen Nirgendwo fährt und dort von einem Pfau erwartet wird, der alles angreift, was blau ist. Die Verkaufszahlen denken nicht daran zu sinken, und die Autorin reibt sich bis heute die Augen über diesen Erfolg: „Jahrelang hab ich unbemerkt vor mich hin übersetzt und plötzlich kennt jeder Buchhändler im Land meinen Namen. Das ist crazy!“

Dabei hatte sie nie vor, einen Roman zu schreiben. Es war der Pfau, der ihr wirklich begegnete, der sie dazu animierte. „Man wird ja als Übersetzerin ständig gefragt, wann man endlich sein eigenes Buch schreibe. Ein richtiges Buch. Als wäre Übersetzen ein Schreiben zweiter Klasse“, sagt Bogdan. Sie habe aber gar nicht das Bedürfnis gehabt. „Es gibt doch schon so viele tolle Bücher!“

Nun, ein bisschen auf den Geschmack gekommen ist sie doch. Ihr zweiter Roman erscheint im Herbst. „Keine weitere fluffige Komödie, etwas völlig anderes.“ Mehr verrät sie nicht. Nur, dass sie aufgeregt ist. Wie die Leser, die Buchhändler, es aufnehmen werden. Lesen werden sie es – weil Bogdan ein Name ist. Nicht mehr „zweite Klasse“, wie die vielen Unsichtbaren der Branche. Kollegen, die „für 13 Euro die Seite arbeiten, ich weiß nicht, wie man davon leben soll“, sagt Bogdan. „20 Euro galt mal als Schallgrenze, aber die ist seit einer Weile durchbrochen.“

Schwierige Bedingungen

Einige Verlage haben sich auf Vergütungsregeln geeinigt – viel zu viele aber nicht. Die Übersetzer ringen um 50 Cent mehr pro Seite, während die Verlage sechsstellige Summen für Lizenzen für ausländische Werke ausgeben. Diese Kluft erklärt sich auch damit, dass in einigen Häusern die Übersetzungen aus einem anderen Topf bezahlt werden. Sie gelten nicht als Künstlerhonorare, sondern fallen unter „Herstellung“. Das sagt viel über die Sicht auf diesen Beruf hierzulande.

Eine vom Bundesgerichtshof 2011 festgelegte Umsatzbeteiligung müssen sich Übersetzer oft erstreiten. Mit der Folge, dass sie sich anschließend einen anderen Verlag suchen müssen. Die Nennung des Übersetzers auf dem Cover ist immer noch die Ausnahme, ebenso die Nennung ihrer Namen und Leistungen in Rezensionen. Erwähnt werden sie gerne dann, wenn der Rezensent zwei, drei Fehler findet. „Aber jeder macht Fehler!“ ruft Bogdan aus. Deswegen sei aber nicht gleich die ganze Übersetzung schlecht – die oft unter großem Zeitdruck geschafft werden muss. Sie habe einmal geschrieben: „Das Essen wurde auf silbernen Tabletten serviert.“ Zum Glück habe die Lektorin es gesehen.

Eine weitere Ausnahme: dass Übersetzer als deutsche Stimme zu Lesungen eingeladen werden. Stattdessen wird gerne ein bekannter Schauspieler neben den Autor gesetzt. Das ist einer der wenigen Momente, in denen Bogdan ein wenig wütend wird. „Keiner kann mehr über ein Buch erzählen als der Übersetzer!“

Es wäre einer von vielen Wegen, diese bekannter zu machen. Und welche Wünsche hat Isabel Bogdan noch, an die Verlage, den Gesetzgeber, die Buchhändler, die Medien, die Leser? „An die ersten vier ist es derselbe: Anerkennung unserer Arbeit – materiell wie immateriell – und Sichtbarkeit.“ Dem Leser, sagt Bogdan, könne man keinen Vorwurf machen, wenn er die Namen der Übersetzer nicht kenne. „Solange wir von den Verlagen und Medien kleingehalten werden, kann man dem Leser nicht vorwerfen, dass er uns nicht sieht.“

An diesem Sonntag ist Hieronymus-Tag. 2017 wurde der 30. September durch die UN zum „International Translation Day“ erklärt, auch vorher schon nutzten Übersetzer und Dolmetscher überall auf der Welt diesen Tag, um unter dem Namen des Heiligen Hieronymus, Übersetzer des Alten Testaments vom Hebräischen ins Lateinische, auf ihre Bedeutung, ihre Nöte und Forderungen aufmerksam zu machen. Ein guter Tag also, um ein übersetztes Buch zu lesen. Sich klarzumachen, dass zwei Stimmen daraus sprechen. Und die zweite uns die Welt nach Hause holt. Dass das Kunst ist. Und sehr viel Arbeit. Donnerknispel!